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Interkulturelle Kompetenz aufbauen: Das StartUp LINC und „Culture-ID“

29.05.2017 Das Lüneburg Institute für Corporate Learning (LINC) ist ein EXIST-gefördertes StartUp, das mit seinem Produkt „Culture-ID“ den Preis für die Leuphana Gründungsidee gewann. Das junge Unternehmen bietet eine webbasierte Lernanwendung an, mit der sich interkulturelle Kompetenz entwickeln lässt – zum Beispiel um Konflikte zu vermeiden und Missverständnisse abzubauen. Im Interview berichten die Gründer Dr. Ronald Franke und Dr. Martin Puppatz von ihrer Idee.

Ronald Franke stellt das Unternehmen LINC und die Idee der Culture ID vor.

Muss man sich mit Interkulturalität beschäftigen?

Ronald Franke: Ja. Unsere Hauptperspektive ist: Es gibt heutzutage keine Alternative mehr zu Interkulturalität. Es rückt alles immer näher zusammen. Wenn man erfolgreich sein will in der heutigen Welt, dann muss man Kompetenz in diesem Thema aufbauen. 

Welche kulturellen Probleme und Missverständnisse treten in Unternehmen auf? 

Martin Puppatz: Auf individueller Ebene treten interkulturelle Konflikte auf, wenn unterschiedliche Führungs- und Arbeitsstile zusammen kommen. Die Einen bevorzugen vorherige und lange Arbeitsplanung, die Anderen wollen in ihrem Job flexibel sein. Auf organisationaler Ebene geht es zum Beispiel um die Frage „Wie wählen wir unsere Mitarbeiter aus in den verschiedenen Ländern in denen andere Bedingungen, Sitten und Werte herrschen?“. Wir beschäftigen uns mit beiden Ebenen und versuchen dadurch einen Beitrag zur interkulturellen Zusammenarbeit zu leisten.

Gibt es dabei etwas spezifisch Deutsches?

Martin Puppatz: Wir haben in den letzten Jahren sehr viele Daten erhoben. In mehr als 50 Länder führten wir Umfragen in Unternehmen mit deutschen Mitarbeiter_innen im Ausland durch oder mit ausländischen Unternehmen, die mit deutschen Organisationen kooperieren.
Das prägnanteste Ergebnis unserer Studie war der Unterschied mit welcher Art und Weise Dinge in einem Unternehmen angesprochen wurden - ob man sie direkt anspricht oder eher umschreibt.
Bei den Befragungen kam heraus dass die deutsche Art des direkten Ansprechens von Fehlern und Problemen äußerst gewöhnungsbedürftig ist und mit anderen Kulturen sogar ziemlich zusammenstößt. 

Haben Sie ein Beispiel?

Ronald Franke: Ich hatte vor einiger Zeit eine chinesische Studentin, die glaubte alle Kommilitonen würden sie hassen. Sie hatte bei einem Shopping Trip einige deutsche Freundinnen gefragt, wie sie denn ihr Kleid fänden, welches sie sich ausgesucht hatte. Deren Antwort, dass sie das Kleid hässlich fänden, fasste sie als persönliche Beleidigung auf, da man in China die Dinge nicht so direkt ausdrückt. Ich fragte sie daraufhin, wie denn solch eine Situation in ihrem Heimatland abgelaufen wäre. Sie meinte, in einer solchen Situation hätte sie zu ihrer Freundin gesagt: „Deine Schuhe sind sehr schön!“

Martin Puppatz: So etwas trifft man auch auf der Unternehmensebene an. Solch eine Reaktion kann dazu führen, dass man dem oder der Geschäftspartner_in ungewollt vor den Kopf stößt und es zur direkten Beeinträchtigung des Erfolgs und der Zielsetzung kommt. Man tritt in ein Fettnäpfchen, weil man sich nicht interkulturell bewusst verhält. Dies kommt auch in der Beziehung von Arbeitgeber und Arbeitnehmer häufig vor. 
Wenn die ausländischen Mitarbeiter mit dem neuen deutschen Chef nicht zurechtkommen, sich durch seinen Führungsstil und Verhalten gegängelt fühlen, kommt es nicht selten zu Kündigungen. 

