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Einwanderungsland Europa: Worte wirken - den Rassismus-Begriff verstehen

03.04.2017 Im Rahmen der von Sven-Prien Ribcke organisierten Reihe „Einwanderungsland Europa- Wie begegnet Lüneburg dem Rechtspopulismus?“ hält Tsepo Andreas Bollwinkel Vorträge zum Thema „Sind wir eine rassistische Gesellschaft?“. In seinem ersten Vortrag „Worte wirken. Auf der Suche nach Definitionen“ in der Ev. Familien-Bildungsstätte setzte er sich mit dem Begriff "Rassismus" und dessen hierarchischer Struktur auseinander, die das Ergebnis europäischer Kulturgeschichte ist und noch immer nachwirkt. Bollwinkel ist Autor, Aktivist und Trainer zu Schwarzer Identität, Critical Whiteness und SOGI (Sexual Orientation and Gender Identity). Er kommt aus Südafrika und ist in Deutschland aufgewachsen.

Das Wort „Rassismus“ weckt schnell emotionale Reaktionen, hält Bollwinkel fest. Ins Gespräch gebracht, folgten dann oft unbehagliche Gefühle, Abwehr, manische Redseligkeit der Verteidigung oder unangenehme Stille. Schnell wird derjenige, der das Wort eingeworfen hat zum Schuldigen, eine harmonische Gesprächssituation zerstört zu haben.

Was ist überhaupt Rassismus? Wer hat es wozu erfunden?

Bollwinkel stellt zu Beginn seines Vortrages drei der größten und einflussreichsten Rassismus-Definitionen vor: Google, den Duden und Wikipedia. Die Definitionen dieser Quellen unterscheiden sich in Länge und Präzision, doch schlussendlich geht es laut ihnen bei Rassismus um eine Ansicht oder Gesinnung, die dazu führt, eine Wertabstufung für Menschen als eine Rechtfertigung dazu zu nutzen, diese auf eine bestimmte Weise zu behandeln, zu diskriminieren. Bollwinkel vermisst bei all diesen Definitionen entscheidende Details: die Gründe für die Entstehung des modernen Rassismus und die Nutznießer seiner Wirkmacht. Rassismus sei ohne die Auseinandersetzung damit nicht begreifbar.

Rassismus als Produkt der Moderne

Um Zugang zu schaffen, holt er mit einem Blick in die Geschichte aus. Der moderne Rassismus beginne mit der Epochenwende vom 15. ins 16. Jahrhundert. In Europa gab es einen Paradigmenwechsel, man wandte sich von einem vertikalen Weltbild ab, das Veränderung der Situation und Gesellschaftsschicht nur durch Tod und Himmeleintritt offenließ. Das Interesse wandte sich dem Neuen zu. Die Reformation wies die Menschen Europas in einer symbolischen Wende an, in die Welt zu ziehen. Die Geldwirtschaft und Manufaktur wuchs, die Hierarchien schmälerten sich, der Einzelne gewann in seiner Verwirklichung an Bedeutung. Diese Wende eröffnete dem Norden der Welt langfristig Fortschritt, Industrialisierung und Menschenrechte. Doch auf wessen Kosten? Der Süden erlebte den Kolonialismus. Sprachen, Kulturen und Menschenleben wurden geraubt und zerstört. Der systematische Menschenraub nach Amerika tauchen in den Geschichtsbüchern in der Regel unter den Begriffen des transatlantischen Sklavenhandels oder des transatlantischen Dreieckshandels auf. Diese Begriffe, so Bollwinkel, verharmlosten aber das Grauen durch einen handelswirtschaftlichen Begriff. Aus diesem Grund bevorzugt er den weniger bekannten Begriff „Maafa“, das in etwa „große Katastrophe“ auf Swahili bedeute. Dieser entstand in Anlehnung des inhaltlich gleichbedeutenden hebräischen Wortes „Schoa“, das jüdische Zeitzeugen in Bezug auf den Holocausts einführten.

