Meldungen aus der Universität

Eigene Wege, eigene Spuren. Verabschiedung von Maria-Eleonora Karsten

12.04.2017 Ihr Markenzeichen ist die blaue Brille, ihre Haltung klar und direkt. 27 Jahre lang hat Prof.in Dr.in Maria-Eleonora Karsten vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik die Leuphana Universität geprägt. Am vergangenen Freitag wurde sie in den Ruhestand verabschiedet. Mit einem Event, das ganz nach ihrem Geschmack war: unkonventionell und bunt.

„Macht es bitte nicht so ernst!“ Diesen Hinweis gab Maria-Eleonora Karsten, Professorin für Sozialadministration und Sozialmanagement, ihrem engsten Kreis mit, als im vergangenen Jahr die Vorbereitungen für die Abschiedsveranstaltung begannen. Ein Leitfaden, an den sich alle hielten; statt einer akademischen Feierstunde gab es eine Tagung mit Podiumsdiskussion, in der gleichermaßen Fachliches als auch Unterhaltsames zur Sprache kamen. Doch bei allen amüsanten Anekdoten, Vorträgen und Vorführungen, die die Wegbegleiter_innen vorbereitet hatten, zeichnete sich ein präzises Bild ab: Maria-Eleonora „Marile“ Karsten war in ihrem Fachgebiet immer eine Vorreiterin, die keine Auseinandersetzung scheute, um für ihre Ziele zu kämpfen. „Dabei geht es ihr um Gerechtigkeit, überholte Verhältnisse und Verhalten will sie abschaffen“, betonte ihre Freundin und ehemalige Kollegin Prof.in Dr.in Ursula Rabe-Kleberg. Sie blickte für die Gäste auf die gemeinsame Zeit an der Universität Münster Anfang der 1970er Jahre zurück und schloss selbstkritisch aber auch stolz ab: „Gemeinsam waren wir unausstehlich!“

„Ihre Art hat mich ermutigt, nicht immer konform sein zu müssen.“ 

Maria-Eleonora Karsten hat es sich und anderen nicht immer leicht gemacht, unbequeme Wege durchziehen ihr Leben. „Wenn es darum geht, sich mit Leuten anzulegen, ist sie diejenige, von der man lernen kann, wie es geht“, fasste die Studierende Jessica Grosser von der Fachgruppe LBS-Studiengang zusammen. Die Lehre daraus ist allerdings nach Meinung der Abschiedsgäste viel weitreichender und viel bedeutender: Die Leuphana-Absolventin Xenia Vega Sotomayor hat aus ihrer Lüneburger Zeit mit der damaligen Leiterin der Studiengänge Sozialpädagogik und Erziehungswissenschaft eine Grundhaltung mitgenommen: „Ihre Art hat mich ermutigt, kritisch zu hinterfragen, nicht immer konform sein zu müssen und auch gegen den Strom zu schwimmen.“

Avantgardistin und Wegbereiterin

Dass man auch gegen den Strom schwimmend ganz weit vorne sein kann, das zeigt das vier Jahrzehnte lange Wirken der Professorin. Die Erste zu sein ist ein großer Teil ihres Lebenslaufes. Nur ein paar Auszüge:

Maria-Eleonora Karsten ist mit die erste Frau, die das Pädagogikstudium mit einem Diplom abgeschlossen hat. Als solche gehört sie zu den Ersten, die anschließend in dem Fach promoviert haben. Gemeinsam mit dem Erziehungswissenschaftler Hans-Uwe Otto hat sie 1992 den ersten Bundeskongress Soziale Arbeit zum Thema „Soziale Gerechtigkeit und Lebensbewältigung in der Konkurrenzgesellschaft“ ins Leben gerufen und veranstaltet. 1990 war Karsten eine der ersten Frauen, die einen Ruf als Universitätsprofessorin an der Universität Lüneburg erhalten haben. Hier wurde sie auch 1991 zur ersten Frauenbeauftragten.

