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Interkulturelle Tandems III: Ein Syrer gibt seine Praxis für ein Leben in Sicherheit auf

06.03.2017 Nach Sahar aus Afghanistan und Wajeeh aus Syrien berichtet heute ein zweiter Syrer über seine Teilnahme an den Interkulturellen Tandems an der Leuphana. Amer hat seine Zahnarzt-Praxis in Syrien aufgegeben, um nach Deutschland zu fliehen. Seine Tandem-Partnerin, Prof. Dr. Simone Abels, und er sind seit Sommer 2016 bei den Tandems dabei. Amer und Simone schildern ihre bisherigen Erfahrungen mit dem Austausch von Kultur und Sprache.

Durch das Tandem neue Denkanstöße bekommen

Auf die Frage, welche Erwartungen es im Vorfeld gab, sagt Amer, dass im Positiven vieles so gelaufen ist, wie er sich das vorgestellt hat und er besonderes Glück mit seiner Tandempartnerin hatte. Durch die vielen Gespräche mit ihr erhielt er zum Beispiel neue Impulse in vielen Lebensbereichen. Die Gespräche drehen sich um viele verschiedene Themen, z.B. Ernährung, Politik, Religion, Familie, Hobbies u.v.m. Simone Abels ergänzt, dass der Austausch im Tandem angenehm und auf Augenhöhe verlaufe. Dies sei vor allem deshalb so, weil man sehr intensiv mit nur einem Partner spricht und dabei viele Gemeinsamkeiten entdeckt, obwohl man vorher eher von vielen kulturellen Unterschieden ausgegangen ist. Einige Unterschiede gibt es allerdings schon. Amer findet es zum Beispiel immer merkwürdig, dass in Deutschland die Frauen den Männern manchmal die Tür aufhalten. Es sei ihm besonders am Anfang schwergefallen, dieses Angebot von Simone anzunehmen und es fällt ihm heute noch nicht leicht. Die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau sei aber auch in Deutschland manchmal sehr widersprüchlich, bemerkt Simone. Nur dass sie hier so selbstverständlich als Mann und Frau zusammensitzen dürfen, das sei in Syrien nicht üblich. Simone braucht dazu keine Erlaubnis von ihrem Mann, sie verabredet sich einfach so mit Amer. Amers Frau ist Apothekerin, sie arbeitet zwar auch mit anderen Männern, doch obwohl die beiden sehr modern leben, verabredet sie sich nicht mit anderen privat. Er habe durch das Tandem gelernt, dass ein intellektueller und menschlicher Austausch zwischen Mann und Frau sinnvoll und dass die Angst im arabischen Raum davor unbegründet ist. 

Der Blick auf die eigene Kultur und Religion durch das Tandem geschärft

Bei ihren Gesprächen zur Religion reden beide auch darüber, wie etwa Feiertage begangen werden und welche Bedeutung sie für jeden einzelnen haben. Amer ist offen, was die religiösen Gefühle der anderen angeht.
„Wir feiern in Syrien das Zuckerfest genauso wie Weihnachten da meine Frau Christin und ich Moslem bin. Letztendlich sind die verschiedenen Religionen doch alle ähnlich, aber die äußere Hülle ist anders.“ Ihm sei bewusst, dass das nicht all seine Landsleute so sehen und dass bestimmte Politiker daraus Kapital für die eigenen Interessen schlagen und sich daraus immer wieder politische Konflikte ergeben.

Für Simone, die nicht religiös ist, sich aber im Christentum gut auskennt, sind die Gespräche mit Amer über Religion immer sehr anregend. Viele Dinge ähneln sich sehr. Auch Diskussionen über den Unterschied von Wissenschaft und Religion sind ein spannendes Thema, vor allem die sich daraus entwickelten persönliche Überzeugungen jedes einzelnen. 

Die Karriere für Leben in Sicherheit geopfert

Amers Lage unterscheidet sich im Wesentlichen von denen der anderen Geflüchteten, da er in Syrien schon eine eigene Existenz aufgebaut hatte. Er ist auch älter als der Durchschnitt und musste neben seinem Beruf in Syrien all seine Besitztümer aufgeben – in Deutschland muss er wieder bei null anfangen. Er hat klare Vorstellungen von der Zukunft und will so schnell wie möglich auch in Deutschland wieder als Zahnarzt arbeiten. Das B2-Sprachniveau hat er schon, weiter geht es mit dem C1-Kurs an der Uni und dem Fachsprache-Kurs durch die Zahnarztkammer. Dieser findet seines Wissens aber leider nicht in Lüneburg statt und er muss auf einen freien Platz warten. Er würde auch gern seine Frau und seine Kinder nachholen, aber da lägen noch viele bürokratische Hürden und Wartezeiten dazwischen. Hinzu käme, dass es in Syrien keine deutsche Botschaft mehr gäbe und die Anträge im Libanon gestellt werden müssten.

Über seine Flucht haben beide sehr viel gesprochen, aber mittlerweile gibt es im Alltag auch viele andere Dinge zu klären. 
Simone unterstützt ihn bei solchen Herausforderungen und ergänzt: Man wisse oft selbst als Deutsche gar nicht, an welche Stelle man sich wenden soll. „Allein die Suche nach einer Wohnung für ihn gestaltet sich als schwierig. Wenn ich am Telefon sage, ich bin Professorin an der Universität, bekomme ich sofort positive Reaktionen. Wenn man dann aber sagt, für wen man eigentlich nach einer Wohnung sucht, hört man nichts mehr von den Anbietern.“

Auch wenn die Wohnungssuche nicht so einfach sei, erlebt er in Lüneburg keine aggressiven Formen des Rassismus. Die internationalen, politischen Entwicklungen beobachtet er mit großer Sorge. Wenn Trump sagt, das was Merkel getan hat, als sie viele Flüchtlinge einreisen ließ, war falsch, welche Auswirkungen hat das dann auf die europäische Flüchtlingspolitik und auf seine persönliche Situation? 

Beide wünschen sich, dass geflüchtete Menschen nicht wie eine Masse wahrgenommen werden, sondern dass jede/r einzelne mit seiner Geschichte wahrgenommen wird, so wie es in Lüneburg schon häufig passiert.


Weitere Informationen

Dr. Nuria Miralles Andress
Universitätsallee 1, C5.128
21335 Lüneburg
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Fax +49.4131.677-2666
miralles@leuphana.de

Prof. Dr. Simone Abels
Universitätsallee 1, C13.233
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2919
simone.abels@leuphana.de

Länderabend Syrien: Am 20.5.2017 findet im Rahmen der Reihe Einwanderungsland Europa in der VHS Region Lüneburg ein Länderabend zu Syrien statt. Die syrische Community aus Lüneburg und Umgebung gibt einen Einblick in ihr Herkunftsland. Es gibt Raum für persönliche Perspektiven, einen historischen Einblick und der Abend wird durch ein breites Kulturprogramm abgerundet. Zwischen Musik, Tanz und kulinarischen Spezialitäten wird es ausreichend Platz für Fragen und Dialog geben.


Autorin: Dörte Krahn, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.