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Neue Vortragsreihe: Die Unerschöpflichkeit des großen Werkes

26.04.2017 Unter dem Titel „Das große Werk“ startete die neue Vorlesungsreihe von Professor Dr. Achatz von Müller, der zusammen mit Professor Dr. Christoph Jamme der „Humanismus Kommission des College“ vorsitzt und international renommierter Buchautor ist. Professor von Müller möchte mit der Vortragsreihe nicht nur Universitätsangehörige, sondern alle Lüneburger Bürgerinnen und Bürger ansprechen. Immer mittwochs ab 14.15 Uhr in Hörsaal 4 geben Forscherinnen und Forscher Einblicke in große Werke der europäischen Kultur. Im Interview spricht Achatz von Müller über Humanismus, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in der Wissenschaft und sein liebstes kleinstes Werk.

Herr Professor von Müller, wir leben in einer Zeit, in denen sich die Menschen dreiminütige YouTube-Videos herunterladen und kaum noch Doppelalben anschaffen, dafür aber einzelne Musiktitel auf Internetplattformen kaufen. Wie hoch schätzen Sie in unserer Zeit noch das Bewusstsein für das große Werk ein?

Wir wissen, dass das Große oft Schwierigkeiten macht, also das Gesamtwerk. Es ist oft nicht leicht, es ganz wahrzunehmen. Deshalb wählt mancher im Internet nur bestimmte Stellen eines Werkes aus und bricht dann ab. Aber es gibt Zusammenhänge und erst die Integrität eines Werkes macht seine Bedeutung und Unerschöpflichkeit aus. Zudem können Materialien, mit denen Wissenschaft sich beschäftigt, durchaus eine sehr wesentliche Bedeutung für Kultur, Gesellschaft und Ökonomie haben. Wenn ein Musikhistoriker sich mit Beethovens Neunter beschäftigt, ist am Ende immer Beethovens Neunte das große Werk und nicht so sehr die Reflexion des Musikhistorikers oder der Musikhistorikerin. Wissenschaft geht also selbstverständlich mit Materialien um, die bereits selbst eine eigene großartige Bedeutung haben können. Denken Sie nur an die Matthäus-Passion! Hier hat der Gegenstand bereits Größe und wird nicht erst groß durch die wissenschaftliche Betrachtung. Aber es ist eben beides. Es ist die wissenschaftliche Reflexion zur Größe einer Sache, zu ihrer Üppigkeit, zur ihrer Bedeutung; und es ist die Wissenschaft selbst, die wiederum große bedeutende Werke hervorgebracht hat. 

Sie haben die Größe der Matthäus-Passion von Bach angesprochen. Das dreistündige Werk gehört zu den am häufigsten aufgeführten Oratorien, ist also sehr bekannt. Warum müssen wir dann noch darüber reden? Kennen wir die Matthäus-Passion nicht bereits gut genug?

Im ersten faszinierenden Blick kommt uns vieles möglicherweise geläufig vor, aber die Wissenschaft macht auch immer wieder darauf aufmerksam, dass das eigentliche Geheimnis immer eines bleibt. Die Wissenschaft ist immer neu auf der Spur dieser Geheimnisse. Das heißt: Auch die Matthäus-Passion ist von den Generationen vor uns möglicherweise wissenschaftlich ausgedeutet worden, aber für uns birgt dieses Werk wieder neue Herausforderungen, in unseren Beziehungen, in unseren Kontexten empfinden wir dieses Werk noch einmal anders. Wissenschaft hat die Aufgabe solche Zusammenhänge zu analysieren, das heißt, sie auch rational nachvollziehbar zu machen. Die Erkundung der Wissenschaft endet an Großwerken wie Leonardos Abendmahl oder Bachs Matthäus-Passion niemals. Das ist auch eine wunderbare Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Für die Bedeutung solcher Werke ist es aber auch wunderbar, immer wieder neue, entscheidende Schlaglichter weiterer Generationsfolgen auf sich zu ziehen. Wir wissen jetzt schon, dass selbst wenn wir denken, wir hätten ein Werk ausgedeutet, die nächste Generation nicht damit zufrieden sein wird. Das ist auch ein Geheimnis von Wissenschaft: Es muss immer weitergehen. 

Nehmen wir als zweites thematisches Beispiel aus der Vorlesungsreihe das Gemälde „Goethe in der Campagna“. Er ist darauf von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein lebensgroß portraitiert worden, sagte aber selbst, das Bild „sei zu groß für unsere nordischen Wohnungen“. Wie passt ein solches großes Werk dann noch in unsere Zeit?