Dehumanisierung als moralische Rechtfertigung

Wie konnte es dazu kommen, dass geistige Errungenschaften wie Humanismus und Aufklärung mit Versklavung und Unterdrückung der Menschen des globalen Südens einhergingen? Rassismus wurde als moralische Rechtfertigung neu erfunden und die Opfer wurden dehumanisiert, was es für sie unmöglich machte, von Menschenrechten zu profitieren. Die Wissenschaft schaffte „Beweise“ dafür, dass schwarze Menschen faul seien, nicht fähig sich selbst zu organisieren, also Führung benötigten und auch keinen Schmerz fühlen könnten. So stand für die Zeitgenossen die Idee der Menschrechte und individueller Freiheit, die durch die Aufklärung an Bedeutung gewann, in keinem Konflikt mit der Versklavung. So beschrieb Voltaire es als „unmenschlich, Bedienstete für sich arbeiten zu lassen“, hatte jedoch Aktienanteile in einem Unternehmen, das in der Karibik durch Sklavenarbeit produzierte.

Weißsein: unsichtbar und verinnerlicht mit historischen und sozialen Folgen

Die Rechtfertigung des Kolonialismus durch die rassistische Idee erschuf eine Hierarchie, in der weiße Menschen ganz oben stehen. Diese weiße Überlegenheit war jedoch ein Konstrukt, eine nicht erwiesene, aber als gegeben erachtete Annahme. Die Verinnerlichung hatte historische und soziale Folgen. Bollwinkel plädiert daher dafür, das Konstrukt des „weiß seins“ als entscheidenden Punkt in Definitionen über Rassismus aufzunehmen.  Er verstehe, wenn an dieser Stelle Leute denken: „Aber es gibt doch auch Rassisten, die nicht weiß sind!“ – Nein, antwortet Bollwinkel. Dies sei gruppenbezogene Fremdenfeindlichkeit. Diese Gräuel gründeten nicht in der hierarchischen Vorstellung ethnischer Überlegenheit, sondern in allgemein feindseligen Einstellungen zu Menschen unterschiedlicher sozialer, religiöser und ethnischer Herkunft sowie mit verschiedenen Lebensstilen.

Farbenblindheit- gut gemeint und doch verletzend

In der sich anschließenden  Diskussion ging eine Besucherin auf die Äußerung Bollwinkels ein, dass auch Weiße sich ihrer Eigenschaft einer weißen Hautfarbe bewusst sein müssten, um die noch immer anhaltende Ungleichberechtigung nicht-Weißer zu verstehen und ernst zu nehmen. Die Besucherin sähe sich aber nicht als Weiße und Bollwinkel nicht als Schwarzen, es sei ihr gleichgültig, welche Hautfarbe jemand habe und sehe es daher als widersinnig an, bei einer Selbstbeschreibung dieses Merkmal mit aufzuführen. Diese Einstellung nannte Bollwinkel „Farbenblindheit“. Sie sei gut gemeint, jedoch ungerecht und verletzend für nicht-Weiße. Indem die Hautfarbe als Eigenschaft abgesprochen würde, ignoriere man die damit verbundenen Erfahrungen und oft Nachteile, die diese Leute in der Gesellschaft erleben. Das weiß sein ist so normal für die Betroffenen, dass sie es nicht mehr bemerken – weil die Gesellschaft sie privilegiert, ihnen auf Grund der Hautfarbe keine Steine in den Weg legt. Es möge für sie nicht schlimm klingen, überspitzt formuliert die Einstellung zu haben, es sei für sie „nicht schlimm, dass er schwarz sei“. Was würde sie jedoch fühlen, wenn er sagen würde, er fände es „nicht schlimm, dass sie eine Frau sei“? Die Umkehrung der Relativierung einer Eigenschaft, die noch heute gesellschaftliche Nachteile mit sich bringt, mache deutlich, dass es ungerechtfertigt neutralisiere, was Betroffene durch ihre Eigenschaft erleben. Die Einteilung in Hautfarben sei moralisch falsch und nicht wünschenswert. Trotzdem sei das Bewusstsein dafür noch heute wichtig, um respektvoll miteinander umzugehen.

Bollwinkel schlägt also eine Überarbeitung des Rassismusbegriffes vor, der das Denken verändern soll. Denn Worte wirken, sie beeinflussen unser Denken und unser Handeln.

Der nächste Vortrag von Tsepo Andreas Bollwinkel findet unter dem Titel "Was war wirklich? – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit für wen?" am Montag, dem 24. April 2017, wieder in der Ev. Familien-Bildungsstätte statt.


Kontakt

Sven Prien-Ribcke, M.A.
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Autorin: Julia Graßhoff, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.