Prof. Dr. Dr. h.c. Helga Nowotny

Vita

Helga Nowotny ist europäische Wissenschaftsforscherin. 1937 in Wien geboren schloss sie dort ihr Jura-Studium mit einem Doktorat der Rechtswissenschaften ab. Nach ihrer Tätigkeit als Juniorprofessorin am Institut für Kriminologie der Universität Wien übersiedelte sie nach New York, wo sie 1969 an der Columbia University ihr Ph.D. in Soziologie erwarb.

Einem ihrer Lehrer, Robert K. Merton, verdankt sie es, dass ihr Forschungsgegenstand die Wissenschaft wurde. Nach ihrer Rückkehr nach Österreich war sie in der empirischen Sozialforschung tätig, habilitierte sich an der Universität Bielefeld und da diese in Österreich nicht anerkannt wurde, nochmals im Jahr 1982 an der Universität Wien. 1987 wurde sie am neugegründeten Institut für Wissenschaftsphilosophie und –Wissenschaftsforschung der Universität Wien zur Professorin ernannt. 1995 folgte ein Ruf an die ETH Zürich. Dort leitete sie bis zu ihrer Emeritierung auch das Collegium Helveticum. Zahlreiche Forschungs- und Lehrtätigkeiten führten sie an das King’s College, Cambridge; das WissenschaftsKolleg zu Berlin, die Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, Paris und das Institute of Advanced Study/Collegium Budapest. Neben ihrer herausragenden Tätigkeit in Forschung und Lehre ist Helga Nowotny im Bereich der europäischen Forschungspolitik engagiert. Von 2001 bis 2005 war sie Vorsitzende des European Research Advisory Board (EURAB). 2005 wurde sie als Gründungsmitglied des European Research Councils ernannt. Mit offiziellem Beginn des ERC 2007 wurde sie zur Vizepräsidentin und 2010 zu dessen Präsidentin gewählt, eine Funktion die sie bis Ende 2013 innehatte.

"… we have to rethink the place of people in the knowledge produced by the sciences." (1999)

Dieser Satz drückt prägnant eine der wissenschaftlichen Leitfragen von Helga Nowotny aus: wie kann in wissenschaftlichen Forschungsprozessen, die sich mit komplexen gesellschaftlichen Problemstellungen befassen, Wissen gemeinsam mit der Gesellschaft entstehen, das von dieser angenommen und genutzt wird.

"A 21st century view of science must embrace not only the wider societal context, but be prepared for the context to begin to talk back. (…) In a 21st century view of science, more will be demanded from science: a decisive shift towards a more extended notion of scientific knowledge, namely a shift towards socially robust or context-sensitive knowledge." (ebd.)

Aus der Perspektive der Wissenschaftsforschung stellte Helga Nowotny konsequenterweise die Frage, welche Veränderungen der neue Modus der Wissensproduktion (Mode 2) für wissenschaftliche Strukturen und für die Forschungspraxis mit sich bringt. Das 1994 mit ihren Kollegen verfasste Buch "The New Production of Knowledge“ gilt als Meilenstein. Wohl selten hat Wissenschaftsforschung so innovativ gewirkt wie in diesem Moment. weitere Werke wie der 2001 erschiene Band "Re-Thinking Science: Knowledge and the Public in an Age of Uncertainty" folgten. Die steigende Komplexität der in einer globalisierten Welt aufgeworfenen Forschungsfragen, wachsende Unsicherheit, Nicht-Wissen und die damit verbundene gesellschaftliche Transformation sind Stichworte, die noch heute Ansätze transformativer, partizipativer Forschung bestimmen.

Helga Nowotny gilt als Wegbereiterin für einen transdisziplinären Forschungsansatz, ja für eine epistemologische Transformation des Wissenschaftssystems in ein System der „Wissenschaft im Kontext“.
Ohne ihr Wirken an zahlreichen wissenschaftlichen Einrichtungen in europäischen Ländern und in hochkarätigen Gremien auf europäischer Ebene wäre der transdisziplinäre Ansatz, auch in der Lehre, kaum so weit fortgeschritten.