Ronald Franke: Häufig in Ländern wie Thailand oder China. Wenn Situationen entstehen, in denen der Chef in einem Meeting aus der Rolle fällt und seine Angestellten anschreit und dadurch sein Gesicht verliert, verletzt er seine Mitarbeiter_innen. In der Regel kündigen diese und das Vertrauen zu  ihrem Vorgesetzten ist gebrochen.
In vielen Ländern in denen eine starke Hierarchie herrscht, bringt es beispielsweise auch nichts, wenn der Chef sich entschuldigt und eigene Fehler einräumt. Dadurch demonstriert er Schwäche vor seinen Angestellten und verliert ihren Respekt. Er muss in Zukunft wissen was besser gemacht werden muss - ohne dies direkt auszudrücken.

Wie kann eine Lernplattform wie Culture ID diese Denkweise auflockern? Wo setzt Ihre Gründungsidee an?

Martin Puppatz: Wir heben uns durch zwei Dinge von anderen Anbietern ab. Zum einen durch die technologische Innovation. Culture_ID ist der Oberbegriff für fünf moderne, psychologisch fundierte Online-Tools zur individuellen Diagnose von Verhaltenspräferenzen, Persönlichkeitsstilen und Kompetenzen in international geprägten Business-Situationen. Das gemeinsame Ziel aller Culture_ID-Tools ist es, die internationale und interkulturelle Handlungsfähigkeit der Anwender zu erhöhen und damit den Erfolg von Unternehmen und Einzelpersonen im internationalen Geschäft nachhaltig zu steigern. 
Zum anderen verkaufen wir diese Online-Tools nicht einfach, sondern bieten stattdessen Zertifizierungsprogramme an, in denen man für den professionellen Umgang mit Culture_ID geschult wird. Das ist zum Beispiel für Trainer, Coaches und Dozenten sehr interessant, die interkulturelle Trainings durchführen oder interkulturelle Themen vermitteln. Und natürlich für international tätige Unternehmen. Diese lassen zum Beispiel ihre Mitarbeiter aus der Personalentwicklung bei uns zertifizieren. 

Ronald Franke: Für die Entwicklung der Culture_ID Tools greifen wir auf unsere umfangreichen Studien zurück.
Unsere Datenbasis besteht aus 5.000 Fallstudien von deutschen Führungskräften aus der ganzen Welt und mit Leuten, die in deutschen Unternehmen arbeiten, geclustert nach den wichtigsten Business Themen. Durch diese großen Datenmengen können wir gezielt filtern. Die Tools erlauben mir beispielsweise meinen eigenen Führungsstil im internationalen Kontext herausfinden. Es geht immer um die Frage „Was habe ich für einen Verhaltens- und Arbeitsstil und zu welchem Land passt dieser?“. 
Im Vergleich zu dem, was es bereits auf dem Markt gibt, ist unsere Anwendung viel konkreter und mehr auf die eigene Situation und Position bezogen. 

Martin Puppatz: Neben den Tools, die Analysen auf individueller Ebene liefern, haben wir auch TeamTools, die herausfinden, wie ein internationales Team funktioniert und welche Rolle ich und welche meine Kollegen darin einnehmen können: “Kommt es zu so etwas wie einem Kulturschock und wenn ja, wie reagiere ich?“ Eine hoch relevante Frage für alle Unternehmen, die z.B. internationale Projekte durchführen.
Man muss aber verstehen, dass wir uns nicht nur an die Leute wenden, die schon im Ausland sind, sondern auch an diese, die mit ihnen als Trainer, Coach oder Personalentwickler zusammenarbeiten und sie auf den internationalen Einsatz vorbereiten. Es gibt auch eine spezielle und günstige Version, extra für Studierende. Culture ID Student kann sehr gut auf Auslandssemester oder Freiwilligendienste im Ausland vorbereiten. Wer Culture ID Student ist, kann später auch ein richtiger Trainer werden. Der nächste Zertifizierungsworkshop findet übrigens am 30.06 statt, einige wenige Restplätze sind noch frei.

