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Mensch und Welt im Zeichen der Digitalisierung. Nachwuchstagung von und mit Studierenden des College

29.01.2018 Soziale Netzwerke, künstliche Intelligenz, Pflegeroboter oder digitale Navigationsgeräte – aus dem Alltag ist Digitalität nicht länger wegzudenken. Doch was bedeutet das für den Menschen und seine Stellung in der Welt? Studierende aus dem College der Leuphana brachten am 18. und 19. Januar in einer Nachwuchstagung der Helmuth-Plessner-Gesellschaft und der Sektion Kultursoziologie der DGS etablierte Wissenschaftler_innen und Nachwuchs-wissenschaftler_innen sowie Künstler und Interessierte zu dieser Frage zusammen.

Prof. Dr. Anna Henkel mit Nachwuchswissenschaftler_innen.

Die Vielfalt dessen, was mit dem Thema verbunden wird, wurde auf der Tagung mittels der Frage systematisiert, wie sich der Mensch im Zeichen der Digitalisierung eine Welt neu schafft, die ihn anschließend selbst potenziell überformt. Dabei gingen die Referent_innen von der philosophischen Anthropologie aus, die den Menschen – oder allgemeiner: das Selbst – zugleich als Geist und Körper in seiner kognitiven und materiellen Dimension fasst. Der Mensch ist in dieser Perspektive durch sein spezifisches Weltverhältnis bestimmt, das ihn von anderen Lebewesen und Gegenständen unterscheidet: Der Mensch hat eine Außenwelt, eine Innenwelt und eine Mitwelt – aber er kann zugleich hinter diese zurücktreten und sie sich aus dieser Reflektionsdistanz heraus ein Stück weit selbst erfinden. Für dieses „Fantasielebewesen Mensch“ prägte der Philosoph und Soziologie Helmuth Plessner den Begriff „exzentrische Positionalität“.

„Indem das exzentrisch positionale Selbst als lebendes Ding konzipiert ist, das nicht nur seine eigenen Grenzen und seine Umwelt zentral repräsentiert, sondern auf diese Repräsentation reflektieren kann, entstehen eine Innenwelt, eine Außenwelt und eine Mitwelt, die dem ex-zentrisch positionalen Selbst in ihrer Künstlichkeit natürlich sind. Ausgehend von diesen Prämissen der exzentrischen Positionalität lässt sich der Phänomenkomplex der Digitalisierung neu justieren“, erklären die Veranstalter_innen, warum sich Plessner besonders gut als Basis für eine Analyse der Digitalisierung eignet.

Auswirkungen der Digitalisierung auf Mensch und Gesellschaft

Aus dieser Perspektive heraus warfen die Referent_innen Licht auf die Auswirkungen der Digitalisierung für den Menschen und die Gesellschaft. So lassen sich Bewegungen in einer digitalisierten Raum-Zeit abbilden und für Navigation, Selbst- und Fremdverortung verwen-den – doch was nicht digitalisierbar ist, wie Geruch oder Geschmack, kommt in der digitalen Matrix nicht vor, wie Gesa Lindemann in ihrem Vortrag betonte. Außenweltverhältnisse wer-den so zwar detaillierter kontrollierbar, doch gehen auch Aspekte verloren. Auch für Verhält-nisse der Innenwelt und Mitwelt bleibt Digitalisierung nicht folgenlos: Selbstverhältnisse ver-ändern sich, indem nun ein scheinbar objektiver Vergleichsmaßstab zur Reflektionsinstanz für die eigene Innenwelt wird. Mitweltverhältnisse verlieren an Intensität gerade indem auf Social Networking Plattformen neue Zugriffe auf Mitwelten entstehen, an denen das Selbst zeitlich parallel teilnimmt. Obwohl, wie mehrere Vorträge zu KI und Robotik zeigen, die technischen Möglichkeiten überschätzt werden, verändert Digitalisierung das Verhältnis des Selbst in den Welten, in denen es ist und die es zugleich mit schafft.

Eine neue Stufe des Organischen?

