Führt Wissen zu Macht?

Ein Essay von Sophie Toups

Was bringt es, sich über aktuelle Geschehnisse in der Welt zu informieren, wenn wir letztendlich so wenig dazu beitragen können? Ein Versuch, den Einfluss von Wissenschaft auf die Politik zu verstehen.

Mädchen hält Plakat mit der Aufschrift “Stop War” von einer Brüstung. In der anderen Hand hält sie einen Strauß mit Sonnenblumen. ©pexels/Jimmy Liao
Protest gegen den Krieg in der Ukraine.


„Unsere Wissenschaft ist schrecklich geworden, unsere Forschung gefährlich, unsere Erkenntnis tödlich“, sagt der Kernphysiker Möbius in dem Werk „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt. Er erkannte, dass Wissen zweifellos zu Macht führen kann, überlegte jedoch, ob diese Machtposition positive Auswirkungen auf die Menschheit habe. In dem Drama entwickelt Möbius eine geniale Theorie, mit der er die moderne Physik revolutionieren würde. Doch er entscheidet sich dafür, in ein Irrenhaus zu gehen, um die Welt vor den Folgen der Veröffentlichung seiner Formeln zu schützen.

Die Geschichte ist rein fiktiv. Dennoch ist die Thematik real und sehr aktuell.

Ist das Ausschöpfen unseres Wissens und das Erforschen neuer Gebiete überhaupt förderlich für die Menschen?

Albert Einstein entwickelte die Relativitätstheorie und sein Wissen half bei der Entwicklung der Atombombe. Hatte er vielleicht zu viel Wissen? Inwiefern hat er die Auswirkungen seiner Intelligenz wirklich beabsichtigt? Hiroshima und Nagasaki. Die Städte der Opfer. Die Auswirkungen seines Wissens und die politische Verwendung seiner Theorie hatte tausenden Menschen das Leben gekostet. Die USA waren überzeugt mit einem schnellen, radikalen Handeln die Gegner zur Kapitulation zu zwingen. Dieser Plan ist aufgegangen. Sie sind als stolze Sieger aus dem Krieg hervorgegangen. Doch zu welchem Preis? Rechtfertigt diese Strategie den Tod  von tausenden Japanern? 

Was lässt sich aus der Geschichte für den heutigen Krieg in der Ukraine lernen?

Russland testet Atomwaffen und hat nun in der Ukraine ein Atomkraftwerk in Beschlag genommen. Das Wissen allein scheint also nicht das Problem zu sein. Der Missbrauch und die Verwendung zum Schaden anderer ist problematisch. Nun stellt sich wieder die Frage: Rechtfertigt ein politisches Ziel den Einsatz chemischer Waffen und somit zivile Opfer?

Ist die Intention wichtiger als der Wissensgehalt an sich?

Wissen ist eine Ansammlung von Informationen. Wissen ist objektiv. Es besteht aus Daten und Fakten, die belegt oder widerlegt werden können. Wissen ist neutral. Es entsteht durch die Verankerung von logischen Gedankengängen in unserem Gedächtnis. Vielleicht  vergessen wir leicht, dass Wissen oft geprägt ist von unserer ganz persönlichen Perspektive. Eine Nachricht kann für jedes Individuum die unterschiedlichsten Auswirkungen haben.

Andererseits heißt es auch in „Die Physiker“: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ Wenn ein Gedanke einmal einen Weg in ein menschliches Gehirn gefunden hat, wird er es auch wieder tun. Wichtig scheint nur, zu welchem Zweck die gewonnenen Erkenntnisse genutzt werden.

Nicht zu vergessen ist, dass eine neue Errungenschaft immer zwei Seiten hat. So zum Beispiel das Smartphone: Nahezu jeder Mensch hat heutzutage Zugang zu einem Handy. Mit Leuten aus anderen Ländern zu kommunizieren, war nie so einfach. Wir tauschen täglich Bilder und Nachrichten miteinander aus. Auf der anderen Seite werden Millionen von Rohstoffen für die Smartphone-Produktion verbraucht; wir verlernen im echten Leben zu kommunizieren, weil die digitale Welt immer mehr Einfluss nimmt. Außerdem werden wir oberflächlicher, weil uns auf Social-Media-Plattformen gesagt wird, wie wir zu sein haben und aussehen müssen. Fake-News und Hetze überfluten soziale Messenger-Dienste. Sind zuviele Informationen schlecht?

