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10 Minuten Theologie: Viele Antworten auf die Gretchenfrage

09.05.2017 Dass Theologie, Freiheit und der Mensch in Verbindung stehen, beweist in diesem Semester wieder die Veranstaltung „10 Minuten Theologie“. In dem Pausenformat stellen sich seit nunmehr sieben Jahren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Fachrichtung der Gretchenfrage: „Wie hast Du es mit der Religion?“. Alle Interessierten sind eingeladen, sich die Antworten immer donnerstags ab 12 Uhr in Hörsaal 4 anzuhören. Helmke Hinrichs und Michael Hasenauer von der evangelischen und katholischen Hochschulgemeinde organisieren die Vortragsreihe und erklären im Gespräch unter anderem, warum das neue Zentralgebäude den interreligiösen Dialog etwas leichter machen könnte.

Helmke Heinrichs

Ein Vortrag der Reihe beschäftigt sich mit Lessings „Ringparabel“. Sie gilt als ein Schlüsseltext zur religiösen Toleranz. Ist das Miteinander der Religionen heute mehr als nur ein frommer Wunsch?

Michael Hasenauer: Besonders zwischen den christlichen Kirchen ist die Toleranz sehr gewachsen. Aber auch zwischen den Weltreligionen tut sich etwas. 1986 hat Papst Johannes Paul II. zum ersten Mal zum interreligiösen Weltgebetstreffen nach Assisi eingeladen. Jeder betet dort in seinem Ritus. Es ist kein gemeinsames Gebet, sondern ein gleichzeitiges Gebet. Überall sind mittlerweile ähnliche Formate entstanden. Wir haben den ökumenischen Gottesdienst mit jüdischem und muslimischem Gebet im Wintersemester mit einem Rabbiner, einem Imam und uns beiden gefeiert. Die Fragen dabei sind: Wie kann man in so eine Liturgie gehen, ohne dass es übergriffig wird? Ohne dass jemand seine Werte aufgibt? Wir sehen einen deutlichen Fortschritt im Miteinander der Religionen, wissen aber auch, dass wir hier noch einen langen aber wichtigen Weg vor uns haben. Gleichzeitig passiert eine Gegenbewegung. Einige Gläubige werden zunehmend fundamentalistischer und zwar aus allen Religionen. Wenn sich auf einer Seite etwas öffnet, dann möchten es einige auf der anderen Seite wieder schließen. 

Helmke Hinrichs: Es ist jedes Jahr eine Herausforderung Vertreter_innen anderer Religionen zu finden, die bereit sind, sich in eine solche gemeinsame Liturgie einzubringen. Wir haben gelernt, dass allein das Wort Gottesdienst in einer gemeinsamen Liturgie ein Problem ist. Das ist kein Begriff, den Juden und Muslime verwenden. Unsere gemeinsamen Andachten/Liturgien haben wir in den letzten Jahren in der Johanniskirche gefeiert. Zum Wintersemester wird der Semestereröffnungsgottesdienst im Audimax stattfinden. Das öffnet noch einmal eine Tür. Es ist nicht selbstverständlich für die jüdischen und muslimischen Vertreter in einer christlichen Kirche beispielsweise einen Segen zu geben. 

Dann ist 10 Minuten Theologie auch eine betont interreligiöse Gesprächsreihe?

Michael Hasenauer: Generell ist 10 Minuten Theologie nie thematisch festgelegt. Die Ursprungsfrage ist die Gretchenfrage: „Wie hast du es mit der Religion?“. Wir möchten mit dem 10-Minuten-Format Lehrenden aus allen Fachrichtungen die Gelegenheit geben, zur Antwort auf diese zentrale Frage etwas beizutragen. Das macht es gerade so spannend, die Frage nach Gott gewinnt dann Farbe, wenn sich die Menschen mit ihrem speziellen Hintergrund ihr stellen. Das können Atheisten, Agnostiker und Gläubige sein. Dort dürfen auch Theologen, Betriebswirte oder Nachhaltigkeitswissenschaftler reden. Die Referierenden formulieren ihr Thema selbst unter der Überschrift der Gretchenfrage.

Helmke Hinrichs: Nicht immer wird in diesem Format auch dezidiert Gott angesprochen. Es kann auch um sehr persönliche Geisteshaltungen gehen. Das kurze Format macht alles essentieller. Was ist für mich das Wesentliche? Es geht um den eigenen persönlichen Zugang. Meist gehen die Zuhörenden mit neuen Perspektiven und Fragen aus der Veranstaltung. Das ist das eigentlich Anregende. 

 Einige Vorträge beschäftigen sich mit dem Thema Aufklärung: „Sapere aude! – Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Und das in 10 Minuten Theologie? Wie passt das mit dem Thema Religion zusammen? 

Michael Hasenauer

Michael Hasenauer: Die Theologie muss sich auch immer der Wirklichkeit stellen. Es ist eine aufgeklärte und postmoderne Wirklichkeit, die Studierende hier an der Universität erleben, wenn sie sich mit der Gottesfrage auseinandersetzen. Wir können uns nicht hinter dem Katechismus verstecken. Damit locken wir niemanden hinterm Ofen vor und können die echten Fragen auch nicht berühren. 

Eine gute Sonntagspredigt dauert nicht selten zehn Minuten.Glauben Sie, dass man mit 10 Minuten Theologie auch missionieren kann, um leere Kirchenbänke wieder etwas zu füllen?

Helmke Hinrichs: Nein, so ist das Format nicht gedacht. Ich glaube, dass man die Vorträge nicht verzwecken darf. Es geht um die Auseinandersetzung mit Religion, Weltanschauungen und um die Frage nach Gott, die an einer Universität mit einem aufgeklärten Blick stattfindet. Es sind Inhalte, die Menschen in irgendeiner Weise existentiell ansprechen, berühren oder ihnen im Alltag begegnen. Menschen haben Gefühle und merken, dass manches klar und im Fluss, manches brüchig und manches endlich ist. Jeder setzt sich an irgendeiner Stelle mit den Themen auseinander, die in „10 Minuten Theologie“ auf unterschiedliche Weise aufgenommen werden. 

Michael Hasenauer: Möglicherweise fühlt sich aber jemand getroffen und möchte dann weiter einsteigen. Theologisch gesprochen wäre das Gnade. Einen missionarischen Charakter haben die „10 Minuten Theologie“ aber nicht. Wir möchten, dass unsere Reihe den Atem der Freiheit trägt – so wie auch unsere anderen Veranstaltungen.

Vielen Dank für das Gespräch! 

Sprachkurse, Handy-Sprechstunde oder Handarbeitstreff: Die Arbeitskreis „Anders Kreativ Sozial“ (AKS) sucht wieder Ehrenamtliche, die gern mit älteren Menschen arbeiten. Der AKS ist für Themenvorschläge offen. Jeder kann sich mit dem einbringen, was er am besten kann oder was ihn am meisten interessiert. Ein vorheriges Engagement in der Hochschulgemeinde ist nicht Voraussetzung. Der AKS ist eine Kooperation zwischen dem Geschwister-Scholl-Haus, der Caritas und den Hochschulgemeinden. Interessierte melden sich bitte unter buero@ehg-khg.de.


Das Interview führte Marietta Hülsmann, Redaktion: Morgaine Struve, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.