Meldungen aus der Universität

„Einwanderungsland Europa“: Was es bedeutet, eine Frau in Afghanistan zu sein

26.04.2017 Eine Frau im Ganzkörperschleier kniet auf dem Boden und ein Taliban hält ihr einen Gewehrlauf an den Kopf. Ihr Vergehen? Sie ist eine Frau. Dieses und andere verstörende Bilder zeigte die junge Geflüchtete Sahar Hashimzada bei ihrem Vortrag „Was bedeutet es eine Frau in Afghanistan zu sein?“. Die sehr gut besuchte Veranstaltung fand im Rahmen der Reihe „Einwanderungsland Europa“ statt und wurde vom Gleichstellungsbüro und der Zentraleinrichtung Moderne Sprachen (ZeMoS) organisiert.

Dass Sahar Hashimzada aus Kunduz als Junge erzogen wurde, kann man kaum glauben. Sie ist eine zierliche, junge Frau und ihre langen Haare sind mit einer Spange zusammengebunden. Und doch: Die 26-Jährige wuchs in Afghanistan als Bacha Posh auf. So werden Mädchen genannt, die sich als Jungen verkleiden, um ein freieres Leben führen zu können. „Unter den Taliban durften Mädchen nicht auf der Straße spielen, nicht Radfahren, nicht einkaufen und nicht zur Schule gehen. Sie waren nicht frei“, berichtet die studierte Politologin. Viele Eltern entschieden dann, Töchter als Söhne aufwachsen zu lassen. In Sahar Hashimzadas Fall waren es die liberalen Ansichten der Eltern. Sie wollten für die damals siebenjährige Tochter ein freieres Leben. Deshalb schickten sie das Mädchen als Jungen zur Schule. Oft aber schämten sich Eltern auch, die keine Söhne hätten und täuschten einen männlichen Nachfolger mit einer Tochter vor.

Freiheit und Schulbildung als männliche Privilegien

Für Sahar Hashimzada war dieser Rollentausch ein Glücksfall: „Ich verstand mich mit den Jungen gut und konnte viel mehr machen als meine Schwestern“, berichtet die junge Frau. Aber durch ihr freieres Leben als Bacha Posh wurde ihr die schwierige Situation ihrer Schwestern klar: „Ich wünschte mir auch für sie ein freieres Leben“, erinnert sie sich. Und ihr Geheimnis barg Gefahren: „Einmal wurde ich fast enttarnt als ich in die Moschee ging. Aber wir hatten Glück. Es war ein guter Mann, der erkannte, dass ich eigentlich ein Mädchen war.
Er warnte uns nur und bat meine Familie und mich vorsichtiger zu sein“, erzählt Sahar Hashimzada. Wie in vielen anderen Fällen war die Tarnung ein offenes Geheimnis. Bis sie 15 Jahre alt war, lebte sie als Junge. Doch dann beendete die Schule das Versteckspiel. Oft wurde es für heranwachsende Mädchen in Afghanistan schwierig, ihre männliche Rolle weiterzuspielen.

Sahar Hashimzada glaubt, dass die Zeit, in der sie verkleidet als Junge lebte, für sie ein Vorteil war. „Schulbildung gab es nur für Jungen. Noch heute können viele Frauen nicht lesen und schreiben“, berichtet die Afghanin. Nicht nur aufgrund der fehlenden Bildung sei kein eigenständiges Leben für Frauen unter den Taliban möglich gewesen: „70 bis 80 Prozent der Mädchen wurden zwangsverheiratet. Im Durchschnitt bekamen sie dann vier Kinder und durften ohne einen männlichen Blutsverwandten außerhalb des Hauses nichts alleine machen“, berichtet Sahar Hashimzada. Auch der Besuch bei einem männlichen Arzt sei untersagt gewesen. Dafür waren sie vom Kopf bis zu den Zehen in Burkas gehüllt. Sahar Hashimzada trug das Gewand selbst. Für sie war es in ihrer besonderen Situation auch ein Schutz: Sie konnte von ihren ehemaligen männlichen Mitschülern nicht wiedererkannt werden.

Sahar Hashimzada berichtet von ihren Erlebnissen.
Viele Zuhörer_innen interessierten sich für Hashimzadas Vortrag.

Die Unterdrückung der Frauen hält an

November 2001 endete die Herrschaft der Taliban. Vieles habe sich für die Situation von Frauen verändert. „Aber es ist immer noch schwierig und auch gefährlich für Frauen. Zumal die Taliban in einigen Gebieten noch aktiv ist“, berichtet Sahar Hashimzada, die im Juni 2015 nach Deutschland flüchtete. „Frauen können zwar zur Schule gehen und in den Städten ist es offener als auf dem Land, wo die Frauen noch Burka tragen, aber in den Familien werden die Frauen und Mädchen immer noch unterdrückt“, berichtet sie. Viele wüssten gar nicht, welche Rechte sie hätten. „Sie glauben, dass die Männer über ihnen stehen, denn es fehlt in Afghanistan immer noch an Bildung“, sagt Sahar Hashimzada und führt fort: „Es wird immer noch alles mit dem Islam verkauft. Männer interpretieren den Koran in ihrem Sinne, aber falsch. Männer und Frauen sind im Islam nämlich gleich.“ 

Ein Gefühl von Freiheit und Sicherheit in Deutschland

Sahar Hashimzada hat sich aus diesem „religiösen“ Denken befreit. Sie hat an einer amerikanischen Universität in Kirgisistan ihr Studium mit dem Bachelor abgeschlossen, spricht fließend Englisch und sehr gut Deutsch. Es ist der erste Vortrag, den Sahar Hashimzada in deutscher Sprache hält. Viele der Zuhörerinnen und Zuhörer bewundern die junge Afghanin dafür. „Ich konnte das nicht so schnell“, verrät ihr eine englische Doktorandin, die dem Vortrag folgte. Der Bericht von Sahar Hashimzada bewegte die Besucherinnen und Besucher. Was ihr genauer Fluchtgrund gewesen sei, fragt eine Dame.
„Die Taliban, der IS und die Regierung verhindern eine gute Zukunft in Afghanistan. In den Nachrichten hört man oft, dass Afghanistan sicher ist, aber das ist es nicht.“ Sahar Hashimzada  ist nach Deutschland gekommen, weil sie findet, dass Frauen hier alle Möglichkeiten haben. „Frauen sind hier frei“, sagt sie. Ihr Wunsch für die Zukunft? Sie möchte an der Leuphana gern ein Masterstudium beginnen und für immer in Deutschland bleiben, denn hier fühlt sie sich sicher. 


Valentina Seidel, M.A.
Universitätsallee 1, C10.033
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1062
valentina.seidel@leuphana.de


Autorin: Marietta Hülsmann, Redaktion: Ann Cathrin Frank, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.