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Verschiedene Wege, doch die gleiche Quelle: Eröffnung des Raumes der Stille

06.06.2017 Am 02.06.2017 wurde der Raum der Stille im Zentralgebäude der Leuphana Universität Lüneburg eröffnet als Ort für Spiritualität, Kontemplation und interreligiösen Austausch. Als Vertreter der Religionen sprachen Norbert Trelle, Bischof des Bistums Hildesheim, Ralf Meister, Landesbischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, Michael Fürst, Vorsitzender der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, Mehmet Karaoglu, Vorsitzender des Bündnisses der Islamischen Gemeinden in Norddeutschland, sowie Ragnhild Struss, Vertreterin des Hamburger Rats der Bahai. Auf je verschiedene Weise betonten sie Notwendigkeit von Dialog und Verständigung. Im Vorfeld arbeiteten Studierende in einem Seminar von Steffi Hobuß fünf Begriffe eines gelingenden interreligiösen Dialogs heraus: Dialog, Achtung, Begegnung, Unverfügbarkeit und Prozesshaftigkeit. Im Zeichen dieser fünf Begriffe stand die Eröffnung und soll auch die zukünftige Nutzung des Raumes der Stille stehen.

Während die Eröffnungsreden im Erdgeschoss des Zentralgebäudes stattfanden, waren per Livestream Studierende aus dem Raum der Stille zugeschaltet, die Zitate zum Thema "Interreligiöser Dialog" vortrugen. „Ein Dialog ist nur einer, wenn er auch scheitern kann“, betonte ein Zitat, „Auch die Auffassungen des Anderen gelten lassen“, ergänzte ein anderes. 

In seiner Begrüßung sprach Präsident Sascha Spoun die entscheidende Frage aus: „Weshalb solch ein Raum an einer Universität?“ Ist es doch zunächst ungewöhnlich, dass ein Glaubens-Raum in einem Wissens-Raum integriert ist. Er antwortete mit einer Gegenfrage: „Wo sonst, wenn nicht hier?“ Zum einen gibt es kaum einen besseren Ort für interreligiösen Dialog als die Universität, zum anderen stehen sich Glaube und Wissenschaft traditionell sehr nahe; die Veranstaltungsform der quaestio disputata etwa ist akademisches ein Format, das im Mittelalter an der theologischen Fakultät in Paris entstand. Er unterstrich zudem die Bedeutung der Studierenden für den Raum der Stille und bedankte sich bei Steffi Hobuß, in deren Seminar „Interreligiöser Dialog“ die konzeptionelle Ausgestaltung der Eröffnung stattfand. „Was wir hier erleben“, bedankte sich Sascha Spoun, „ist das Werk von Studierenden.“

Universitätspräsident Sascha Spoun bei der Eröffnung des Raums der Stille.
Michael Fürst, Vorsitzender der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen

Michael Fürst, Vorsitzender der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, hielt in seiner Rede fest: „Was uns heute fehlt, ist es, miteinander Dialoge zu führen.“ Er erzählte, dass er am Morgen auf der Gedenkstätte im Tiergarten gewesen sei. Diese Gedenkstätte in der Nähe des Bahnhofs erinnert an 256 KZ-Häftlinge, die zwischen dem 7. und dem 11. April 1945 an dieser Stelle ermordet wurden. „Unsere Altäre sind zerstört“ zitierte Michael Fürst aus der Tora. Umso wichtiger ist es, dem etwas Neues entgegenzustellen: „Wir stehen und beten heute hier gemeinschaftlich.“ 

Norbert Trelle, Bischof des Bistums Hildesheim und stellvertretender Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, zitierte Kierkegaard: „Wenn ich Arzt wäre und man fragte mich ‚Was rätst du?, würde ich sagen: ‚Schaffe Stille!’“. Der Lärm um uns herum mache uns taub; der Raum der Stille kann unseren Sinn für das Zuhören fördern – und Zuhören ist die Voraussetzung eines mitfühlenden Verstehens.
Eine Studentin aus dem Seminar sagte passend dazu: „Das Gehör ist der eigentliche Empfangssinn der Vernunft“.

Norbert Trelle, Bischof des Bistums Hildesheim und stellvertretender Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz
Mehmet Karaoglu, Vorsitzender des Bündnisses der Islamischen Gemeinden in Norddeutschland und Imam der Centrum-Moschee Hamburg

Mehmet Karaoglu, Vorsitzender des Bündnisses der Islamischen Gemeinden in Norddeutschland und Imam der Centrum-Moschee Hamburg, freute sich, dass sich die Leuphana so intensiv für die religiösen Belange ihrer Studierenden einsetzt. Den Raum der Stille sieht er als Ort des Dialoges, an dem Begegnungen mit Respekt und auf Augenhöhe stattfinden sollen. Letztlich solle die religiöse Begegnung auf Freundschaft hinauslaufen. „Das Ziel des Dialogs ist erreicht“, sagte Mehmet Karaoglu mit einem Augenzwinkern, „wenn auch die Frau des Pastors und die Frau des Imams miteinander Freundschaft schließen.“ 

Ralf Meister, Landesbischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, zitierte aus dem Johannes-Evangelium: „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen“. Er legte dies dahingehend aus, dass Wahrheit vielfältig ist und Religionen in der Vielfalt des Religiösen das Gemeinsame suchten. Dieses Gemeinsame ist aber nur in der Pluralität zu finden.  

Ralf Meier, Landesbischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover
Ragnhild Struss, Vertreterin des Hamburger Rats der Bahai

Ragnhild Struss, Vertreterin des Hamburger Rats der Bahai, schloss sich der Argumentation ihrer Vorredner an: „Egal was der Weg ist, die Quelle ist die Gleiche.“ Nach Struss habe jede und jeder die Fähigkeit, Gott zu erkennen. Einheit könne hierbei in der Vielfalt gefunden werden. Sie zitiert Abdul-Baha, den Sohn des Religionsstifters Baha'ullah: „Sollte jemand Streit mit Euch suchen, trachtet danach, ihn zum Freunde zu gewinnen“. 

Die fünf Religionsvertreter verlasen anschließend im Raum der Stille ihre Wünsche für den interreligiösen Dialog: Frieden, die Fähigkeit zuzuhören, Eintracht, Achtsamkeit und Freundschaft. 
Das Ensemble „l’art pour l‘art” gestaltete die musikalische Begleitung der Eröffnung. Deren Musik läuft konventionellen Erwartungen zuwider, es arbeitet mit Alltagsgeräuschen und spielt Instrumente gegen den Strich, zum Beispiel einen Kontrabass mit einem Stock statt mit einem Bogen. Diese ungewöhnliche Hörerfahrung brachte die Besucher_innen dazu, genau hinzuhören, was sich gut zu der Aufforderung der Studierenden, den Raum der Stille zum Hören-Lernen zu nutzen, fügte. 


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Autor: Martin Gierczak, Redaktion: Morgaine Struve, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.