Wissensvermittlung in Form von Bildung ist ein entscheidendes Mittel, um Armut und Not zu lindern.

Bildung ermöglicht Menschen eine berufliche Perspektive, die sie im Optimalfall ohne sozialen Status oder soziales Kapital erschließen können. Deshalb fordern viele Hilfsorganisationen den kostenlosen Zugang zu Bildung für alle Geschlechter und sozialen Schichten. Die Macht, die uns Wissen einbringt, ist vielfältig. Sie kann die unterschiedlichsten Ausmaße haben. Deshalb ist es notwendig, Machtstreben durch Wissen immer kritisch zu hinterfragen. Zur Prävention einer ungleichen Verteilung, sollten möglichst alle Menschen Zugang zu Bildung haben. Zum anderen sind selbstregulierende Maßnahmen, wie die Gewaltenteilung, essentiell.

Was hat Wissen mit der Situation in Europa zu tun?

Doch es gibt auch eine andere Welt, in der ich nicht leben will: die Welt, in der man den Körper und das selbständige Denken verteufelt und Dinge als Sünde brandmarkt, die zum Besten gehören, was wir erleben können. Die Welt, in der uns Liebe abverlangt wird gegenüber Tyrannen, Menschenschindern und Meuchelmördern, ob ihre brutalen Stiefelschritte mit betäubendem Echo durch die Gassen hallen oder ob sie mit katzenhafter Lautlosigkeit, als feige Schatten, durch die Straßen schleichen und ihren Opfern den blitzenden Stahl von hinten ins Herz bohren. Es gehört zum Absurdesten, was den Menschen von der Kanzel herab zugemutet worden ist, solchen Kreaturen zu verzeihen und sie sogar zu lieben. (Pascal Mercier – in „Nachtzug nach Lissabon“)

Es gibt Länder am Rande Europas, in denen es in letzter Zeit immer schwieriger wird, selbstständig zu denken. Die Auswahl der Medien wird in diesen Regionen zunehmend reglementiert. Wir sehen solche Entwicklungen in Russland, aber auch in der Türkei. Dies sind vielleicht die prominentesten Beispiele.

Europa, die „geistige Gemeinschaft“, wie Voltaire pries. Was ist aus ihr geworden? Warum ist die Idee einer kollektiven Identität über Landesgrenzen hinweg so wichtig? Die Einigung Europas wird seit jeher thematisiert, polemisiert und diskutiert. Der Kontinent steht seit jeher in dem Konflikt zwischen nationalen Interessen, regional verschiedenen Weltanschauungen sowie dem Willen zur Einheit und Zusammenhalt. 

In der finalen Sendung der Konferenzwoche wirbt Steffi Hobus für ein Komplemetärmodul namens “Debattenkultur” und die Wichtigkeit von politischer Bildung. Die Dozentin stellt dieses Projekt als ihre Herzensangelegenheit vor.

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Was lässt sich festhalten?

In mehreren Aspekten ist jetzt veranschaulicht geworden, dass angewandtes Wissen zu Macht führen kann. Dies kann sich unterschiedlich auswirken. Durch Selbstregulation und die Aufteilung von Wissensgebieten auf verschiedene Instanzen kann der Missbrauch von Wissen und dessen Folgen verhindert werden. Ein solches Gleichgewicht ist die Basis für eine erfolgreiche Demokratie. Bildung ist der Schlüssel zu Wissen. Damit sich Menschen eine Meinung bilden können und somit auch demokratisch mitbestimmen können, müssen sie zuvor ein umfassendes Wissen besitzen.

Aber Wissen bedeutet auch, durch die gewonnene Macht Verantwortung in und für die Gesellschaft zu tragen. Möbius macht durch sein selbstloses Verhalten in „Die Physiker“ deutlich, dass Macht durch Wissen immer auch das Tragen von Verantwortung impliziert. Unabhängig davon, ob sie positive oder negative Folgen hat. 

Als nächstes Hochschulevent steht im Sommersemester die Utopie-Konferenz an. Da können ganz ähnliche Fragen eine Rolle spielen. In welcher Gesellschaftsform möchten wir leben? Welche Rolle spielt ganz konkret unsere Hochschule bei der Wissensvermittlung und welche Verantwortung geht damit einher? Somit können wir erwartungsvoll ins neue Semester blicken und gespannt auf die neuen Entwicklungen schauen.

 

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