Das Werk „Goethe in der Campagna“ sprengt dank seiner Größe alle Maßstäbe. Es ist nicht einmal ein besonders bedeutendes Kunstwerk, man könnte sogar ironisch sagen, es ist erstmal nur groß und insofern deshalb ein großes Werk. Als Bild ist es fast kaum aufhängbar und nimmt im Frankfurter Städel Museum eine ganze Wand ein. Aber es hat eine so enorme Wirkung. Es hat nämlich die Anschauung vom Genie unendlich konkretisiert. Interessanterweise nicht nur in deutschen Zusammenhängen, sondern eben auch in der Vorstellung dieser dilettantischen Selbstverständlichkeit, mit der Goethe als Tourist mit Hut in dieser Landschaft lagert, zugleich aber auch Connaisseur ist. Das Bild bringt Widersprüche zusammen, die ein einfacher Beobachter so nicht zusammenbringen würde. 

Sie laden zu der Vortragsreihe nicht nur Universitätsangehörige, sondern ausdrücklich alle Lüneburger und Lüneburgerinnen ein. Was können sie von den Vorträgen mitnehmen?

Wissenschaft ist auch Teil der Kultur. Dies zu zeigen, ist wichtiges Anliegen der neuen Reihe. Es ist ziemlich egal, ob es sich dabei um Kunstwerke handelt oder um eine ökonomische Formel wie in unserem Eingangsvortrag, dem Coase-Theorem. Zunächst konnte dem Thema niemand sehr viel abgewinnen. Viele haben sich gefragt: Was ist das eigentlich? Aber es wurde auch für ein großes Publikum deutlich gemacht, dass man sich in Wirtschaftsprozessen nicht unbedingt auf Regulierungen verlassen darf, sondern auch Selbstfindungen organisieren muss, um Einigkeit bei widersprüchlichen Interessen zu erzielen. Und dass man dies berechnen und sogar grafisch darstellen kann, an welchen Punkten Einigungsmöglichkeiten liegen, ist eine wunderbare Entdeckung. Davon hat auch das große Publikum etwas. 

Herr Professor von Müller, an welchen Punkten sehen Sie den Humanismus an der Leuphana besonders verwirklicht?

Wir sehen, dass die Leuphana einen Griff in die humanistische Traditionskiste getan hat und in moderner Weise präsentiert. Namentlich sind es die Grundsätze gesellschaftlicher Verantwortung, wissenschaftlicher Ethik mit Gesellschafts- und Praxisbezug, die sich die Universität selbst als Profil gegeben hat. Dazu gehören auch der Aufruf zur Selbstinitiative und zur Integration und Kooperation der Fächer. Es sind alles humanistische Partikel. Aber wir glauben auch, dass der humanistische Ansatz noch einer Konkretisierung bedarf. In welcher Weise können alle Fächer dazu beitragen, dass über Berufsbezogenheit und Studium hinaus der Bildungsbezug eines jeden Studiums real vor Augen steht? Wir in der Humanismus-Kommission rufen alle Fächer dazu auf, an der Menschenbildung durch Wissenschaft teilzuhaben. 

Wie könnte diese Menschenbildung für Sie an der Leuphana aussehen?

Ich glaube, dass die Fächer zum einen über die Idee einer Menschenbildung zusammenfinden müssen, aber auch in ihren eigenen Spezialdisziplinen überlegen sollten, was für ein bildnerisches Moment sie eigentlich haben. Bei Fächern wie der Psychologie und Pädagogik, die per se mit Menschen zu tun haben, versteht es sich fast von selbst und dennoch muss auch dort stetig über die Menschenbildung nachgedacht werden. Es gibt keine Zauberformeln, die für alle Zeiten gelten. Generationen verändern sich. Aber auch in den vielen unterschiedlichen ökonomischen Teildisziplinen, die wir haben, gibt es so etwas wie eine präzise Bedeutung des Menschen. Dieser Faktor spielt eben doch eine erheblichere Rolle als reine mathematische Zugänge in der Regel suggerieren. Statistik ist wichtig, aber das menschliche Element ist nicht zu vernachlässigen. Wir wollen die Fächer dazu anhalten, immer wieder darüber nachzudenken. 

Wenn Sie nach der Vorlesung durch den Hörsaalgang liefen, welchen Satz würden Sie von den Besuchern und Besucherinnen der Vortragsreihe gern hören?

Ganz schlicht: „Das war wirklich interessant, das war neu für mich. Ich habe etwas gesehen wie ich gerne noch nacharbeiten möchte. Ich würde gern jetzt die Matthäus-Passion hören, ich würde gern dieses oder jenes Buch noch einmal lesen. Und überhaupt: Was könnte ich tun, um mich noch einmal mit dem heutigen Thema zu beschäftigen?“

Wir haben bisher nur von großen Werken gesprochen. Welches ist ihr liebstes kleinstes Werk?

Zu meinem liebsten kleinsten Werk haben wir gerade eine Vorlesungsreihe. Sie heißt „10 Minuten Lyrik“.

Vielen Dank für das Gespräch!


Kontakt

Prof. Dr. Achatz von Müller
Universitätsallee 1, C5.407
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2343
achatz.von_mueller@leuphana.de


Autorin: Marietta Hülsmann, Redaktion: Morgaine Struve, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.