Meldungen aus der Universität

Für die Wissenschaftlichkeit - gegen alternative Fakten - Interview mit Maria von Salisch zum March for Science

03.04.2017 Wissenschaft hat zurzeit einen schwierigen Stand: Amerikanischen Hochschulen wird die Unterstützung gestrichen und auch in Europa erreicht eine wissenschaftsfeindliche Stimmung den Mainstream, „alternative Fakten“ gewinnen im öffentlichen Diskurs an Überzeugungskraft. Prof. Dr. Maria von Salisch vom Institut für Psychologie engagiert sich für den March for Science, einer am 22. April 2017 unter anderem in Hamburg stattfindenden Kundgebung zur Verteidigung von Wissenschaftlichkeit und Faktizität.

Was ist der March for Science und wie passt er in die gegenwärtige Situation?

Maria von Salisch: Der March for Science nimmt den Earth Day zum Anlass, um öffentlich kundzutun, dass wissenschaftliche Evidenz die Grundlage von gesellschaftlichen Debatten und politischen Entscheidungen bilden sollte. Menschen von innerhalb und außerhalb der Wissenschaft demonstrieren für den Wert von Wissenschaft und Forschung als einer Lebensgrundlage unserer offenen und demokratischen Gesellschaft.
Am 22.4. werden sich ab 14 Uhr Unterstützer_innen aus Norddeutschland auf dem Hamburger Rathausmarkt treffen und durch die Innenstadt marschieren. Am Ende steht ein Science Slam, bei dem Nachwuchswissenschaftler_innen die Ergebnisse ihrer Forschung knapp, verständlich und witzig erklären. Zeitgleich werden in Washington D.C., in allen 50 Bundesstaaten der USA, in 13 weiteren deutschen Städten und somit in mindestens 428 Städten auf der ganzen Welt Menschen aus diesem Grund auf die Straße gehen.
In Deutschland wird der Marsch von so honorigen Organisationen wie der Alexander von Humboldt-Stiftung, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst, der Helmholtz Gesellschaft und dem Deutschen Hochschulverband unterstützt, um nur einige zu nennen. Auch Nobelpreisträger_innen, Landesrektorenkonferenzen und viele Hochschulen machen inzwischen mit.
In dem Science March geht es indes nicht gegen die Person des US-Präsidenten Donald Trump, auch wenn der mit seiner Rede von den alternativen Fakten, seinen Einreiseverboten und seiner Zurücknahme von Umweltschutzauflagen natürlich zu einem wissenschaftsfeindlichen Klima beiträgt.

Wie ist die Situation um die globale Wissenschaft zurzeit bestellt?

Maria von Salisch: Wir leben in einer Welt, in der zunehmend Meinungen, Likes und ähnliches als „alternative Fakten“ wissenschaftlich belegten Tatsachen gleich gestellt werden. Geschürt von Populisten greift ein Klima der Wissenschaftsfeindlichkeit um sich, das wohl belegte wissenschaftliche Tatsachen leugnet und damit die Universität als Produktionsstätte dieses Wissens und seiner Weitergabe an die Studierende im Kern bedroht. Wissenschaftliche Fakten als Grundlage des gesellschaftlichen Diskurses sind nicht verhandelbar.

Wie stehen Sie zu dem Postfaktischen und den „gefühlten“ Fakten?

Maria von Salisch: Für eine Psychologin ist das eine schwierige Frage, denn einerseits betont die Psychologie „Vertraut auf Euer Gefühl“, beziehungsweise „Denkt nicht nur, oft ist die intuitive Entscheidung die richtige Entscheidung.“ Auf der anderen Seite geht Wissenschaft von einem rationalen Denkprozess aus, der auf rationalen Begründungen beruht. Insofern ist die Psychologie da in einem Zweispalt: Sie berät Menschen, besteht aber trotzdem auf wissenschaftlichen Prinzipien. Es sind unterschiedliche Ebenen: In der Lebensführung ist es oft wichtig, auf das eigene Herz zu hören und nicht alles umfänglich zu begründen. Aber wenn es um Entscheidungen von größerer Tragweite geht, dann brauchen wir in einer Demokratie Evidenzen, etablierte Verfahren der Beweisfindung und Prinzipien des gesellschaftlichen Diskurses.

