Forschung
Prof. Dr. Volker Kirchberg
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Die Bedeutung von Kunst und Kultur für die Stadtentwicklung
2004 – 2011
Im Zentrum des Forschungsprojektes steht die Frage nach der aktuellen Bedeutung von Kunst und Kultur für die Stadtentwicklung. Vice versa wird zudem nach der Wirkung der Stadtentwicklung für die Kultur einer Stadt gefragt. Interdisziplinär basiert das Projekt auf theoretischen Überlegungen der Stadtsoziologie, Stadtgeographie und Städtplanung zur Wirkung der Kultur im städtischen Raum. Herangezogen werden dafür Theorien des politisch und ökonomisch gesteuerten Stadtwachstums („Growth Machine“ bei Logan und Molotch), der Kreativität in der Stadt (Florida, Landry etc.), der Gouvernementalität (Foucault) und Governance (Benz, Lange etc.), weitere Stadtplanungstheorien (Fainstein etc.) und der aktuelle kulturwissenschaftliche Auseinandersetzungen mit Raum und Stadt („spatial turn“). Angesichts des interdisziplinären Neulands dieses Forschungsgegenstandes werden aber auch induktiv aus umfangreichen empirischen Erhebungen qualitative Erkenntnisse gewonnen.
Die Empirie der Studie basiert auf dem Vergleich zweier „Second Cities“ (Hodos 2007). Dieser Vergleich hat eine räumliche Dimension, Baltimore (USA) und Hamburg werden gegenübergestellt, und eine zeitliche Dimension, der Wandel der Bedeutung der Kultur für die Stadtentwicklung wird in Baltimore zwischen 1989/90 und 2004/05 verglichen. In den Jahren 1989/90, 2004/05 (in Baltimore) und 2005/06 (in Hamburg) wurden hierzu leitfadengestützte Interviews mit städtischen Akteuren des Kultursektors durchgeführt: mit Direktoren aus Museen, Theater, Orchester, der Stadtteilkultur und (Programm-)Kinos, mit Leitern regionaler und städtischer Kulturverwaltungen und mit Stadtplanern bzw. Projektentwicklern, die Kulturprojekte als Teil der Stadtentwicklung verstehen, z. B. Quartiersmanager und Verantwortlichen der städtischen Wirtschaftsförderung. Die Baltimore-Studie von 2004/05 repliziert eine Studie aus dem Jahr 1989/90 (Kirchberg 1992).
Als erstes Ergebnis der Studie lässt sich u.a. feststellen, dass im Vergleich (der im Abstand von 15 Jahren geführten Expertengespräche) in Baltimore ein deutlicher Wandel der Legitimierung von Kunst und Kultur für die Stadtentwicklung und Stadtpolitik festzustellen ist. Während Ende der 1980er Jahre die unmittelbarere stadtwirtschaftliche Wirkung der Kultur zentral betont wurde (Stichwort „Umwegrentabilität“) wurde in der ersten Hälfte der 2000er Jahre die indirekte positive Wirkung der künstlerischen Kreativität auf die postindustrielle Wirtschaftskraft und das Image einer (global agierenden) Stadt (Stichwort „Kreative Stadt“) konstatiert. Zudem wird im Vergleich der Einsatz von Kunst und Kultur in Stadtentwicklung und Stadtpolitik in Hamburg weitaus umfangreicher, detaillierter und imageorientierter aus den staatlichen Planungs- und Umsetzungsinstanzen heraus bedacht als in Baltimore, das u.a. aufgrund einer weitaus komplizierteren finanziellen Situation, aber auch aufgrund einer traditionell basisdemokratischeren Orientierung stadtbürgerlichen Initiativen freieren Raum lässt bzw. diese politisch fördert. Kunst und Kultur werden in den beiden „Second Cities“ heute zwar nicht unterschiedlich bewertet, die umgesetzte Instrumentalisierung differiert aber in den beiden Städten deutlich. Illustriert wird dies auch an spezifischen Kulturräumen in den Städten, deren Ursachen, Entwicklungen und Aussichten bewertet und aufgrund der stadtspezifisch unterschiedlichen sozio-ökonomischen, politischen und kulturellen Kontexte analysiert werden. Das Projekt wird voraussichtlich im Jahre 2011 mit u.a. einer Monografie ihren Abschluss finden.
