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EU-Projekt zur Leseförderung vor dem Abschluss

04. November 2008 Schülerinnen und Schüler, die nicht über grundlegende Lesefähigkeiten verfügen, werden in unserer Wissensgesellschaft zukünftig große Schwierigkeiten haben, denn die Fähigkeit zum Lesen ist die Voraussetzung für jede Art von Wissenserwerb und lebenslangem Lernen. Laut PISA-Studie 2006 gehören in Europa knapp 25% aller Jugendlichen den sog. „Risikoschülern“, deren Lesekompetenz unter dem Minimalstandard liegt. Unter den fünf Vergleichskriterien, die die EU-Kommission [Generaldirektion Education and Culture] im Rahmen des Lissabon-Prozesses definierte, sind die leseschwachen Jugendlichen die einzige Gruppe, bei der seit 2000 nicht nur keinerlei Fortschritt erzielt wurde, sondern bei der im Gegenteil sogar eine Verschlechterung der Situation eingetreten ist. Von dem für 2010 definierten Ziel ist die Europäische Union noch weit entfernt: „By 2010 the percentage of low achieving 15-year olds in reading literacy in the EU [Stand 2000: 21, 3 %] should decrease by at least 20 %“.

Das seit November 2006 laufende ADORE-Projekt setzt hier an und forscht nach den Ursachen von Leseschwäche sowie Beispielen guter Praxis in der Förderung von leseschwachen Jugendlichen – und das an Schulen in elf europäischen Ländern. ADORE steht für “Teaching Struggling Adolescent Readers. A Comparative Study of Good Practices in European Countries”. Die Projektleitung liegt beim Institut für Deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik der Leuphana Universität Lüneburg: Prof. Dr. Christine Garbe als Projektkoordinatorin, Prof. Dr. Swantje Weinhold und PD Dr. Karl Holle. Ihre Expertise in den Forschungsbereichen Lesesozialisation, Schriftspracherwerb und Lesedidaktik sowie der Praxisbezug des Projekts überzeugten die Sokrates-Programm-Verantwortlichen in Brüssel, so dass das Projekt mit der höchstmöglichen Fördersumme (rund 440.000 Euro Drittmittel) ausgestattet wurde.

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes befinden sich noch in der Diskussion. Aus dem bisherigen Verlauf lässt sich aber bereits festhalten, dass eine gute Praxis der Leseförderung von sehr unterschiedlichen Faktoren abhängig ist, die  gut aufeinander abgestimmt sein müssen. Zu diesen Faktoren zählen:
1) Politischer Wille und gesellschaftliche Akzeptanz für ausreichende gesetzliche, finanzielle und personelle Ressourcen zur Förderung von leseschwachen Kindern und Jugendlichen („Legal Right to individual support“).
2) Tests und Beobachtungsverfahren, mit denen Schülerinnen und Schüler nicht einfach nur miteinander verglichen und in eine Rangreihe gebracht werden. Erforderlich sind auch Hilfen für die Gestaltung des Unterrichts, mit denen Lehrkräfte die Stärken und Schwächen einzelner Schülerinnen und Schüler besser einschätzen können („Diagnostic Instruction“).
3) Aufbau umfassenden lese- und schreibdidaktischen Wissens bei Lehrerinnen und Lehrern im Rahmen von Aus- und Weiterbildung („Evidence Based Instruction“).
4) Verbesserung der allgemeinen Lesekompetenz als Aufgabe nicht allein des muttersprachlichen Unterrichts, sondern des Unterrichts in allen Unterrichtsfächern aller Klassen und Schulstufen („Literacy Across the Curriculum“).

Im Frühjahr 2008 reisten im Rahmen des ADORE-Projektes international zusammengesetzte Forscher-Teams nach Belgien, Deutschland, Estland, Finnland, Italien, Norwegen, Österreich, Polen, Rumänien, in die Schweiz und nach Ungarn. Dabei wurden gute Lesekonzepte in der praktischen Umsetzung in der Schule untersucht, Unterrichtsbesuche durchgeführt und die Beteiligten (Lehrkräfte und Schülerinnen wie Schüler) interviewt.

Vom 5. - 9. Oktober 2008 fand an der Leuphana Universität Lüneburg die Abschlusskonferenz zum Projekt statt. Wissenschaftlerinnen und Praktiker aus elf europäischen Ländern kamen dazu nach Lüneburg und analysierten die Ergebnisse der Forschungsreisen. Ziel der Konferenz war  es, zentrale Bestandteile („key-elements“) einer guten Praxis zu finden und diese sowohl mit praktischen Beispielen zu untermauern als auch die Abhängigkeiten der Elemente untereinander aufzuzeigen.

Die Projektergebnisse werden 2009 in einer internationalen Publikation veröffentlicht und zugleich der EU-Kommission in Brüssel als Expertise zur Gestaltung europäischer Programme zur Verfügung gestellt. Zielgruppen sind außerdem Schulleitungen, Lehrkräfte und andere Praktiker im Bildungsbereich. Sie können die wissenschaftlichen Erkenntnisse im Idealfall direkt in der Praxis umsetzen.

31.08.2010, zuehlsdorff