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Auch die Liebe – „10 Minuten Lyrik“ eröffnet Wege zum Gedicht

26.04.2017 „Ein Lada steht im Parkverbot. In hundert Jahren sind wir tot.“ Schnöde Worte eines Pubertierenden, der auf dem Schulklo noch schnell ein Gedicht für den Deutschunterricht verfassen muss? Ja und nein - diesen Widerspruch löste Dr. Tilmann Lahme vom Institut für Geschichtswissenschaften und Literarische Kulturen zum Start der öffentlichen Vortragsreihe „10 Minuten Lyrik“ auf. Jeden Mittwoch von 12.00 bis 12.10 Uhr wird im Hörsaal 3 jeweils ein Gedicht vorgestellt und besprochen.

Für den ersten Beitrag der 10-Minuten-Reihe wählte Lahme einen Autor der Gegenwart. Wolfgang Herrndorf schrieb den 2010 veröffentlichten Erfolgsroman „Tschick“, die Geschichte zweier Vierzehnjähriger, die mit einem gestohlenen Lada durch Brandenburg fahren. In einer ursprünglichen Fassung taucht in dem Werk ein Gedicht auf, das einer der Jungen, Maik Klingenberg, unter Zeitdruck aufs Papier bringt. Genau diese eilig und scheinbar gedankenlos verfasste Hausaufgabe war Thema des ersten Vortrages: 

„Ich liebe dich. Und ganz egal.
Der Winter kommt. Ein warmer Schal
Ist besser als ein kalter.
Ich bin zu häßlich für mein Alter.

Du bist zu schön. Und das vergeht.
Das ist nicht neu. Nichts bleibt, nichts steht.
Ein Lada steht im Parkverbot.
In hundert Jahren sind wir tot.“

Es ist ein Gedicht, das aus der Perspektive der Romanfigur Maik „aus der Not entstanden ist“, wie Lahme den Zuhörern erläuterte. Aber kann unter diesen Umständen ein gutes Gedicht entstehen? „Man geht Herrndorf auf den Leim, wenn man es so liest“, betonte Lahme, denn es gehe um grundsätzliche Sinnfragen. Fragen, die sich ein pubertierender, erstmals verliebter Junge stellt. Mit denen sich aber auch der todkranke Autor Herrndorf, dem zum Zeitpunkt des Schreibens nur noch eine kurze Lebenszeit vorausgesagt wurde, auseinandersetzt. Was ist die Liebe? Was ist das Leben? Was ist der Tod? Antworten darauf gibt es nicht, stattdessen offenbart sich ein unauflösbarer Widerspruch: „Dieser Widerspruch überlässt es jedem einzelnen, ob er ‚Ich liebe Dich’ oder ‚In hundert Jahren sind wir tot’ für die zentrale Aussage des Gedichtes hält“, fasste Lahme zusammen. Am Ende aber laufe alles auf ein Lebensmotto hinaus: „Alles sinnlos. Auch die Liebe. Carpe diem!“

Mit der Besprechung des Gedichts „Ich liebe Dich“ bewies Tilmann Lahme, dass Lyrik unterhaltsam, bereichernd, vor allem aber für alle zugänglich sein kann. „Gedichte schlagen eine Welt vor und wir können versuchen, sie zu begreifen“, ergänzt Kulturwissenschaftlerin Julia Menzel, die die Vortragsreihe mit ins Leben gerufen hat. 

Bis Ende Juni werden sich wöchentlich neue und spannende Welten auftun. Vom Barock bis zur Gegenwart werden in zehn Minuten politische, Liebes-, Kinder- und Naturgedichte besprochen. Dabei geht’s auch um durchaus Kurioses: Zum Beispiel um die Frage, was der Brokkoli mit großen grünen Männchen zu tun hat. Eine Antwort darauf gibt am 17. Mai 2017 Emer O’Sullivan, Professorin für Englische Literaturwissenschaft, wenn sie über Michael Rosens Gedicht „Where Broccoli Comes From“ spricht. 


Kontakt

Julia Menzel, M.A.
Universitätsallee 1, C5.223b
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2092
julia.menzel@leuphana.de


Autorin: Urte Modlich, Redaktion: Morgaine Struve, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.