Als Frauenbeauftragte kämpfte sie – geleitet von einer feministischen Grundüberzeugung - unter anderem für eine stärkere Rolle der Frauen im Universitätsleben. Anfang der 1990er Jahre waren es nur etwa 4 Prozent, die als Professorinnen an der Lüneburger Universität tätig waren. „Marile wollte das verändern und hat als Frauenbeauftrage nie ein Blatt vor den Mund genommen“, so beschreibt es die Gleichstellungsbeauftragte der Leuphana Universität Dr.in Kathrin van Riesen. Bürokratische Umwege habe sie getreu nach dem Motto „einfach machen“ abgekürzt. Heute ist der Professorinnenanteil auf rund ein Drittel gestiegen. Es bleibt also nach Einschätzung von Karsten noch viel Luft nach oben. 

Ein weiteres großes Anliegen von Maria-Eleonora Karsten ist die gesellschaftliche  Anerkennung sozialer Berufe. Das betrifft ihrer Meinung nach insbesondere Erzieher_innen, die unter Wert geschätzt und auch monetär honoriert werden. Professionalisiert und schlecht bezahlt – diese Einschätzung gehört zur jüngsten Bestandsaufnahme, die Karsten gerade erst gemeinsam mit Dr.in Melanie Kubandt / Universität Osnabrück in einem Buch veröffentlicht hat (Lehramtsstudium Sozialpädagogik – Eine Bestandsaufnahme nach 20 Jahren).

Unruhe im Ruhestand

„Ruhestand und Maria-Eleonora Karsten – wie passt das zusammen?“ Die Frage, die sich Leuphana-Vizepräsidentin Prof.in Dr.in Carola Schormann in ihren Grußworten stellte, durchzog die gesamte Fachtagung. Eine Frau, die nach Einschätzung ihrer Wegbegleiter_innen die ungewöhnliche Fähigkeit besitzt, an mehreren Orten zur selben Zeit zu sein, die es schafft – wie Prof. Dr. Peter Schäfer (HS Niederrhein) bei einer gemeinsamen Autofahrt fassungslos beobachtete – gleichzeitig zu lenken, sich die Fingernägel zu lackieren, die Haare zu kämmen und einen Vortrag zu schreiben. Wie soll Maria-Eleonara Karsten mit diesen Eigenschaften in den Ruhe(zu)stand gelangen?

„Will ich gar nicht“, betonte Karsten bei ihrer Verabschiedung. „Ich bleibe Ansprechpartnerin, ich begleite nach wie vor Bachelor- und Masterarbeiten sowie Promotionen, und ich mische mich weiterhin ein.“ Gründe dafür gibt es nach Auffassung der Podiumsdiskussionsteilnehmenden viele. So steige der Bedarf an Erzieher_innen enorm. Gleichzeitig gäbe es einen großen Mangel an Lehrenden für soziale Berufe. „Schon jetzt haben wir einen hohen Ausfall an Stunden, es wird wenig unterrichtet“, kritisierte Berufslehrer und Leuphanadozent Stefan Hierholzer in der Gesprächsrunde. „Wir stehen vor einer extremen Lehrendennot im berufsbildenden Bereich“, mahnte auch Karsten und forderte bundesweit zusätzliche Studienplätze. 

Zeit, mit einem Fazit einmal selbst zurückzublicken, nahm sich die Professorin gegen Ende der Fachtagung. Dabei hielt sie es mit der deutschen Schauspielerin und Sängerin Marlene Dietrichs: „Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich die gleichen Fehler machen. Aber ein bisschen früher, damit ich mehr davon habe.“


„Die Frau, die immer in blau ist…“

Maria-Eleonora Karsten fällt auf, nicht nur wegen ihres Engagements. Selbst wer ihr fachlich nie begegnet ist, konnte sie nicht übersehen – dank einer auffälligen Farbe. „Ich habe sie kennengelernt als die Frau, die immer in blau ist“, erinnerte sich Universitätsprofessor für Sozialpädagogische Familienwissenschaften Kim-Patrick Sabla auf der Fachtagung. Es ist also abschließend Zeit, dass Professorin Karsten eine wichtige Frage beantwortet: Welche Bedeutung hat ihr blaues Auftreten? Eine Botschaft, eine Metapher? 


Autorin: Urte Modlich, Redaktion: Morgaine Struve, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.