MECS/CDC Lecture Series Winter Semester 2018/19

MECS & CDC // Lecture Series //  Winter Semester 2018/19//


Programm

24.10.2018
18.00Rudolf Seising: Anfänge von Digitalisierung und Algorithmisierung der Mustererkennung
12.12.2018
18.00Vortrag findet nicht statt!
18.12.2018

 

18.00

Eva Illouz: Parting Ways. Authenticity vs Social Critique (im Zentralgebäude der Leuphana Universität)


09.01.2019
18.00Stefan Willer: Verhinderte Zukunft. Präventationsfantasien in der Gegenwartsliteratur
16.01.2019

 

18.00

Bernd Hopfengärtner: Contingency Loops. Fictional Scenes in Future Constellation

Veranstaltungsort
CDC Leuphana
Am Sande 5
21335 Lüneburg

Anmeldung
Die Vorträge sind kostenlos und für die Öffentlichkeit frei zugänglich.

Vortrag Abstracts

Das Wahrnehmen im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Anfänge von Digitalisierung und Algorithmisierung der Mustererkennung

Rudolf Seising

Forschungsinstitut für Technik- und Wissenschaftsgeschichte
Deutsches Museum München
r.seising@deutsches-museum.de

Das Aufkommen der Digitalcomputer nach dem II. Weltkrieg belebte auch Physiologie und Psychologie, und die sich etablierende Forschung zur „Artificial Intelligence“ verdankt diesen Disziplinen wichtige Beiträge, denn neben dem Ansatz künstliche Intelligenzen zu konstru-ieren bzw. zu simulieren wurde auch die natürliche Intelligenz – und hier zunächst die Fähig-keit zur Wahrnehmung der Außenwelt – vor dem Hintergrund der Entwicklungen zur Digita-lisierung und Algorithmisierung erforscht und in der Maschine zu reproduzieren versucht.

Wichtig war dafür die Analogiebetrachtung zwischen natürlichen und künstlichen neuronalen Netzen, deren Diskussion mit dem Artikel “A Logical Calculus of the Ideas Immanent in Nervous Activity” (1943) von McCulloch und Pitts begann.

Eine digitale Simulation, einen Algorithmus und schließlich auch eine Hardware-Version eines künstlichen Wahrnehmungssystems, das so genannte Perceptron entwarf der Psychologe Frank Rosenblatt, der in den 1950er Jahren an der Cornell University bei James J. Gibson studierte. Gibson hatte während des Zweiten Weltkriegs für die Army Air Force experimentelle Studien zur Identifikation von Flugzeugen durchgeführt und aufgrund seiner Ergebnisse nach dem Krieg die sogenannte „Ökologische Wahrnehmungspsychologie“ entwickelt.

Gibsons Theorie ist eine Weiterentwicklung aus der Gedankenwelt des Wiener Kreises und der Gestaltpsychologie. Die österreichischen Wahrnehmungspsychologen Fritz Heider und Egon Brunswik waren in die USA emigriert. Heiders Analyse einer für die Wahrnehmung als wesentlich angenommenen Struktur der Außenwelt beeinflusste Brunswiks „Probabilistischen Funktionalismus“ und dieser wiederum die Arbeiten von Gibson.

Der inzwischen am Cornell Aeronautical Laboratory in Buffalo tätige Rosenblatt entwarf mit seinem Team in den Jahren 1957-1962 im Projekt PARA (Perceiving And Recognizing Auto-maton) ein algorithmisches System zur Mustererkennung, in dem Muster als Punktmengen aufgefasst, statistisch separiert, klassifiziert, maschinell „erkannt“, und durch ein statistisches Verfahren reproduziert werden. Das Perceptron steht somit auf zwei Ebenen für Reprodu-zierbarkeit in der Computational Science: es ist der historische Vorläufer für heutige künstlich-neuronale-Netzwerk-Algorithmen, die Muster reproduzieren und es steht somit auch am An-fang der Reproduktionsversuche natürlicher Intelligenzleistungen.

Kurzbiographie:

Rudolf Seising promovierte nach dem Studium von Mathematik, Physik und Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und habilitierte sich an der Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Statistik der Ludwig–Maximilians–Universität (LMU) in München. An derselben Universität habi-litierte er sich im Fach Geschichte der Natur-wissenschaften und seit 2005 ist er dort Privatdozent in der Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften. Er war wissenschaftlicher Assistent in der Fa-kultät für Informatik an der Universität der Bundeswehr München (1988-1995) und Universitäts-assistent für Wissenschaftsgeschichte in der Fakultät für Sozialwissenschaften derselben Universität (1995-2002) sowie Hochschulassistent in der Medizinischen Statistik und Informatik der Universität Wien (2002-2003) bzw.  der Medizinischen Universität Wien (2003-2008). Im Wintersemester 2008 sowie von Sommersemester 2014 bis Sommersemester 2017 vertrat er die Professur für Geschichte der Naturwissenschaften an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und im WS 2009/10 die Professur für Wissenschaftsgeschichte an der LMU München. Vorher war er seit 2008 am European Centre for Soft Computing in Mieres im spanischen Asturien tätig. Zurzeit ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsinstitut für Technik- und Wissenschaftsgeschichte des Deutschen Museums in München.

Prof. Dr. Stefan Willer, HU Berlin, Institut für deutsche Literatur

 Verhinderte Zukunft. Präventionsfantasien in der Gegenwartsliteratur

Vortrag am MECS, Universität Lüneburg, 9.1.2019

 Prävention bedeutet eine spezifische Art und Weise, der Zukunft 'zuvorzukommen', um sich ihr gegenüber optimal absichern zu können. Dabei erscheint Zukunft ex negativo, als etwas Unerwünschtes, das deshalb – in erneuter Negation – zu verhindern ist. Der Vortrag erläutert Prävention als aktuell äußerst wirksame Kulturtechnik und thematisiert den Stellenwert von Imagination und Fiktion, die notwendig sind, um ein solches Zukunftshandeln überhaupt konzeptualisieren zu können. An drei deutschsprachigen Erzähltexten der letzten Jahre – Juli Zehs Corpus Delicti, Benjamin Steins Replay und Georg Kleins Alles – wird diskutiert, welche Auskunft die literarische Fantasie über das gegenwärtige Präventionsregime geben kann.