Welche Rolle spielen wissenschaftliche Methoden?

Maria von Salisch: Wissenschaftlichen Methoden unterscheiden die Erzeugung von alternativen von der Erzeugung echter Fakten, wie auch Befindlichkeiten von wissenschaftlichen Einschätzungen. Wissenschaftliche Methoden wären zum Beispiel Falsifizierbarkeit, Widerspruchsfreiheit, das Arbeiten mit einer ausreichend großen und repräsentativen Stichprobe oder die Wiederholbarkeit eines Forschungsergebnisses. 

Woran kann man die Wissenschaftsfeindlichkeit erkennen?

Maria von Salisch: Die Wissenschaftsfeindlichkeit ist nicht auf den ersten Blick erkennbar. Es gibt aber Umfragen, die eindeutig zeigen, dass viele Leute der Wissenschaft nicht mehr glauben. Das reiht sich für mich in eine größere politische Landschaft ein, die des Populismus. Wo die gefühlte Wirklichkeit, zum Beispiel gegenüber Europa, eine größere Wirksamkeit hat, als alle Segnungen, die von Brüssel kommen. So etwas wie „Klimawandel ist eine Lüge“, „Impfungen verursachen Autismus“ oder „die Kriminalität in Deutschland ist seit 2015 massiv gestiegen“ sind Falschaussagen und zwar solche, die nicht belegbar sind und oft interessengeleitet in die Welt gesetzt werden. Die müssen korrigiert werden. Für Psychologen ist natürlich auch die subjektive Wirklichkeit dahinter wichtig. Die Politik fängt langsam an, sich auf die Wählergruppen einzustellen, die diese Weltbilder kultivieren. 

Sind Fakten vielleicht einfach unattraktiver?

Maria von Salisch: Fakten haben oft ein schwierigeres Spiel. Denn es ist einfach viel schwieriger, Fakten emotional so aufzuladen, sodass sie Menschen in der schnellen Kommunikation erreichen und somit für sie bedeutsam werden können. Am besten ist es, wenn die subjektive Befindlichkeit und die objektiven Fakten übereinstimmen. In Hinblick auf den Klimawandel ist es zum Beispiel der bedrohte Eisbär auf der Scholle. Dies ist ein Bild, das wirkt und hilft, um den Kampf gegen den Klimawandel weiterzuführen, und es ist gleichzeitig eine Tatsache.
Wir brauchen eben auch die subjektive Seite, die Aufladung von Fakten mit subjektiver Bedeutsamkeit, um uns politisch handlungsfähig zu machen, denn es sind die Emotionen, die uns zum Handeln motivieren.

Was bedeutet das für Universitäten?

Maria von Salisch: Ich denke, dass schon im Begriff der „alternativen Fakten“ ein fundamentaler Angriff auf die Universität enthalten ist, deren Ziel ja ist, Wissen zu produzieren und mit Studierenden zu erarbeiten, welches die Grundlage für Problemlösungen für die Zivilgesellschaft bildet. Es greift die Universitäten in ihrem Kern an, wenn alternative, gefühlte Fakten als gleichwertig zu wissenschaftlichen Fakten gestellt werden oder wenn wissenschaftliche Fakten bagatellisiert („Nur weil es eine Studie dazu gibt, muss es noch nicht stimmen“) oder relativiert („Wissenschaft ist ja auch nur eine Meinung“) werden. Universitäten sind der zentrale Ort in einer Gesellschaft, wo diese Fakten erzeugt werden und wo die Haltung vermittelt und eingeübt wird, wie man Evidenzen überhaupt erst schafft. Auch wenn wir uns in der Wissenschaft oft nicht einig sind, so brauchen wir doch die Regeln wissenschaftlicher Beweisführung. Hätten wir diese Regeln nicht, so wären unsere Urteile beliebig; und somit nicht stichhaltiger als Likes.

Vielen Dank für das Interview!


Weitere Informationen

Prof. Dr. Maria von Salisch
Universitätsallee 1, C1.115
21335 Lüneburg
Fon 04131.677-1704
Fax 04131.677-1717
salisch@uni.leuphana.de


Das Interview führte Martin Gierczak, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.