Meldungen aus der Universität

Koordinatorin erläutert Konzept der „Interkulturelle Tandems“ an der Universität

13.03.2017 Auf Initiative von Dr. Nuria Miralles Andress entstanden im Sommer 2016 die ersten Interkulturellen Tandems an der Leuphana. Drei dieser Tandems haben sich in den vergangenen Wochen vorgestellt. Im Interview veranschaulicht die Koordinatorin des Programms ihre Idee und Erwartungen an die Tandems.

Dr. Nuria Miralles Andress von der Zentraleinrichtung Moderne Sprachen (ZeMoS) weiß, dass eine neue Fremdsprache nicht allein dadurch gelernt wird, möglichst viele Stunden in einem Sprachkurs zu belegen, sondern dass auch und vor allem die praktische Anwendung das gelernte Wissen festigt. Es handelt sich darum, aus „traditionell rezeptiven produktive Kompetenzen“ beim Spracherwerb zu entwickeln. Miralles Andress arbeitet mit Sprachtandems daher schon seit vielen Jahren und war bis zum letzten Jahr Vorsitzende der Internationalen Tandem-Stiftung in Spanien. Angefangen bei ihrem eigenen Spanischkurs wendete sie diese Methode erstmals 1988 erfolgreich an: 

Studierende aus Spanien trafen sich mit deutschen Studierenden für eine Intensivwoche, um jeweils teils auf Spanisch und teils auf Deutsch gemeinsame Themen zu bearbeiten. Heute treffen sie sich an der Leuphana und lernen beide so die Sprache des anderen. Die Sprachtandems haben sich inzwischen an der ZeMoS etabliert. Es gibt sie in vielen unterschiedlichen Sprachen und Einstiegsleveln.

Neu ist diese Form des Spracherwerbs also nicht. Aber die Anwendung auf den Erwerb von interkulturellen Kompetenzen in der Arbeit mit Geflüchteten schon. Da der Erwerb solcher Kompetenzen auch für den deutschen Part eine qualitativ hochwertige Weiterbildung darstellt, hält Dr. Miralles Andress fest, dass sich die studentische Leistung insofern vom Ehrenamt oder von reiner Hilfeleistung unterscheidet. Das Interkulturelle Tandem bietet allen Teilnehmern einen geschützten Begegnungsraum. Die Treffen im Tandem sind einigen Formalien unterworfen, welche die Gleichstellung ihrer Teilnehmenden innerhalb des Tandems gewährleisten sollen.

Das Tandem als Gesprächstreff

Ein (interkultureller) Tandemtreff dient dazu, dass man zum Sprechen kommt. Wer schon einmal im Ausland war, weiß, wie schwierig es sein kann, mit der einheimischen Bevölkerung in deren Sprache zu einem kontinuierlichen Gespräch zu kommen. Oft wird dem ausländischen Gast Englisch als Ausweichmöglichkeit angeboten, weil man meint, damit ihm/ihr die Kommunikation erleichtern zu können. Oder es bilden sich kleine sprachlich homogene Gruppen, die in ihrer eigenen Sprachwelt im Ausland untereinander kommunizieren, das geht natürlich auch den Geflüchteten so. Die Interkulturellen Tandems knüpfen hier an und wollen die Sprache dadurch vertiefen, dass über Themen verhandelt wird, welche die Tandem-Partner selbst aus deren eigenen Interessenfeldern bestimmen können. Die Motivation, die Erfahrung oder Meinung des Gegenübers kennen zu lernen steigt und bietet genügend Freiraum, sodass beide Seiten sich der Sprache und Kultur des Anderen langsam annähern können.

Die Scheu, aufeinander zuzugehen, wird abgebaut

Als Dr. Miralles Andress im letzten Juli den Aufruf ins Haus an die Universitätsgemeinschaft richtete, sich an diesen Tandems zu beteiligen, stieß sie auf ein überraschend breites Interesse seitens der Beschäftigten. Viele zeigten sich zwar neugierig auf andere Länder und wollten sich schon vorher für Geflüchtete engagieren, waren aber zu scheu oder fanden nicht selbst die Gelegenheit, einfach so auf Geflüchtete zuzugehen. Die Tandems stellten hier einen optimalen Begegnungsraum dar. Jede und jeder kann dabei bestimmen, ob und wie sehr sich aus einer freundlichen eine freundschaftliche Beziehung entwickelt. Ausdrückliches Ziel der Tandems ist eine solche Freundschaft nämlich nicht. 

Insgesamt nehmen 12 Leuphana-Beschäftigte und 14 Geflüchtete an den Tandems teil. Die Betreuungsquote ist also sehr gut – es ist sogar noch Potential für weitere Konstellationen gegeben. Daher soll demnächst eine zweite Runde für die Tandems mit neuen Geflüchteten starten. Die ersten Geflüchteten begannen letztes Jahr im Anfänger-Level (A2), sind jetzt im mittleren Sprachlevel (B1 – B2) und werden die Tandems bis zum Abschluss ihres Fortgeschrittenen Kurses C1 fortsetzen. Mit bestandener C1-Prüfung kann dann mit einem Studium zum Beispiel an der Leuphana begonnen werden – etwas, das sich viele Geflüchtete in diesem Kurs als Ziel für das kommende Wintersemester vorgenommen haben.