Forschung und Lehre sollen sich ergänzen. Deshalb wurden von mir auch in mehreren Semestern Seminare zum Thema durchgeführt:
- Zur Organisation von Kultur in der Stadt -- Das Fallbeispiel Hamburg I
- Zur Organisation von Kultur in der Stadt -- Das Fallbeispiel Hamburg II
- Creative City: Zur Verwendung von Kultur in der Stadt
- Kultur und Stadtplanung: Theoretische Grundlagen und praktische Beispiele
Urbane Kreativitätsimpulse durch 2-3 Straßen?
2010—2011
Ziel der Zusammenarbeit mit dem Künstler Jochen Gerz ist die wissenschaftliche Betrachtung des Kunstprojektes 2-3 Straßen im Rahmen einer Erforschung der Bezüge von Kreativität und der Entwicklung der Straßen und Wohnblöcke, in denen dieses Kunstprojekt stattfindet Dabei sollen u.a. inhalts- und bildanalytische Verfahren eingesetzt werden. Darüber hinaus wird ermittelt, wie weit die Zielsetzung des Kunstprojektes 2-3 Straßen - die Initiierung eines einzigartigen sozialen Prozesses, der auf die Veränderung der beteiligten Straßen zielt – erreicht wurde. Das Kunstprojekt 2-3 Straßen findet seit dem 01.01.2010 in den Städten Dortmund, Duisburg und Mülheim a.d. Ruhr nach dem Konzept von Jochen Gerz unter dem vollständigen Titel „2-3 Straßen. Eine Ausstellung in Städten des Ruhrgebiets“ im Auftrag des NRW KULTURsekretariats im Rahmen der Aktivitäten der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 statt (siehe http://www.2-3strassen.eu bzw. http://www.en.2-3strassen.eu).
Projektleitung: Prof. Dr. Volker Kirchberg, Leuphana Universität Lüneburg.
Mitarbeiter: Dr. Christoph Behnke, Annette Grigoleit, Anna Körs, Mark Nerlich.
eMotion – das psychogeographische Museum: mapping museum experience
2008—2010
eMotion untersucht als innovatives Feldforschungsexperiment die Erfahrung von Besuchern mit einer Ausstellung moderner Kunst (Kunstmuseum St. Gallen, Schweiz, Sommer 2009). Im Zentrum der Studie steht die psychogeografische Wirkung des Museums und seiner Objekte auf das Erleben des Kunstrezipienten. Museumsbesucher, die an dem Projekt teilnehmen, erhalten Einblick in ihre eigene Kunstwahrnehmung und ihre physiologischen Reaktionen während des Museumsbesuches. Die sozialwissenschaftliche Begleitforschung durch Prof. Dr. Volker Kirchberg und Dr. Stéphanie Wintzerith erfasst und analysiert dabei die wichtigen sozio-ökonomischen und –demographischen sowie biografischen Individualmerkmale, die das Ausstellungserlebnis – so die internationale Besucherforschung zu Museen – tiefgreifend determinieren und als Kontextfaktoren der physiologisch-psychologischen Erhebung im Rahmen dieser interdisziplinären Studie unumgänglich sind.
