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"Bildung ist forever": Liberal Education Talk mit Josef Joffe

07.08.2017 Josef Joffe, Herausgeber der „ZEIT“ und Befürworter der Liberal Education war am 21.06.2017 Gast des Liberal Education Talk. Liberal Education, als ein Konzept der freien, breiten und zugleich anspruchsvollen Hochschulbildung wird von Hochschulen wie Harvard und Stanford, aber besonders sog. 'Liberal Arts Colleges' schon seit Langem praktiziert und ist grundlegend für deren Erfolg. Wie aber lassen sich Grundannahmen und Praktiken einer Liberal Education in Deutschland realisieren?

Liberal Education ist für Leute, die nicht wissen, was sie wollen

Als er siebzehn Jahre alt war, erzählt Josef Joffe, wusste er noch überhaupt nicht wo er hinwollte, geschweige denn, was er studieren wollte. Hilfreich sei ihm seine Freundin Janice gewesen, die Austauschschülerin aus Michigan war und von dem Bildungssystem in den USA erzählte. Überzeugt habe Joffe damals allerdings nicht die Liberal Education, sondern die „left wing parties“ des College. Am Swarthmore College, einem bekannten Liberal Arts College in Pennsylvania, angekommen, wurde er schnell mit einem breitgefächerten und sehr anspruchsvollen Studienprogramm konfrontiert. „Ich habe am Anfang nur schlechte Noten geschrieben und als ich den Professor dann gefragt habe, warum das so ist, hat er gemeint, dass meine Arbeiten nicht schlecht seien. Die der Anderen waren nur besser." Anspruchsvolles Lernen wurde für ihn zur Motivation. Er lernte, wie er seine Gedanken ordnen kann. „Ich kann mich als Politologe aber auch mit Physikern unterhalten. Grundlegende akademische Fähigkeiten werden immer wichtiger im Zeitalter der beschleunigten Modernisierung. Wir wollen schließlich Ingenieure, die auch schreiben können." Das Thema griff Josef Joffe in einem Artikel in der ZEIT nochmal auf. In der Ausgabe am 12. Juli 2017 schrieb er: „Am PC mit einem Statistik-Programm zu arbeiten führt sekundenschnell zum Ziel. Aber die Logik und Mathematik dahinter zu begreifen öffnet ein wundersames Reich der Schönheit, wo Formen und Formeln elegant ineinandergreifen – ein ästhetisches Vergnügen."

Bildung im Sinne der Liberal Arts

Bildung ist nach Joffe nicht nur Mittel, sondern auch Selbstzweck. Bildung im Sinne einer Liberal Education kann, dies sei weder naive noch vermessen, Studenten zu besseren Menschen machen, denn Literatur lehrt die Welt mit anderen Augen zu sehen. Insbesondere, sagt Joffe, das Studium der Kunstgeschichte lehrt zu sehen und zu verstehen. Ein Bachelor-Studium, wie es an den meisten Hochschulen in Deutschland in Folge der Bologna-Reform implementiert wurde, hat mit einem Liberal Arts Studium allerdings wenig gemeinsam . „Dieser Bachelor lässt keinen Raum zum Schnüffeln und Riechen, so wie es das Studium der Liberal Arts tut“, meint Joffe. Ein Fan des Verweil-Studiums ist Joffe allerdings nicht. Sein Modell sieht vor, zum Liberal Arts College zurückzukehren. Hierbei soll es ein breites Programm in den ersten zwei Jahren des Studiums geben, so wie es an fast allen US-amerikanischen Universitäten jeher gehandhabt wird. Jedoch: „Zarte Pflänzchen des Liberal Arts sind schon an der Leuphana zu erkennen“, stelle Joffe fest. Er bescheinigt dem Präsident Spoun, dass er schon früh, in St. Gallen, begann, BWL-Studenten ein breites Studium zu ermöglichen. Ein Negativ-Beispiel zeige sich dafür in England, wo ein klassisches Schmalspur-Studium, da monodisziplinär, angeboten wird. 

 

Eindrücke der Zuschauer

Aus dem Publikum kommt die Frage, ob es die „Klippen des Blöden" nicht auch in Stanford gäbe. Josef Joffe lacht: „die Klippen des Blöden gibt es überall. Man muss sie nur erkennen. Und das fällt leichter, wenn man eine große Allgemeinbildung hat. Also so, wie es ein Liberal Arts Studium vorsieht." Eine weitere Frage aus dem Zuschauerkreis regt Joffe zu längerem Nachdenken an. „Ob es möglich sei eine rein elitäre Ausbildung von dem Liberal Arts Ansatz abzugrenzen“, beginnt Joffe laut zu denken, „in Deutschland ist das eigentlich überhaupt nicht möglich. Hier wird, auch auf Grund von unserer Historie, gar nicht mehr sortiert." In den 1970er Jahren begannen noch knapp 12% der deutschen Bevölkerung ein Studium. Im Jahr 2010 waren es schon über 45%. „Ist es denn dann überhaupt möglich in der heutigen Zeit einen Spagat eines Liberal Arts Studium zu machen? Und vor allem: Wie spanne ich diesen wieder zurück wenn ich mich spezialisieren will?“, fragt eine interessierte Zuschauerin. Das Problem läge nach Joffe hier nicht darin, dass es schwierig würde den Spagat von einem breiten Studium zu der folgenden Spezialisierung zu schaffen. Das Problem bestünde darin, dass überhaupt kein Spagat gemacht wird: „Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden in der heutigen Zeit einen Techie heiraten. Sie könnten sich ja gar nicht unterhalten!“ Die Zuschauerin schmunzelt als Josef Joffe die Verniedlichung für Techniker benutzt. „Ich bin aber auch hoffnungslos altmodisch. Allerdings kann ich einen Computer bedienen und besitze sogar ein Apple IPhone. Ich würde aber gerne auch die Mathematik dahinter verstehen."


„Ich habe ein generelles Interesse am Journalismus und auch am Bildungssystem in Deutschland. Josef Joffe ist als Herausgeber der Zeit ein sehr bekannter Journalist, der sich mit der liberalen Bildung für die Gesamtgesellschaft auseinandersetzt. Diese Kombination hat mich interessiert.“
Natalia Sophie, Studentin des Studium Individuale. 


Autorin: Jula Hoffmeister, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.