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Einwanderungsland Europa: „Zuwanderung war und ist Anstoß für Modernisierungsprozesse und Fortschritt“

17.05.2017 „Wer sind die neuen Deutschen?“ Über diese Frage sprachen am 9. Mai 2017 Prof. Dr. Achatz von Müller, Leiter des Colleges der Leuphana, und Prof. Dr. Marina Münkler, Professorin für Literaturwissenschaft an der TU Dresden, im Rahmen der Reihe „Einwanderungsland Europa – Wie begegnet Lüneburg dem Rechtspopulismus?“. Die Veranstaltungsreihe wird von der Leuphana Universität Lüneburg unter der Leitung von Sven Prien-Ribcke und der vhs Lüneburg organisiert.

Die Pascalsche Wette und ihr Einsatz
Um die unterschiedlichen Einstellungen der Deutschen gegenüber den ankommenden Geflüchteten zu erklären, zog Prof. Dr. Münkler die „Pascalsche Wette“ als Beispiel heran. Der französische Theologe und Mathematiker Blaise Pascal dachte über den Wetteinsatz und die Gewinnchancen einer Wette über die Existenz Gottes nach. Er kam zu dem Schluss, dass derjenige, der gegen die Existenz wettete, bereits verloren hätte. Denn würde er Recht behalten, so hätte er doch nichts (zum Beispiel die Existenz Gottes) gewonnen, würde er die Wette verlieren, dann gäbe es zwar Gott, doch würde er wegen seines Nichtglaubens daran trotzdem nichts gewinnen. Derjenige, der auf die Existenz Gottes wettet, kann jedoch nur gewinnen: behält er Unrecht, ändert sich nichts für ihn, liegt er richtig, so gewinnt er alles.

Die „alten“ und die „neuen“ Deutschen: Scheitern und Gelingen
Als die Zahl der Geflüchteten, die nach Deutschland kamen, deutlich anstieg, hätten viele auf das Scheitern der Versuche, diese aufzunehmen, „gewettet“. Diese „alten Deutschen“, zu denen Prof. Dr. Münkler beispielsweise auch die AfD zählt, hätten mit diesem „Wetteinsatz“ auch die Einflussfaktoren der „Wette“ beeinflusst. Die „neuen Deutschen“ hingegen, diejenigen, die bereit sind, sich auf die neue Situation einzulassen und wissen, dass es ihres Zutuns bedarf, um diese zu meistern, also auf das Gelingen statt auf das Scheitern setzen, beeinflussen den Ausgang ebenfalls – jedoch im Positiven, denn sie wollen das Gelingen und helfen dementsprechend. 

„Die soziale Spaltung ist in Deutschland nicht so tief wie in anderen Ländern“
Prof. Dr. von Müller verneinte die Frage, ob die deutsche Gesellschaft – ähnlich wie beispielsweise die in Frankreich – tief gespalten sei. Das liege daran, dass sozial schwächeren Bürger_innen in Frankreich schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten und das französische Schulsystem stärker klassenorientiert sei als das deutsche. Diese beiden Aspekte führten in Frankreich – und in vergleichbarer Weise auch in Großbritannien – zu einer tiefen Spaltung, wie es sie in Deutschland nicht gäbe. Auch als Folge der Kolonialpolitik, über die sich unter anderem Frankreich lange Zeit definiert hätte, seien zugewanderte Bürger_innen nicht gut in die Gesellschaft integriert; es hätten sich Parallelgesellschaften gebildet – ein normaler Prozess, da man sich in der Fremde zunächst dem Vertrauten zuwenden und anschließen würde, sich also da niederlässt, wo bereits Menschen aus dem Heimatland leben. „Solche Parallelgesellschaften dürfen jedoch nicht zu einem Dauerzustand, sondern müssen überwunden werden“, erklärte Prof. Dr. Münkler.

„Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitergeben der Glut.“
Die „alten Deutschen“, wie beispielsweise die Pegida-Anhänger, die in Anlehnung an die Demonstrationen 1989 heute wieder „Wir sind das Volk rufen“, täten dies – im Gegensatz zu den früheren Demonstranten, die damit als Volk ihr Recht auf Wahlen und deren unverfälschte Ergebnisse deutlich machen wollten –, um sich abzugrenzen gegenüber „den anderen“. „Diese ,gedachte Volksgemeinschaft’, die ihren Unmut mit dem Ruf ,Wir sind das Volk’ zum Ausdruck bringt, ist jedoch nicht die Mehrheit“, führte Prof. Dr. Münkler weiter aus. Die Mehrheit der Deutschen hätten auf das Gelingen der Wette gesetzt, was jedoch nicht hieße, das genuin Deutsche aufzugeben – wobei zu diskutieren wäre, was das überhaupt sei –, erklärte Prof. Dr. Münkler und zitierte dazu den Komponist Gustav Mahler: „Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitergeben der Glut.“

