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Zentrum für Demokratieforschung: Why the West?

27.11.2017 Es gibt viele Ansätze die Entwicklungsunterschiede zwischen dem Globalen Norden und Süden zu erklären. Professor Dr. Christian Welzel sieht die Ursache in den geoklimatischen Bedingungen. Um seine These zu überprüfen wird er von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit rund einer Million Euro einzelgefördert.

In seinem Buch „Arm und Reich“ machte der Biogeograf Jared Diamond deutlich: Westliche und asiatische Kulturen dominieren nicht die Welt, weil in diesen Ländern schlauere Menschen lebten. Vielmehr gäbe es naturräumliche Erklärungen für das Ungleichgewicht in der Welt. Endlose Wüsten beispielsweise seien Innovationshindernisse, die den Austausch zwischen Menschen erschweren. Dieses Buch löste einen regen wissenschaftlichen Diskurs über die Unterwerfung der vorkolumbianischen Kulturen Amerikas durch die Kolonialmächte Westeuropas aus: Lag die Dominanz der Westeuropäer zum Beispiel an deren höherer Immunität gegen Krankheitserreger? Oder liegt der Grund an der in Westeuropa verbreiteten Fähigkeit, Milch verdauen zu können? Kurz gesagt: Why Western Europe? 

Auch der Politologe Professor Dr. Welzel beschäftigt sich mit dieser Frage. Er sieht die Ursache allerdings im Geoklima. Je deutlicher die Kombination aus Kälte und beständigem Niederschlag ist, desto emanzipatorischer ist die Entwicklungsdynamik einer Gesellschaft, lautet seine These. In kalt-nassen Regionen fänden wir zum Beispiel mehr Gleichberechtigung, mehr Demokratie, eine konsequentere Einhaltung der Menschenrechte, ein stärker gesellschaftsdienliches staatliches Handeln, weniger Korruption und Kriminalität und eine höhere Lebenszufriedenheit in der Bevölkerung. Die DFG fördert Welzels wissenschaftlichen Ansatz mit einer Millionen Euro. Beworben hat er sich im Rahmen der Reinhart-Koselleck-Projekte. Dort werden besonders ungewöhnliche Hypothesen unterstützt. „The Cool Water Effect: Why Human Civilization Turned towards Emancipation in Cold-Wet Regions” lautet der Titel von Welzels Projekts mit einer Laufzeit von fünf Jahren. 

"Immer dasselbe Muster"

Der Politologe wird diese Zeit nutzen, um mit seinem Team Daten zu sammeln, Cool-Water-Indizes zu bilden und statistisch auszuwerten. „Ich beschäftige mich schon lange mit Entwicklungsindikatoren“, erklärt Welzel und nennt Beispiele: Kindersterblichkeit, Beschulungsraten, Wohlstandsniveau, Produktivität, Staatskapazität oder effektive Demokratie. „Gleich welche Indikatoren man nimmt, man bekommt immer dasselbe Muster“, beschreibt der Wissenschaftler. Die Länder Subsahara-Afrikas, des Nahen und Mittleren Ostens sowie Südasiens (der sogenannte „Bogen der Instabilität“) lägen bei diesen Indikatoren im Keller, nordwesteuropäische Länder sowie Nordamerika, Australien, Neuseeland und Teile Ostasiens (Japan, Südkorea, Taiwan) an der Spitze, während der Rest der Welt sich über die weite Grauzone dazwischen verteilt. Diese Gliederung der Welt nach Entwicklungsindikatoren zeige eine erstaunlich hohe Übereinstimmung mit dem von Welzel bisher verwendeten „Cool Water“-Index: Höhere Indexwerte stimmten mit höherer Entwicklung überein.

Dass zum Beispiel Autokraten vorwiegend in heißen oder trockenen Ländern verbreitet sind, erklärt Welzel am Beispiel von frühen Hochkulturen. „Sie lagen in heiß-trockenen Regionen und waren von komplexen Bewässerungssystemen geprägt, die eine starke Organisation voraussetzten. Hierdurch entstanden strikte Befehlsketten zwischen der Masse der rechtlosen Bauern und der einen zentralen Herrschaftsfigur “, sagt Welzel. Der Aufbau einer streng hierarchischen Bürokratie ginge zwar mit der frühen Entwicklung hoch organisierter Staatlichkeit einher, aber eben in den Formen eines autokratischen Zwangsstaates, der wenig Raum für Ideen, Innovation und Kreativität ließe. Dies hindere die frühen Hochkulturen am Sprung in die Industrialisierung und die moderne Demokratie. 