Martin Puppatz berichtet von den TeamTools der Culture ID.

Direkt Dinge anzusprechen erleichtert aber auch vieles. Macht es die Arbeit nicht unnötig umständlich, wenn man auch auf kulturelle Gegebenheiten Rücksicht nimmt?

Ronald Franke: Grundsätzlich ist es so, dass es die deutsche Art ist, sehr viel zu planen. Das ist in manchen Bereichen, auch Unternehmensbereichen, hilfreich und wird auch eigentlich auf der ganzen Welt anerkannt. Allerdings, was Deutsche häufig nicht verstehen, ist, dass es auch immer auf den Kontext, die Rahmenbedingungen ankommt. 

Wie meinen Sie das?

Ronald Franke: Wenn ich zum Beispiel in Indien bin, dann befinde ich mich in einem extrem dynamischen Umfeld. Das heißt, es macht in diesem Umfeld einfach keinen Sinn viel zu planen, weil alles unvorhersehbar ist. Die ganzen Rahmenbedingungen und auch die Menschen in diesem Land sind einfach sehr flexibel und dynamisch, beziehungsweise chaotisch aus unserer Perspektive.
Das heißt, Pläne werden sehr schnell obsolet und ich muss in der Lage sein, auch flexibel auf bestimmte Gegebenheiten reagieren zu können. Dass ich erkenne, dass das, was ich kulturell vermittelt bekomme, in einer bestimmten Situation auch hilfreich beziehungsweise sogar besser ist.
Wenn sich zum Beispiel die Rahmenbedingungen in Indien ändern, und das tun sie ja gerade schon durch verbesserte Infrastruktur, bessere Ausbildung, dann ist Planung möglich. Das können die Inder noch nicht so gut und dann ist dies tatsächlich etwas, wobei man ihnen als Deutscher helfen kann. Andererseits können wir Improvisation und Flexibilität von den Indern lernen. Das können die richtig gut und wir überhaupt nicht. Man sollte also die besser-schlechter-Kategorien loslassen und individuell beurteilen, was wann besser ist. 

Geht CultureID auch darauf ein? 

Ronald Franke: Ja, das wird in unseren Onlinetools auch reflektiert. Der Vorteil ist, dass diese sehr genau und spezifisch auf die Situation bezogen sind. Das heißt, die Erkenntnis dieser Tools ist nicht: „ich muss hinterher total offen sein und muss immer alles berücksichtigen“. Man bekommt stattdessen eine spezifische Rückmeldung. Etwa so: du hast den oder den Stil beim Thema Verhandlung oder Kommunikation und ich habe einen anderen Stil. In einigen Situationen kann das sehr hilfreich sein, meinen eigenen Still auch beizubehalten. In anderen Situationen sollte man aber vorsichtig sein. Da bekommt man dann eine Entscheidungshilfe und nicht dieses: „man muss einfach alles akzeptieren“, was auch in interkulturellen Trainings immer gepredigt wird. Dieses „interkulturell ist immer das non-plus-ultra“. Davon wollen wir weg. 

Martin Puppatz: Durch diese genauen Differenzierungen können wir mit unseren Tools Trainern, Coaches und Personalern dabei helfen, interkulturelle Trainings und Personalentwicklungsmaßnahmen auf ein höheres Niveau zu heben. 

Vielen Dank für das Interview!


Kontakt

Dipl.-Wirtschaftspsych. (FH) Martin Puppatz
Wilschenbrucher Weg 84a, W.412
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-7763
Fax +49.4131.677-7788
martin.puppatz@leuphana.de


Das Interview führte Martin Gierczak. Redaktion: Ann Cathrin Frank, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.