Simon Roloff ist Autor, Literatur- und Medienwissenschaftler. Er studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie am Literaturinstitut Leipzig, promovierte als Stipendiat des Graduiertenkollegs Mediale Historiographien zu Robert Walser und war zuletzt Juniorprofessor am Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft der Universität Hildesheim. Im Zentrum seiner Arbeit stehen Fragen einer Kulturtechniktheorie der Literatur, der politischen Literatur sowie des literarischen Forschens. In Vorbereitung ist sein Buch Kunstbemühung - Wie ich ein kreatives Subjekt wurde.

Forschungsprojekt (Sommersemester 2021) – Automatisierte Lektüre. Eine Mediengenealogie der Digital Humanities

Im Zuge ihrer Institutionalisierung hat auch eine Selbsthistorisierung jener Methoden eingesetzt, die unter dem Label Digital Humanities seit einiger Zeit versprechen, die Geistes- und Kulturwissenschaften zum einen durch empirische Rezeptionsforschung, zum anderen durch statistische Analysen nach dem Vorbild quantitativer Sozialwissenschaft nichts weniger als zu revolutionieren. Auf dem Spiel steht dabei auch immer die Selbstverständigung dieser Bewegung über ihre Herkunft und Beziehung zu den »analogen« Methoden der an ihr beteiligten Disziplinen. Wenn das hier unternommene Forschungsprojekt eine mediengenealogische Rekonstruktion von Methoden wie »distant reading« unternimmt, so verlegt es zunächst deren Entstehungsherd weit vor den Moment ihrer Popularisierung zu Beginn der 2000er Jahre in die Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts und legt dabei ihren Kern frei: Eine technisch implementierte Formalisierung wissenschaftlicher Arbeitstechniken wie Archivierung, Katalogisierung und Verweis, die schon sehr früh Auswirkungen auf Disziplinen wie Anthropologie und Literaturwissenschaft hatte. Dies führt zu einer Geschichte der Digital Humanities, welche ihre Singularität und Neuheit relativiert und ihre frühe wissensgeschichtliche Vernetzung mit zunächst alles andere als digitalen Fächern nachweist. Damit ist unter anderem die Neubewertung ihres oft angeführten Gründungsmythos verbunden — dem Index Thomisticus als Kooperation zwischen dem jesuitischen Theologieprofessor Roberto Busa und IBM in den 1960er Jahren — sowie die Rekonstruktion der Verbindungen zwischen experimenteller Leseforschung und Kybernetik auf der einen, strukturaler Anthropologie und Diskursanalyse auf der anderen Seite.