Entsprechend des interdisziplinären Ansatzes der Studie verlief auch die Erhebung multimethodisch. Zum einen wurden die Besucher für den Besuch mit einem Messhandschuh versehen, der unmittelbar die genaue Position des Besuchers, die Herzrate und die Hautleitfähigkeit maß und diese Daten an einen Server weitergab. Sofort nach dem Besuch wurden die Besucher konkret mit einer graphischen Abbildung ihres Ausstellungsbesuches (tracking) und ihrer emotionalen und kognitiven Reaktionen (Schwankungen der Herzrate und der Hautleitfähigkeit) konfrontiert (auf einem Computerscreen und per Mehrfachfarbenausdruck) und auf ihre mentalen, physischen und temporalen Reaktionen zu den 53 Ausstellungswerken befragt. Dafür wurden in mehreren Phasen (am Eingang, am Ausgang und einige Wochen später) standardisierte Befragungen durchgeführt, mit individuellen Statistiken und Bewertungen zur Ausstellung, zu einzelnen Exponaten und zur „Lernkurve“ (d.h. Erfahrungssammlung vor und nach dem Besuch) bzw. zur Erinnerung an den Besuch (in einer online-Nachbefragung einige Wochen später). Innerhalb des Forschungsteams ist die Konstruktion, Operationalisierung, Erfassung und Analyse der sozialwissenschaftlichen Eingangs-, Ausgangs- und Nachbefragungen die Aufgabe von Prof. Kirchberg und Dr. Wintzerith. Die Ergebnisse der Studie werden im Sommer 2010 vorgestellt (siehe auch http://www.mapping-museum-experience.com/).
Die Studie wird maßgeblich vom Schweizerischen Nationalfonds SNF gefördert.
Forschung und Lehre sollen sich ergänzen. Deshalb wurde auch im Sommersemester 2009 in Lüneburg ein Seminar zum Thema durchgeführt: Ausstellungserleben und Ausstellungsverhalten – Theorie und Empirie des Kunstausstellungsbesuches
A Survey of Surveys - Eine international vergleichende Metastudie repräsentativer Bevölkerungsanalysen des Kulturkonsums
2009-2010
Dieses in einer Anschubfinanzierung von der Leuphana Universität finanzierte Forschungsvorhaben untersucht die Ursachen des Nichtkonsums institutionalisierter Hochkultur (d.h. Museen, Theater, klassische Konzerte) in Deutschland aus kultur- und kunstsoziologischer Sicht systematisch (theoriengeleitet), repräsentativ (bundesweit) und statistisch (quantitativ). Es überprüft erstmals empirisch (für Deutschland) zentrale theoretische Fragen des Hochkultur(nicht)konsums. Weiter werden Analysen des Hochkultur(nicht)konsums auch im temporalen Vergleich (zu Daten von 1995 in Deutschland) und im Länder-Vergleich (zu internationalen Studien) vorgenommen. Überprüft werden hierbei insbesondere nicht-sozialstrukturelle Erklärungen des Hochkultur(nicht)konsums, wie die Individualisierungsthese (Beck), die Omnivorenthese (Peterson), die These des Wandels der Erlebnisgesellschaft (Schulze) und die These einer wachsenden Schere zwischen Hochkulturangebot und –nachfrage.
Zentral für diese (erste) Phase des Forschungsprojektes ist eine möglichst vollständige Sichtung der Theorien und der internationalen empirischen Studien zum (Nicht-) Konsum der Hochkultur, der Aufbau einer Datenbank mit internationalen Statistiken für eine erste vergleichende Analyse der oben genannten Zielhypothesen und die Formulierung empirisch testbarer Hypothesen und eine Diskussion von Operationalisierungsentwürfen mit Forschungspartnern in In- und (evtl.) Ausland. Mit einem Folgeantrag soll dann eine repräsentative Bevölkerungserhebung in Deutschland zum Hochkultur(nicht)besuch ermöglicht werden, unter besonderer Beachtung regionaler Bedingungen (Land-/Stadt-Unterschiede; Ost-West-Unterschiede; Immigrantenhintergrund bei der (groß)städtischen Bevölkerung).
Das Projekt wird gemeinsam mit Herrn Robin Kuchar, M.A. durchgeführt, der zudem in Kooperation mit Sacha Kagan, MA, im Sommersemester 2010 ein Seminar/ eine Übung zu Publikumsstudien im Kulturbereich durchführt.
Soziale Netzwerkanalyse von Kunst und Kultur in der Region Lüneburg
2008 - ...
