Leistert - Blockchains. Selbstvalidierung als Simulation von Vertrauen

Oliver Leistert 
Am Sande 5 
21335 Lüneburg 
oliver.leistert@leuphana.de

Oliver Leistert studierte Philosophie, Informatik und Neuere deutsche Literatur an der Universität Hamburg und promovierte am DFG-Graduiertenkolleg Automatismen der Universität Paderborn mit einer Arbeit zu Protest, Mobilen Medien und Überwachung. Er wurde für diese Arbeit mit dem Surveillance & Society Award für die beste Monographie 2014 ausgezeichnet. Bevor er Post-Doc am selben Gradiertenkolleg wurde, war er Research Fellow am Center for Media and Communication Studes der Central European University in Budapest. Er wechselte 2015 an die Leuphana Universität, zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Medienkultur, dann im von der VolkswagenStiftung geförderten Projekt „Complexity or Control? Paradigms for Sustainable Development“. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Social Media, Bots, Blockchains, aber auch Problemen der Epistemologie und Machtanalytik digitaler Kulturen. 

Forschungsprojekt

Mit dem Aufkommen der ersten Blockchain durch bitcoin vor rund 10 Jahren erschien eine informatische Neuerung, die Wellen schlagen sollte: sich selbstvalidierende, dezentrale Buchungsbücher. Insbesondere die Erforschung von Konsens-Protokollen ist seither vorangegangen. In ihnen sind die Regeln niedergelegt, wie sich Netzwerkknoten auf die Fortschreibung von Datenblöcken als Kette „einigen“. 
Selbstvalidierung bedeutet, dass das, was das Ergebnis des Prozesses der Validierung ist, von allen im Netz der Blockchain hängenden Knoten möglichst synchron als nächster Eintrag in der Chronik der Ereignisse akzeptiert ist. Diese programmierte automatische Akzeptanz einer Wahrheit, sprich der Fortschreibung der Kette, entlastet Verfahren des Vertrauens darüber, was richtig ist, an anderer Stelle: Buchungsvorgänge und darauf aufbauende programmierte Verträge (Smart Contracts) stehen für diese Auslagerung des Vertrauens in die Protokolle und die Kryptographie. Es wird eine Simulation von Vertrauen auf der Rechnerebene betrieben, die in der Lage ist, das Vertrauen, das an anderer Stelle desselben Prozesses bisher gebraucht wurde, teilweise zu ersetzen. Oder doch nicht? 
Vertrauen ist eine nur schwer zu fassende Kategorie des gesellschaftlichen Verkehrs. Als „Breitenphänomen“ ermöglicht sie den zivilen Umgang miteinander. An Maschinen externalisierte kryptographische Operationen als Träger gesellschaftstiftender Operationen des Vertrauens anzusehen, ist von daher ein weiter Schritt. Die Gleichung Vertrauen = mathematischer Beweis scheint enorm reduktionistisch.

Ausgewählte Publikationen

  • On the Question of Blockchain Activism. / Leistert, Oliver.
    The Routledge Companion to Media and Activism.. ed. / Graham Meikle. London : Routledge, 2018. p. 376-384.
  • Mobile Phones Signals and Protest Crowds : Performing an Unstable Post-Media Constellation. / Leistert, Oliver.
    Performing the Digital: Performativity and Performance Studies in Digital Cultures. ed. / Martina Leeker; Imanuel Schipper; Timon Beyes. Bielefeld : transcript Verlag, 2017. p. 137 - 154.

 


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