Rieger - Simulation und Kalkulation des Intuitiven

Stefan Rieger
Am Sande 5
21335 Lüneburg
stefan.rieger@rub.de

Stefan Rieger, Dr. phil., since 2007 Professor for Mediahistory at the Ruhr-University of Bochum. Studied German and Philosophy, received a grant from the "Graduiertenkolleg" Theory of Literature (Konstanz) where he continued his research as member of the "Sonderforschungsbereich" Literature and Anthropologie. His doctoral dissertation was on baroque art of memory (Speichern / Merken. Die künstlichen Intelligenzen des Barock, München 1997). His Habilitation concerned the relation between Media and Anthropology. (Die Individualität der Medien. Eine Geschichte der Wissenschaften vom Menschen, Frankfurt/M.2001.) Stefan Rieger was a recipient of a DFG Heisenberg fellowship. Stefan Rieger was research fellow at the KuKo (Kulturwissenschaftliches Kolleg Konstanz) and at the MECS (Lüneburg).

Recent publications: Die Enden des Körpers. Versuch einer negativen Prothetik, Wiesbaden: Springer VS 2018 (Reihe Anthropologie – Technikphilosophie– Gesellschaft; hrsg. von Klaus Wiegerling) und zusammen mit Dawid Kasprowicz, Handbuch Virtualität, Springer Verlag, Heidelberg, Berlin: Springer VS 2020.

Research Project – Simulation und Kalkulation des Intuitiven

Das geplante Buchprojekt „Naive Physik. Simulation und Kalkulation des Intuitiven“ will eine Wissensgeschichte der Intuition schreiben. Seinen Titel schuldet es einer Monographie der beiden Arbeitspsychologen Otto Lipmann und Hellmuth Bogen, die unter dem Titel Naive Physik. Arbeiten aus dem Institut für angewandte Psychologie in Berlin. Theoretische und experimentelle Untersuchungen über die Fähigkeit zu intelligentem Handeln im Jahr 1923 veröffentlicht wird. Die katachrestische Verschränkung von Naivität und Physik wurde seitdem an mehreren Stationen und in unterschiedlichen Beleihungen virulent – nicht zuletzt in jüngsten Strategien der Gestaltung und namentlich im so genannten Cargo Cult Design.

Naivität und Intuition treten mit einer Effizienzverheißung an, mit dem Versprechen des Sich‑von‑Selbst‑Verstehens, des Selbst-Evidenten, des einer intentionalen Reflexion Nicht-Bedürftigen, des sich einer bewussten Steuerung Entziehenden, des Unterschwelligen und Unbewussten, des Neben- und Beiläufigen an – mithin als etwas, das keiner aufwendigen Vermittlung und Instruktion bedarf, dessen Nutzen seine Natürlichkeit ist. Sie reiht sich daher in ein Tableau gegenwärtig zu beobachtender Reduktionsbewegungen ein. Dieser Prozess ist bemerkenswert, weil er die gewohnte Geschichte technisierter Lebenswelten anders erzählt. Das Großnarrativ der uns umgebenden Technik ist in der Regel einem Prinzip der quantitativen Steigerung verpflichtet. Diese wird angeschrieben als die Fortschrittsgeschichte eines schier unablässigen Erfolgs zunehmender Komplexität. Umso auffallender sind daher Tendenzen für den Umgang mit technischen oder vielleicht sollte man sagen mit soziotechnischen Infrastrukturen, die eine andere Richtung einschlagen, die auf das Gegenteil von Steigerung und rationaler Beherrschung setzen – also auf das, was man als die Verschränkung von Reduktion und Teilhabe beschreiben könnte. Komplexität wird als Überbürdung, Überforderung, Unübersichtlichkeit, Entfremdung und daher als eine Form von Verletzlichkeit gefasst. Als Kompensation dienen Formen der Unterbrechung und der Komplexitätsreduktion. Eine der zentralen Resilienzstrategien der Gegenwart, so die Arbeitshypothese, liegt also in der gezielten Unterschreitung technisch möglicher Komplexität. Strategien der Zurücknahme und Einschränkung erlauben Teilhabe und Inklusion möglichst aller. Dem kritischen Vorbehalt, dass Spezialisierung und Ausdifferenzierung die notwendige Folge der Modernisierung wären, wird mit Figuren der Rationalitäts-und Komplexitätseinschränkung eine eigene Resilienzstrategie entgegengesetzt.

Diese Hypothese gilt mit dem Anspruch einer gewissen Universalität, sind doch entsprechende Befunde auf sehr unterschiedlichen Feldern zu beobachten. Sie betreffen das Design von Interfaces und die Nutzbarkeit von Infrastrukturen, sie sind in der Organisationspsychologie und im Städtebau, im Verwaltungs- und Bildungswesen und nicht zuletzt auf dem Feld der Wissenschaften selbst virulent.