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Die Große Transformation, Sustainable Development Goals und Planung: Jahrestagung des Jungen Forums der ARL an der Leuphana

04.10.2017 Wie kann nachhaltige Entwicklung planerisch umgesetzt werden? Darüber diskutierte das Junge Forum der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) am 22. und 23. September 2017 an der Leuphana. „Planung, wie transformativ bist du eigentlich? Urbanisierung und Landnutzung in Zeiten der Großen Transformation“, lautete das Thema.

Die Veranstaltung war auch gleichzeitig die Jahrestagung des Jungen Forums der ARL. Teil des Veranstaltungsteams war Sebastian Heilmann, der an der Leuphana am Institut für Nachhaltigkeitssteuerung (INSUGO) tätig ist.

Den Begriff und die Debatte um die „Große Transformation“ hat der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) 2011 angestoßen und 2016 wieder aufgegriffen und fortgeführt. (In)formelle räumliche Planung muss sich demnach als Akteur für die „Große Transformation“ entwickeln. Die entsprechend verstärkte Interaktion zwischen „gestaltendem Staat“ und aktiver Zivilgesellschaft liegt dabei im Zentrum der Bemühungen. Die genannte Transformation mit dem Ziel der nachhaltigen Entwicklung muss sich neben dem Feld der Energiewende besonders auch den Prozessen der Urbanisierung und der Landnutzung widmen. Darüber hinaus geht der WBGU davon aus, dass ein Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energieträger notwendig ist, um den Klimawandel zu begrenzen. 

„Die Umsetzung der SDGs erfordert die Zusammenarbeit verschiedener Akteure“

„Für die transformative Planung ist die Verbindung von mehreren Disziplinen wichtig“, erklärte Dr. Florian Koch vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig im ersten Vortrag „Urbane Transformationen und die globalen Nachhaltigkeitsziele“. Die globalen Nachhaltigkeitsziele, die sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs), sind 2016 in Kraft getreten und wurden von den Vereinten Nationen festgelegt. Sie bezögen sich – im Gegensatz zu den im Jahr 2000 gesetzten „Millenium Development Goals“ – auf alle Länder und damit auf eine Transformation der ganzen Welt. Als Ausgangspunkt für seinen Vortrag zitierte Koch den ehemaligen UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, der 2012 erklärte, dass Städte entscheidend für nachhaltige Entwicklung seien, da diese als Ballungszentren den Großteil der Weltbevölkerung beheimateten. Diese Aussage sei zwar nicht unumstritten, könne aber trotzdem als Basis für das SDG „Sustainable cities and communities“ dienen, das eine Herausforderung für die Regierung sei und Zusammenarbeit verschiedener Akteure fordere. Dieses SDG umzusetzen, sei in Deutschland besonders wichtig, beispielsweise um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und den öffentlichen Personennahverkehr auszubauen. 

Die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie orientiere sich dabei als integrativer, ganzheitlicher Ansatz eng an den SDGs. Sie beinhalte Maßnahmen in, durch und mit Deutschland und ziele damit auf eine Multi-Level-Umsetzung. Eine besonders wichtige Rolle spielten dabei die Kommunen. Planung könne zur Umsetzung dieses und anderer SDGs beitragen, indem sie beispielsweise die Flächennutzung zur nachhaltigen Entwicklung steuere. Transformative Planung sei in der Stadtplanung teilweise bereits verankert, doch die Verbindung zu anderen Disziplinen spiele eine erhebliche Rolle und könne noch ausgebaut werden. „Die SDGs sind dabei allerdings immer kontextabhängig und daher in verschiedenen Regionen schwierig umzusetzen oder zu bewerten. Lokale Akzeptanz für die geplanten oder durchgeführten Transformationen spielt daher eine entscheidende Rolle“, schloss Koch.

In der anschließenden Diskussion wurde angemerkt, dass es bei der Umsetzung der SDGs wichtig sei, sich nicht nur auf das eigene Land zu konzentrieren, sondern so zu planen, dass auch andere Länder davon profitieren können – beispielsweise durch die Entwicklung von Modellen, die auf andere Länder übertragbar sind.

