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Neben uns die Sintflut: Abschlussveranstaltung der Reihe „Einwanderungsland Europa“

20.06.2017 „Wir leben nicht über unsere Verhältnisse, sondern über die der anderen“ – diese These hat der Soziologe Stephan Lessenich von der Ludwig-Maximilian-Universität München aufgestellt und in der letzten Veranstaltung der Reihe „Einwanderungsland Europa“ in einem Vortrag vorgestellt. Die Veranstaltungsreihe wurde zum zweiten Mal von der vhs REGION Lüneburg und der Leuphana Universität Lüneburg unter Leitung von Sven Prien-Ribcke organisiert.

„,Die anderen’ sind dabei Menschen in anderen Gesellschaften und Regionen der Welt, welche die Vorbedingungen für unsere Lebensweise produzieren und gleichzeitig die Kosten und die negativen Folgen unserer Produktions-, Arbeits- und Konsumverhältnisse tragen müssen“, erklärte Lessenich. Der sogenannte „globale Norden“, also hochentwickelte, reiche Demokratien, wie sie zum Beispiel in Europa und Nordamerika zu finden sind, lebte damit auf Kosten des „globalen Südens“. 

„Neben“ statt „nach“ uns die Sintflut

Die Produktions- und Konsumverhältnisse seien alles andere als nachhaltig. „Wir leben damit nicht mehr nach dem Motto ‚nach uns die Sintflut’, sondern ‚neben uns die Sintflut’", führte Lessenich aus. Anstatt also „nur“ die Ressourcen für die nachkommenden Generationen auszubeuten, sodass diese dann vor einem Versorgungsproblem stehen könnten, träten solche Probleme schon in der jetzigen Generation auf. Wir verursachten schon jetzt ökonomische und soziale Sintfluten – doch warum würden wir das nicht sehen oder nicht sehen wollen? „Der globale Norden befindet sich gegenüber dem Rest der Welt in einer machtvollen Position und nutzt diese aus“, ist Lessenich überzeugt.

Als Beispiel führte der Soziologe die Antibiotikaproduktion in Indien an. Für den europäischen und nordamerikanischen Markt werden dort in großen Mengen Antibiotika in steril sauberen Fabriken hergestellt. Außerhalb dieser sind die hygienischen Verhältnisse jedoch schlecht; weil die Fabrik Chemikalien in den örtlichen Fluss ableitet, verschmutzt das Wasser und die Menschen, die es konsumieren, entwickeln Antibiotikaresistenzen. Das wiederum kann zur Verbreitung von Krankheiten führen. Manche Politiker forderten daher, bei Indienreisenden ein Screening auf Krankheiten vorzunehmen, sodass sich diese nicht in deren Heimatländern verbreiten könnten.

Dimensionen der Externalisierung und ihre Folgen 

Diesen Prozess – das Auslagern von Produktionskosten und die gleichzeitige Abschottung von den negativen Rückkopplungseffekten – bezeichnet Lessenich mit dem Begriff „Externalisierung“. „Dieses systematische, strukturierte Leben auf Kosten anderer ist auch Ursache von Klimawandel, Ressourcenkriegen sowie Arbeits- und Fluchtmigration“, erklärte Lessenich. Externalisierung trete dabei in zwei Dimensionen auf: einer materiellen, also der Auslagerung von Produktion, und der symbolischen, dem Ausblenden des Wissens über die negativen Folgen dessen.

Neben Produktions- und Konsumverhältnissen von Waren oder Antibiotika habe jedoch auch der Massentourismus negative Folgen – in den Ländern, die bereist werden. Dort werde die regionale Wirtschaft abhängig vom Tourismussektor, was bei Naturkatastrophen und dem damit verbundenen Rückgang oder Ausbleiben von Reisenden zu einer wirtschaftlichen Krise führen könne. Massentourismus wiederum sei nur möglich durch das globale Mobilitätsgefälle, welches durch verschieden „mächtige“ Reisepässe entstehe. So haben beispielsweise deutsche Bürger die Möglichkeit, quasi visafrei in 180 Länder zu reisen, während andere mit einem vergleichbaren Aufwand in nur ein Land reisen könnten. 

Migration als Folge von Externalisierung

Damit sei es mittlerweile zu einem Externalisierungshabitus gekommen: Die Lebensweise auf Kosten anderer sei normal geworden und nicht rechtfertigungsbedürftig. „Menschen in anderen Ländern, denen diese Lebenspraxis nicht zur Verfügung steht, haben ökonomisch gesehen keine andere Möglichkeit, als vor Ressourcenknappheit und schlechten sozialen Bedingungen zu migrieren, wenn sie ihre Situation ändern wollen“, erläuterte Lessenich. Mit seinem Vortrag wolle er auch „zeigen, dass die Dinge nicht so sein müssen wie sie sind.“ 

In der anschließenden Diskussion stellte ein Zuhörer die Frage, ob Externalisierungsprozesse nicht auch positive Folgen hätten – beispielsweise, wenn durch die Auslagerung von Produktionsstätten in den jeweiligen Ländern Arbeitsplätze geschaffen werden. Lessenich bestätigte die Schaffung von Arbeitsplätzen, relativierte jedoch die positive Wirkung: Diese würden auf Kosten von Umwelt- und Sozialstandards geschaffen, und besonders die Folgen von ersterem beträfen uns letztendlich alle. 


Sven Prien-Ribcke, M.A.
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Autorin: Morgaine Struve, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.