„Die Geschichte der Menschheit besteht aus Migration“
Migration werde darüber hinaus von vielen als ein Phänomen mit wahrscheinlich negativen Folgen angesehen – das sei jedoch eine Fehleinschätzung. „Die Geschichte der Menschheit besteht aus Migration“, verdeutlichte Prof. Dr. Münkler. Nur durch die Bewegung der Menschen in der Welt sei die Welt so aufgebaut worden, wie sie jetzt ist. Spannungen zwischen Einheimischen und Fremden, die durch Migration entstehen, gäbe es ebenfalls bereits seit Jahrhunderten. Schon immer seien Menschen vom Land in die Stadt, von der Peripherie ins Zentrum gewandert – weil dort die Arbeitsmöglichkeiten vielfältiger und damit die Überlebenschancen höher seien. Dabei habe es bereits im Mittelalter Abschottungsprozesse gegeben. So seien die Stadtmauern nicht nur ein Schutz gegen Feinde gewesen. „Heute geschieht grundsätzlich das gleiche wie damals, nur auf einer größeren, globalen Ebene“, ergänzte Prof. Dr. von Müller. „Zuwanderung war und ist Anstoß für Modernisierungsprozesse und Fortschritt.“

In der Vergangenheit habe man selbst dafür gesorgt, dass eine Integration nicht erfolgt sei – so beispielsweise bei den Gastarbeitern. „Man ist davon ausgegangen, dass diese hier arbeiten und dann wieder gehen – das war jedoch nicht immer der Fall“, führte Prof. Dr. von Müller weiter aus. Dadurch, dass es bei den Gastarbeitern keine begleitende Integrationspolitik gab, hätten diese es schwer gehabt, sich zu integrieren, ergänzte Prof. Dr. Münkler. 

Arbeit und Bildung als wichtige Bestanteile der Integration
„Arbeit ist das entscheidende Klebe-, aber auch Konfliktmittel“, ist Prof. Dr. von Müller überzeugt. Es erleichtere zwar Integration, könne aber auch zu Konkurrenz führen. Dieses Problem zu lösen, sei eine wichtige Aufgabe. Prof. Dr. Münkler ergänzte, dass in Deutschland zunehmend Arbeitskräfte für einfache Arbeiten wir in der Gastronomie oder Pflege fehlten – diese „einfache Arbeit“ könne von Zuwanderern übernommen werden, sei jedoch keine langfristige Lösung für das Problem. „Die Beschulung der Zugewanderten – durch Integrations-, besonders aber durch Sprachkurse – ist wichtig für die Integration“, verdeutlichte Prof. Dr. Münkler. Problematisch sei jedoch dabei das jetzige Schulsystem, das der Integration von Kindern häufig durch fehlende Mittel und zu große Klassen entgegenstehe. Auch mehr Geld in Bildung zu investieren, sei ein wichtiger Schritt, ergänzte Prof. Dr. von Müller. 

Abschließend erklärte Prof. Dr. Münkler, dass die negative Einstellung gegenüber der muslimischen Kultur und Religion eine Ausgrenzungsmöglichkeit sei. „Niemand beschwert sich, dass Japaner sich mit einer Verbeugung statt dem Handschlag oder Franzosen sich mit drei Küsschen begrüßen – warum also die kulturellen Gewohnheiten der Muslime bemängeln? “


Die Reihe „Einwanderungsland Europa“ geht in die Zielgerade. Im Mai stehen noch zwei Termine an:

Look Beyond Borders: Syrien

Die syrische Community aus Lüneburg und Umgebung gibt mit einem interessanten und bunten Programm im Rahmen der Reihe „Look Beyond Borders“ einen Einblick in ihr Herkunftsland. Dieses neue Veranstaltungsformat gibt Raum für persönliche Perspektiven, einen historischen Einblick und wird durch ein breites Kulturprogramm abgerundet. Zwischen Musik, Tanz und kulinarischen Spezialitäten wird es ausreichend Platz für Fragen und Dialog geben. 

Samstag, 20. Mai, 16:00 Uhr – open end, Volkshochschule, Haagestraße 4

Vortrag von Stephan Lessenich:
Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis

Wer zahlt den Preis für unseren Wohlstand? Der Soziologe Stephan Lessenich diskutiert das soziale Versagen unserer Weltordnung. 

Mittwoch, 31. Mai, 18:00 - 19:30 Uhr, Museum Lüneburg, Willy-Brandt-Straße 1


Weitere Informationen
Kontakt

Sven Prien-Ribcke, M.A.
Universitätsallee 1, C8.122
21335 Lüneburg
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sven.prien-ribcke@leuphana.de


Autorin: Morgaine Struve, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.