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Auftakt zur Gesprächsreihe „Disputationes" im Raum der Stille

20.10.2017 Der Direktor des Deutschen Primatenzentrums und Leibniz-Preisträger Stefan Treue und der Philosoph Ludger Honnefelder, Mitglied von Bioethik-Kommissionen des Deutschen Bundestags und des Europarats diskutierten unter Moderation von FAZ-Redakteur Joachim Müller-Jung zum Thema „Würde und Willkür – Zur Wissenschaftskultur der Geschöpflichkeit". Das katholische Forum Niedersachsen hatte Mitdiskutierende aus Wissenschaft, Wirtschaft, der Jurisprudenz und der Öffentlichkeit in den Raum der Stille des Leuphana Zentralgebäudes eingeladen.

Der Primatenforscher Stefan Treue machte gleich zu Anfang deutlich, dass die Biowissenschaften und Medizin eine Innovationsgeschwindigkeit erreicht hätten, die selbst Experten den Überblick erschwere, wo sich aktuelle Risiken und Grenzfragen ergeben. Zudem sei es schwierig, in einer globalisierten Forschung verbindliche Entscheidungen darüber herbeizuführen, was beforscht werden darf und was nicht. Es reiche nicht mehr, wenn Europa und Nordamerika hierüber Einigkeit erzielten, helfen würden nur globale Lösungen, die jedoch auch aufgrund verschiedener kultureller und religiöser Hintergründe und politischer Interessen schwer zu erzielen seien.

Ludger Honnefelder zeigte auf, dass mit dem genuin theologischen Begriff der „Geschöpflichkeit" zwei Aspekte verbunden seien, zum einen die Idee einer geordneten Natur, die sich begreifen lasse, zum anderen die Endlichkeit und Verletzlichkeit der menschlichen Geschöpfe. Die Endlichkeit und Verletzlichkeit erkläre nicht nur den Wunsch nach Verbesserung der Lebenssituation durch die Medizin (bis hin zu human enhancement), sondern zugleich auch das Bedürfnis und das Recht auf Nichtwissen. Die menschliche Würde, auf die sich unsere Moral und unsere Gesetze, abgeleitet von Art. 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, immer wieder berufen, gründe auch auf dieser Spannung.

Die Verantwortung für Handeln an den Grenzen ärztlicher Kunst auf die behandelnden Ärzte abzuwälzen sei unverantwortlich, und zwar auch deshalb, weil es im medizinischen Alltag Fälle geben, auf die unsere tradierte Moral keine Antworten hat. Ebenso dürfe man die Forschung nicht mit Grenzziehungen allein lassen, was erforscht werden darf und was nicht. Sie sei damit überfordert, gerade weil auch der Wunsch der Patienten nach Heilung und wirtschaftliche Interessen eine Rolle spielten, wie sich Honnefelder und Treue einig waren.

Treue merkte selbstkritisch an, dass es Biowissenschaften und Medizin versäumt hätten, ihre Forschung der Öffentlichkeit zu erklären, auf deren Zustimmung sie finanziell und politisch angewiesen sei. Zugleich lasse sich dieses Versäumnis wie auch generell die zu wenig geführte innerakademische Diskussion über Chancen und Risiken von Forschung auch dadurch erklären, dass Forschende bei Evaluationen nicht daran gemessen werden, wie intensiv sie sich mit solchen Fragen befassen. Umso wichtiger, waren sich alle Beteiligten einig, sei es, verschiedenste Diskussionsforen zu schaffen, um diese Fragen unter Beteiligung der Öffentlichkeit kritisch zu diskutieren. Der Auftakt zur Reihe „Disputationes" war hierfür ein gelungener Anlass.


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Autor: Sebastian Weiner. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.