Leuphana setzt Interkulturelle Tandems erstmals und vorbildhaft um

Das ZeMoS hat mit Unterstützung des Personalrats, der Kommission für Weiterbildung und der Hochschulleitung erreicht, dass den Beschäftigten der Leuphana eine halbe Stunde ihrer Arbeitszeit pro Woche zur Verfügung gestellt wird, um sich mit den Geflüchteten bei den Tandems auszutauschen. 

Miralles Andress: 

„Mir war es wichtig, dass die Interkulturellen Tandems zu einem offiziellen Projekt der Leuphana werden. Gerade in einer Zeit, als in den Medien die Ängste und Ressentiments verstärkt aufkamen, wollte ich neue Wertmaßstäbe setzen und einen Rahmen bieten, um möglichen Ängsten der Bevölkerung in Lüneburg entgegen zu wirken.“

Dass die Medien durch eine einseitige Berichterstattung auf die Ängste der Bürger einen starken Einfluss nehmen können, hat sie oft erfahren. In Diskussionen der Reihe „Einwanderungsland Europa“ in der Stadt oder im beruflichen Umfeld an der Universität begegnet ihr zum Beispiel die Angst, dass die Geflüchteten zu starken Einfluss auf die deutsche Kultur nehmen könnten. Dass sich alles ändern werde. Sie fragt sich, wie das bei einer Bevölkerung von über 80 Millionen Deutschen und einer Million Geflüchteten möglich sein soll.

„Dass Deutsche sich zur Begrüßung die Hand geben und dies auch zwischen Mann und Frau üblich ist, war für einige Geflüchtete schon ein Kulturschock. Aber hören die Deutschen deshalb auf, sich zur Begrüßung die Hand zu geben? Ich denke nicht. Ich denke aber, dass wir das, was uns an den Anderen gefällt, in unsere Kultur übernehmen können. Uns überrascht immer wieder die offene Gastfreundlichkeit, mit der wir bei den Geflüchteten aufgenommen werden, aber auch mal deren leckeres Essen – vielleicht hat in einigen Jahren jeder von uns sein eigenes Falafel-Rezept zu Hause so wie jeder seine Pasta oder Pizza zu Hause selber zubereitet – oder vielleicht gehen wir noch offener miteinander um.“

Die Universität zeigt mit den Tandems, dass die Begegnungen möglich, bereichernd sind und helfen, potentielle Ängste abbauen. Die Beschäftigten werden zu Multiplikatoren und lassen ihr Umfeld, ihre Familien und Freunde, an ihren Erfahrungen teilnehmen. Für eine Universität, die sich den Herausforderungen der Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts stellen will, sind die interkulturellen Tandems eine wegweisende Methode, um zu zeigen, dass sich Interesse zwischen den Kulturen entwickeln kann. Niemand, so Miralles Andress, müsse alle Geflüchteten deshalb ins Herz schließen, aber „wir können zeigen, wie eine Partnerschaft zwischen den Kulturen auf Augenhöhe entstehen kann“.

Frau Dr. Miralles Andress will ihre Universitätserfahrungen an die Stadt weitergeben und führt derzeit Gespräche, wie in den Stadtteilen Lüneburgs Interkulturelle Tandems gemeinsam mit sozialen Trägern aufgebaut werden können.

Auffällige Geschlechterverteilung der Tandems

In den Tandems gibt es auf der einen Seite nur deutsche Frauen, die sich engagieren und auf der anderen Seite fast nur männliche Geflüchtete. Miralles Andress äußert sich dazu wie folgt:

„Die Anzahl der Männer bei den geflüchteten Menschen in Deutschland ist laut Angabe vom BAMF dreimal höher als die der Frauen. In unserem Projekt MitSprache ins Studium, einem Intensivsprachkurs für studierfähige Geflüchtete, ist diese Diskrepanz etwas höher, denn von den 42 Teilnehmenden sind 6 Frauen. Die meisten Teilnehmer sind bis auf wenige Ausnahmen noch junge Menschen im Ausbildungsalter. Es ist bekannt, dass diese jungen Männer aus ihrer Heimat vor dem Krieg geflohen sind -  meistens allein. Das ehrenamtliche Engagement der Frauen in Deutschland verhält sich wiederum proportional genau umgekehrt. So sind hier laut einer Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) der Humboldt-Universität zu Berlin fast dreifach mehr Frauen als Männer engagiert. Dass dies sich hier an der Leuphana ebenso massiv widerspiegelt, mag aber vielleicht auch an den Werbekanälen liegen. Ich hoffe also, dass bei der Fortsetzung des Projekts und deren Bekanntmachung andere (männliche) Kollegen mitwirken.“


Weitere Informationen

Kontakt

Dr. Nuria Miralles Andress
Universitätsallee 1, C5.128
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2660
Fax +49.4131.677-2666
miralles@leuphana.de


Autorin: Dörte Krahn, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.