Im Rahmen der Lehre und Forschung zur Kulturorganisation in der Abteilung Soziologie der Künste und Kultur des IKKK (i.e. „Kulturbetriebslehre“) hat sich neben der Theorie des Soziologischen Neo-Institutionalismus (siehe meine Antrittsvorlesung "Warum sind Kultureinrichtungen unvernünftig? Anmerkungen aus dem Neuen Institutionalismus " in den letzten Jahren die Soziale Netzwerkanalyse als ein weiteres wichtiges theoretisches und angewandtes Standbein der Kulturorganisationsforschung entwickelt. Hierfür war insbesondere die Zusammenarbeit mit interessierten Studenten in Projektseminaren essentiell. Seit 2008 wurden in der Region Lüneburg Kultureinrichtungen der Bildenden Kunst, der Literatur, der Musik und der Kulturpolitik, Kulturverwaltung und der nichtstaatlichen Kulturförderung auf ihre Vernetzung hin untersucht. Die hier erhobenen Netzwerkstrukturen sind nicht nur gute Hinweise zum Bewusstsein der Bedeutung der sozialen Einbettung dieser Organisationen bei ihren Leitern (in Kunstfeldern und in geographischen/ politischen Räumen), sondern auch Grundlage einer organisationssoziologischen Analyse von Kooperationen und Abhängigkeiten, die als mehrdimensionale Einfluss- und Machtfaktoren elementar die Stärke oder Schwäche einer Kulturstätte bestimmen. Die Daten der Erhebungen werden mithilfe des qualitativen Inhaltsanalyseprogramms Atlas.ti und des quantitativen Netzwerkanalyseprogramms PAJEK klassifiziert, visualisiert und bewertet. Ein erstes Ziel dieser Studie (neben dem Erlernen empirischer Fähigkeiten für die Studenten) ist die Verdeutlichung von Netzwerkstärken (z.B. Brückenpersonen) und -schwächen (z.B. strukturelle Löcher). Die Ergebnisse sollen in Zukunft mit Repräsentanten der Kulturstätten in der Region diskutiert und Anregungen zur verbesserten Vernetzung gegeben werden.
In einer späteren Phase wird im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojektes im Rahmen des Innovations-Inkubators (EFRE-Förderung) eine umfassende Analyse der Vernetzung der Kultur (Musik, Bildende Kunst, Literatur, Museen und historisches Erbe) im Konvergenzgebiet (von Stade bis Lüchow-Danneberg) angestrebt, um durch Vorschläge zur Vernetzung den kulturellen Sektor der Region auch wirtschaftlich zu stärken.
Unternehmerische Kulturförderung in Zeiten ökonomischer Krisen
2004 - 2010
Dieses Forschungsprojekt verfolgt die Hypothese, dass sich unternehmerische Kulturförderung (Sponsoring, Unternehmensstiftungs- und philanthropische Förderung) seit dem ökonomischen Umbruch Anfang 2000 grundlegend verändert hat. Die zahlreichen wirtschaftlichen Krisen dieses Jahrzehnts, verursacht durch Spekulationen ("bubbles") in der New Economy, auf dem Immobilien- und auf dem Finanzmarkt sind kontraproduktiv zu einer nachhaltigen Sicherung unternehmerischer Kulturförderung durch postfordistische Unternehmen und Branchen.
Zwischen 1980 und Ende der 1990er Jahre haben insbesondere amerikanische gesellschaftswissenschaftliche Studien die Struktur und das Ausmaß der unternehmerischen Kulturförderung analysiert. In den letzten Jahren ist das empirische Interesse am Thema allerdings weniger ausgeprägt gewesen. Deshalb ist die Bedeutung der New Economy (oder der postfordistischen Wirtschaftsbranchen) für die unternehmerische Kulturförderung heute in ihrer ökonomischen, sozialen und kulturellen Wirkung auf die Gesellschaft insgesamt unklar. Gerade im Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion zur Bedeutung von "creative industries" ist es aber notwendig, diese Forschungsfrage wieder zu stellen. Datenbasis zur Überprüfung dieser These sind vor allem Sekundärdaten des Foundation Centers in New York (von 1998 bis heute) zur unternehmerischen Kulturförderung in der Metroregion New York.