Eine zentrale Ausgangsfrage der Tagung war im Anschluss an eine frühe Überlegung von Jos de Mul, ob mit Phänomenen der Digitalisierung eine neue „Stufe des Organischen“ über die exzentrische Positionalität hinaus erreicht wird. Diesbezüglich brachten die Vorträge und Diskussionen der Tagung eine gewisse Desillusionierung mit sich. Es lässt sich zusammenfassen, dass künstliche Intelligenz weniger eine neue Stufe des Organischen hervorbringt, sondern eher die Bedeutung der Einbeziehung des Körpers in die Beobachtung von Interaktionen hervorhebt. Insbesondere da künstliche Intelligenzen, wie etwa „Alexa“, zum Teil als „Gesprächspartner“ behandelt werden - obwohl sich dies kaum mit einer Ingenieursperspektive deckt. Bedeutsamer hinsichtlich Veränderungen des Weltverhältnisses des exzentrischen positionalen Selbst im Zeichen der Digitalisierung ist denn weniger die KI oder Robotik selbst, sondern eher die mit Digitalisierung einhergehenden Formen des Menschen, sich seine Innen-, Außen- und Weltweltverhältnisse zu schaffen: Erstens führe Digitalisierung zu einer Modifizierung von Möglichkeiten – die aber nicht „mehr Mensch“ mit sich bringen, sondern angesichts eines „zuviel“ an Möglichkeiten eher zu Manipulierbarkeit führt. Wenn Technik alles ausfüllt, so geht die Fühlbarkeit der Hälftenhaftigkeit verloren, also die Reflektion darauf, dass der Mensch als exzentrisch positionales Selbst sich zu dem, was er schon ist, erst machen muss. „Was einmal als Melancholie sozial akzeptiert war, ist nun im Sinne eines positiven Optimierungszwangs zu behandeln“, pointiert de Mul. Zweitens werden mit Digitalisierung gegebenenfalls Instinkte angesprochen und verstärkt, etwa eine primitive Form der Anerkennung im Falle sozialer Netzwerke.

Als sich anschließende Probleme identifizierte das Plenum die Frage, wie sich die Strukturierung von Anwesenheitserfahrung durch Formen der Digitalisierung verändert. Indem das exzentrisch positionale Selbst Geist und Leib zugleich ist, ist Erfahrung an das Erleben zurückgebunden. Wie dieses Erleben durch Erfahrung im Kontext digitalisierter Mitwelten aussieht, ist leibphänomenologisch und aus der Perspektive der philosophischen Anthropologie näher zu untersuchen. Zudem ergeben sich gesellschaftstheoretische Fragestellungen, wie Anna Henkel ausführt: Wenn sich Wissen, Macht und das Wesen des Menschen mit Bezug aufeinander bestimmen, dann kann man fragen, welche spezifischen Wissensformen, Machtverhältnisse und Vorstellungen vom Menschen im Zuge von Digitalisierung hervorgebracht werden.


Die Tagung wurde als Nachwuchstagung des Arbeitskreises philosophische Anthropologie der Sektion Kultursoziologie sowie der Helmuth Plessner Gesellschaft durchgeführt und ist aus dem Seminar „Mensch und Welt im Zeichen der Digitalisierung“ hervorgegangen, das im Sommersemester 2017 am College der Leuphana Universität Lüneburg stattfand. Die engagierten wissenschaftlichen Diskussionen und Vorträge und die professionelle Organisation der im Kunstraum der Leuphana durchgeführten Veranstaltung manifestieren, wie im Kontext der zugleich offenen und unterstützenden Studienbedingungen des College sich das Möglichkeitspotential einer integrierten Lehre und Forschung entfalten kann.
Gesa Lindemann (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg) und Jos de Mul (Erasmus Universität Rotterdam) waren Keynote-speaker der Tagung; zu den Vortragenden gehörten unter anderem Katharina Block (Leibnitz Universität Hannover) und Andreas Bischof (TU Chemnitz); Veranstalter_innen waren Johannes F. Burow, Lou-Janna Daniels, Gianna-Maria Henkel, Anna-Lena Kaiser, Clemens Klinkhamer, Josefine Kulbatzki, Alexander Lange und Yannick Schütte als Studierende der Leuphana Universität Lüneburg sowie Anna Henkel, Professorin für Kultur- und Mediensoziologie.

Den ersten Tagungsabend beschloss Frank Westermeyer (Haute école d’art et de design, Genève) mit Videoausschnitten aus gemeinsamen Arbeiten mit Sylvie Boisseau, etwa der Arbeit „Chinesisch von Vorteil“. Die Arbeiten zeigten auf, wie das Fantasielebewesen Mensch gerade an der Vielfalt seiner Möglichkeiten auch erstarren kann.


 

Martin Gierczak. Neuigkeiten aus der Universität können an news@leuphana.de geschickt werden.