„Transformative Planung muss die Frage nach den gesellschaftlichen Naturverhältnissen stellen“

Anschließend ging Tanja Mölders von der Leibniz Universität Hannover in ihrem Vortrag auf „Die Natur des ,Ländlichen’ und nachhaltige ländliche Entwicklung“ ein. „Transformative Planung muss auch im Blick behalten, was sie nicht behandelt, welche Themen gerade nicht diskutiert werden“, erinnerte sie zu Anfang ihres Vortrags. Solche Themen seien entweder bereits mitgedacht oder würden schlichtweg vergessen werden. Zunächst behandelte sie das Thema Natur als gesellschaftliche Naturverhältnisse. Die Kategorie „Natur“ werde dabei entweder als essentialistisch, gedacht, oder als in die Gesellschaft aufgelöstes Phänomen. „Beim Konzept der gesellschaftlichen Naturverhältnisse geht es hingegen um den unaufhebbaren Zusammenhang von Natur und Gesellschaft auf symbolischer und normativer Ebene und die historische Differenz von Natur und Gesellschaft“, erklärte Mölders. Transformative Planung müsse die Frage nach den gesellschaftlichen Naturverhältnissen, stellen, dass heißt, stets die Wechselwirkungen von menschlichem Handeln und Entwicklungen auf ökosystemarer Ebene im Blick haben. Bei einem weiteren Aspekt nach der Natur, der Ländlichkeit, schlug Mölders die Systematisierung in zwei Ebenen vor: eine materielle mit strukturellen Eigenschaften, und eine kulturell-symbolische mit konstruktivistischen Eigenschaften. Transformative Planung müsse die Hybridität des Ländlichen und dementsprechend beide Ebenen betrachten. 

Schlussendlich müsse nachhaltige ländliche Entwicklung als kritisch-emanzipatorisches Projekt betrachtet werden, das in erster Linie relational sei und somit Verbindungen und Wechselwirkungen in den Blick nehmen müsse. Darüber hinaus müsse es herrschaftskritisch sein und Gewissheiten in Frage stellen. Auch die Gerechtigkeit – sowohl inter- als auch intragenerationelle, wie sie bereits auf dem Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro thematisiert worden sei, müsse gestärkt werden. „Ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit muss schon bei Schülern gestärkt werden“, forderte Mölders, mahnte aber auch: „Die Diskussion um nachhaltiges Leben hat oft etwas elitär-akademisches. Verantwortung wird dem Verbraucher gegeben, doch nicht jeder ist in der Lage, sich Bio-Gemüse leisten zu können.“ Entsprechend müssen auch die Produktionsbedingungen an sich in den Blick genommen werden.

Auf der Tagung gab es weiterhin einen Vortrag zum „Rathaus im Wandel“ von Albert Geiger aus dem Pionierreferat für nachhaltige Stadtentwicklung in Ludwigsburg und einen weiteren Vortrag von Matti Pannenbäcker zu nachhaltiger Landnutzung am Beispiel der „WirGarten – Gemüsegenossenschaft“.

„Einigkeit bestand zwischen den Nachwuchskräften aus Wissenschaft und Praxis, dass Planer_innen Mut aufbringen müssen die Herausforderungen der ,Großen Transformation’ anzugehen und dafür auch die Politik auf allen Ebenen auf Ihre Verantwortung hinweisen müssen“, fasste Heilmann die Tagung zusammen, „ein Positionspapier wollen wir entsprechend auf den Weg bringen und in die bundesweite Debatte einbringen.“

Eine Nachlese der Workshops und Debattenergebnisse werden zeitnah auf der Tagungshomepage zur Verfügung gestellt.


Kontakt

Dipl.-Umweltwiss. Sebastian Heilmann
Universitätsallee 1, C11.115
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1349
sebastian.heilmann@leuphana.de


Autorin: Morgaine Struve, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.