Überfluss an billiger Massenarbeit

Gleiches gelte für die Sklavenhaltung, die in warmen Ländern verbreiteter war als in kalt-nassen Regionen. Ein Überfluss an billiger Massenarbeit, Sklaven und anderen Formen der Zwangsarbeit eliminiere im Übrigen jeden Anreiz, in arbeitssparende Produktionstechnologien und maschinelle Fertigung zu investieren, was wiederum eine industrielle Revolution unmöglich mache. Deshalb hätten weder das antike Griechenland, noch das Römische Reich oder die alten Hochkulturen im Nahen und Mittleren Osten, Indien, China oder Mesoamerika den Sprung in die Industrialisierung vollzogen - trotz der Tatsache, dass ihnen ihre lange Lebensdauer reichlich Zeit dazu gegeben hätte. Es sei von daher vermutlich auch kein Zufall, dass die erste nicht-westliche Zivilisation, die den Sprung in die Industrialisierung vollzogen hat, nämlich Japan, ausgerechnet von einem kalt-nassen Klima beherrscht wird.

Auch die Familienstrukturen seien in Kalt-Wasser-Regionen anders geprägt als in warmen oder trockenen Klimaten, was wiederum einen Einfluss auf die Emanzipation der Frau habe. „In kalt-nassen Ländern gab es schon sehr früh eine Konzentration auf die Kernfamilie“, sagt Welzel. Beispielhaft vergleicht er China und Nordwesteuropa. China hat sehr gute klimatische Bedingungen für den Reisanbau, der aber sehr aufwändig sei. Der daraus folgende hohe Bedarf an Arbeitskräften erhöhte den Fertilitätsdruck auf die Familien, was wiederum ein sehr junges Heiratsalter bei den Frauen und eine sehr Geburtenrate begünstigte, argumentiert Welzel. „Diese Faktoren verstärkten die Unterordnung der Frau unter den Mann und ihre Reduktion auf die Mutterrolle“, sagt der Wissenschaftler. Beim Weizen- und Roggenanbau in Nordwesteuropa dagegen habe der Familienvater mit dem von Pferden oder Ochsen gezogenen schweren Eisenpflug eine große Fläche quasi im Alleingang beackert. Die Kombination des Getreideanbaus mit der wenig arbeitsintensiven Viehzucht verringerte den Arbeitskräftebedarf weiter, erklärt Welzel. Entsprechend wäre der Fertilitätsdruck geringer, die Frauen heirateten später und bekamen weniger Kinder – und das bereits in vor-industrieller Zeit. 

Das Wetter präge auch das Privatleben. „In wärmeren Ländern spielt sich vieles draußen ab. Privates und Öffentliches verschwimmen“, erklärt Welzel. Das habe Auswirkungen auf die Entwicklung von Staatlichkeit. „Wenn das Leben hauptsächlich drinnen stattfindet, konzentriert sich das Zusammenleben im selben Haushalt auf kleinere Einheiten, eben die Kernfamilie“, erklärt Welzel. Wolle man sich dann in größeren Einheiten organisieren, geschähe dies außerhalb der Familie, nämlich in Korporationen und allen Arten von freiwilligen Vereinigungen. Dort träfe man Gleichgesinnte unterschiedlicher Herkunft und nicht in erster Linie Verwandte. Die Logik gesellschaftlicher Allianzen verlagere sich damit von Abstammung auf Zustimmung, was die Möglichkeiten des Zusammenschlusses multipliziere. Entsprechend habe sich in Nordwesteuropa ein dichtes Netzwerk aus örtlichen Versammlungen, Genossenschaften, Kooperativen, Zünften, Gilden und anderen freiwilligen Vereinigungen, wie zum Beispiel der mächtigen Hanse, entwickelt, wie Welzel erklärt. All dies waren Formen des privatrechtlichen Zusammenschlusses. Diese hätten das Element der Selbstorganisation an den Graswurzeln der Gesellschaft gestärkt, lange bevor effektive staatliche Strukturen entstanden seien, ordnet der Politologe ein. Der Staat konnte sich deshalb nur in Symbiose mit den gesellschaftlichen Kräften, nämlich als „Vertragsstaat“ entwickeln – und nicht als „Zwangsstaat“, wie in allen anderen Hochkulturen. 

Wie Jared Diamond ist Welzel der antirassistische Ansatz seiner Forschung besonders wichtig. „Wenn klar wird, dass geoklimatische Bedingungen an der Entwicklung der Welt beteiligt sind, entkräftet das biologistische Ansätze“, erklärt der Wissenschaftler.  


Kontakt

Prof. Dr. Christian Welzel
Universitätsallee 1, C4.008b
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2453
christian.welzel@uni.leuphana.de


Marietta Hülsmann. Neuigkeiten aus der Universität können an news@leuphana.de geschickt werden.