Forschungsnetz Gesundheit

Wissenschaftlerinnen helfen Pflegeheimen, ihre Fachkräfte zu halten
Unbesetzte Stellen, überlastetes Pflegepersonal: Das Personal in der Pflegebranche wird knapp. Das „Forschungsnetz Organisationale Gesundheit“ im EU-Großprojekt Innovations-Inkubator der Leuphana Universität Lüneburg untersucht deshalb seit April 2012, wie organisationale Gesundheit die Mitarbeiterbindung und Innovationsfähigkeit in der Pflegebranche verbessern könnte. „Organisationale Gesundheit“ meint dabei die Gesundheit im Unternehmen sowohl beim Personal als auch in der Organisation, gemient sind somit gesunde Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ebenso wie eine gesunde, flexible und zugleich widerstandsfähige Organisation mit wirtschaftlichen Erfolg und hoher Arbeitsqualität.
Studie zeigt: Jede fünfte Altenpflegekraft will den Beruf wechseln
In einer Studie haben die Professorin für Personal- und Organisations-psychologie Sabine Remdisch und ihr zweiköpfiges Team rund 1000 Mitarbeitende in 26 Pflegeheimen im ehemaligen Regierungsbezirk Lüneburg zu Belastung und Ressourcen befragt. Zudem erhoben sie in Interviews mit den Heimleitungen Fehlzeitenquoten, Fluktuationsraten, Bewohnerstruktur und das Verständnis einer gesunden Unternehmenskultur der Einrichtungsleitungen. Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) unterstützte die Studie.
Erste Ergebnisse: Viele Altenpflegerinnen und Alternpfleger sind erschöpft – etwa jede fünfte Pflegekraft denkt darüber nach, einen anderen Beruf zu ergreifen. Am häufigsten klagten die Pflegerinnen und Pfleger über psychische Belastungen: 30 Prozent gaben an, sich dauerhaft oder fast täglich müde, angespannt oder überfordert zu fühlen. Rund ein Viertel erklärt, mehrmals pro Woche oder häufiger an Kopfschmerzen zu leiden. Jeder fünfte Befragte berichtet, fast jede Nacht mit Problemen beim Ein- oder Durchschlafen zu kämpfen. „Die Gesundheitssituation des Pflegepersonals in der Region ist alarmierend“, sagt Remdisch. „Daraus resultieren nicht nur viele Krankheitstage, sondern auch ein ausgeprägter Präsentismus, also Anwesenheit am Arbeitsplatz trotz gesundheitlicher Beschwerden.“ Über die Hälfte der befragten Pflegerinnen und Pfleger gab an, im vergangenen Jahr zweimal oder öfter zur Arbeit gegangen zu sein, obwohl sie sich richtig krank gefühlt habe; rund ein Drittel sogar gegen den Rat des Arztes. Als größte Belastung bei der Arbeit nannte mehr als die Hälfte der Befragten Personalengpässe und hohen Dokumentationsaufwand als größte Stressfaktoren. Kraft hingegen schöpften die Altenpfleger nach ihren Angaben aus dem Gefühl, bei der Arbeit etwas Sinnvolles zu tun.
Lösungswege: Gutes Führungsverhalten und Arbeitsklima
Für die organisationale Gesundheit ist ein vernünftiger Umgang mit Krankheit am Arbeitsplatz entscheidend. Die Führungskräfte können hier einen wesentlichen Anteil leisten. Unter den Altenpflegerinnen und Altenpflegern, deren Vorgesetzte auf die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden achten – also etwa auf gesundheitliche Warnsignale der Mitarbeitenden reagieren oder selbst in Bezug auf ihr Gesundheitsbewusstsein ein Vorbild sind –, liegt die Präsentismusrate vergleichsweise niedriger. Zudem erwägt nur jeder zehnte den Wechsel in einen anderen Beruf. Diese Mitarbeitenden stuften ihren Gesundheitszustand auch subjektiv besser ein als die Pflegekräfte der anderen Einrichtungen. „Angesichts der demografischen Entwicklung lohnt also ein Ausbau der gesundheitsförderlichen Führungskultur in den Einrichtungen, um die Bleibemotivation des Pflegepersonals nachhaltig zu stärken“, sagt Remdisch.
Das Forschungsteam übergab am 4. April 2013 jeder der untersuchten 26 Pflegeeinrichtungen einen individuellen Ergebnisbericht mit Vergleichswerten zur Gesamtstichprobe. Darüber hinaus präsentierte es die wichtigsten Erkenntnisse bei einer Feedbackveranstaltung an der Leuphana Universität Lüneburg. Ab Mitte 2014 wollen die Wissenschaftlerinnen mit den Einrichtungen individuelle Formate der Gesundheitsförderung erarbeiten, darunter Seminare, Gesundheitszirkel und Workshops.




