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Promotionskolleg Unterrichtsforschung: „Adaptiver Unterricht ist in heterogenen Klassen besonders relevant“

05.02.2018 Wie kann Unterricht besser werden? Dieser Frage stehen Bildungswissenschafter_innen tagtäglich gegenüber. Professor Dr. Jasmin Decristan von der Universität Wuppertal sprach in ihrem Vortrag beim Kolloquium des Promotionskollegs Unterrichtsforschung über adaptives Unterrichten. Im Interview berichtet sie zu den Hintergründen ihrer Forschung.

Jasmin Decristan, Professorin am Institut für Bildungsforschung in der School of Education der Bergischen Universität Wuppertal

Frau Professor Dr. Decristan, in Ihrem Vortrag sprachen Sie über adaptives Unterrichten - was heißt das?

Grob gesagt: Beim adaptiven Unterrichten geht es darum, die Lernumgebung, die die Lehrkraft gestaltet, bestmöglich an die individuellen Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler anzupassen.

Können Sie bitte ein Beispiel aus Praxis nennen?

Wichtig ist es natürlich zunächst, die Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler überhaupt zu kennen. Im Schulalltag geschieht das in der Regel im Unterrichtsgespräch. Bewährt hat es sich aber auch, den Schülerinnen und Schülern kurze schriftliche Aufgaben in regelmäßigen Abständen zu stellen. So können Lehrkräfte sehen, wo die Klasse und auch die einzelnen Kinder stehen, was gelernt wurde und was noch nicht und sie können ihren Unterricht entsprechend anpassen und auch den einzelnen Schülerinnen und Schülern eine jeweilige Rückmeldung mit weiteren Hilfestellungen für das Lernen geben. Diese sogenannte lernbegleitende Diagnostik hat sich als sehr lernförderlich erwiesen. Sie gehören auf diesem Gebiet zu den führenden Forscherinnen.

Was ist dennoch überraschend für Sie?

Als ich angefangen habe, mich mit dem Thema näher zu beschäftigen, war ich überrascht wie breit Thema sowohl in der Forschung als auch in der Praxis betrachtet wird. Wenn wir über adaptives Lernen oder individuelle Förderung sprechen, hat jeder etwas anderes im Kopf. Aber bei näherem Hinschauen fragt man sich: Ist dieses Konzept wirklich adaptiv? Inwiefern schaffen es Lehrkräfte tatsächlich die Lernumgebung an die individuellen Lernvoraussetzungen anzupassen? Was ist der theoretische Hintergrund? Welche Evidenz haben wir dazu, dass es tatsächlich wirksam ist? Die Begriffe Adaptivität und Individuelle Förderung werden ganz selbstverständlich genutzt. Es sollte aber immer ganz genau hingeschaut werden, was sich dahinter verbirgt.

Glauben Sie, das Thema ist im Moment zu weit gefasst?

Ja, wir haben beispielsweise ganz viele Ratgeberbücher für die Praxis. Das entspricht aber nicht immer einer Evidenzbasierung und dem was wir aus der Forschung kennen, was adaptiven Unterricht ausmacht. Aber auch innerhalb der Forschung braucht es noch mehr Austausch und Arbeiten dazu, um sagen können: das war adaptiver Unterricht.

Heterogenität ist zurzeit in vieler Bildungswissenschaftler_innen Munde. Ist sie im Zusammenhang mit adaptivem Unterricht eine besondere Chance oder eher eine Herausforderung?

Adaptiver Unterricht wird noch relevanter und anspruchsvoller, wenn ich ihn für heterogene Klassen plane. Wir haben diese Debatte aktuell für individuelle Förderung insbesondere durch diverse gesellschaftliche Strömungen wieder erneuert. Denken Sie an die UN-Konventionen zu Rechten von Menschen mit Behinderungen. Aktuell ist auch die Thematik der Migration durch Geflüchtete, aber auch durch EU-Migration. Es geht aber auch um die Förderung von Kindern mit besonderer Begabung. Das Thema Geflüchtete ist gerade sehr virulent. Eine große Tageszeitung hat berichtet, dass viele Kinder von Geflüchteten nicht ausreichend gut Deutsch sprechen, um am Unterricht teilzunehmen. Migration ist ein Aspekt von Heterogenität. Wie schaffe ich es als Lehrkraft auf verschiedene Ethnien, Kulturen und Sprachen einzugehen? Oft wird die Unterrichtssprache als zentrales Handlungsfeld gesehen. Kindern zu erlauben, auch in ihrer Herkunftssprache zu reden, um am Lerninhalt besser teilzunehmen, kann ein Weg sein. Aber ist es eine Belastung für die Lehrkräfte? Oder für die Kinder, weil sie zwischen beiden Sprachen wechseln müssen? Die Herkunftssprache kann aber auch als Ressource betrachtet werden. Die Empirie ist da nicht ganz eindeutig. In einer Studie am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung konnten wir aber zeigen, dass es nicht schadet und teils sogar beim Lernen helfen kann, wenn Kinder auch in ihrer Herkunftssprache reden. Wir können positive Botschaften senden. Ich weiß aber auch, dass es für die Erprobung von neuen Herangehensweisen im praktischen Unterricht für Lehrkräfte Zeitprobleme gibt. Aber die Zeit ist gut investiert, um langfristig mehr zu gewinnen.

Nachdem was wir über adaptives Lernen wissen: Wie müssten Lehrkräfte, aber auch Schulleiterinnen und Schulleiter ausgebildet werden?

Wir haben bereits eine sehr gute Ausbildung mit hohen didaktischen Anteilen. In Aus- und Weiterbildung müssen aber noch mehr aktuelle Forschungsergebnisse einfließen und es sollte vor allem darum gehen, wie und warum ich etwas mache als darum, was ich mache. Ich kann beispielsweise wunderbaren Frontalunterricht erteilen. Kinder einfach an Gruppentischen zusammenzusetzen, führt hingegen nicht zwangsläufig zum Lernen. Es geht generell um Unterrichtsqualität, also effektives Klassenmanagement und darum, die Schülerinnen und Schüler fürs Lernen zu aktivieren und sie zu unterstützen.

Warum sind Interventionsstudien in der Unterrichtsforschung besonders wichtig?

Interventionsstudien sind besonders aufwändig, haben aber auch sehr viel Potential. Wir können durch diese Methode die Wirksamkeit einer Maßnahme besser beurteilen als beispielsweise mit Befragungen oder Testungen allein. Interventionsstudien erlauben zudem auch Aussagen über Gelingens- oder Mislingensbedingungen von Maßnahmen in der Praxis. Unter welchen Bedingungen oder mit welchen Lernvoraussetzungen haben die Schülerinnen und Schüler besser gelernt? Aber man muss auch selbstkritisch sagen, dass eine bessere Begleitung der Lehrkräfte für eine langfristige Implementation von wirksamen Maßnahmen nötig wäre. Hier gibt es also noch auf allen Seiten was zu tun.

Vielen Dank für das Gespräch!



Marietta Hülsmann, Martin Gierczak. Neuigkeiten aus der Universität können an news@leuphana.de geschickt werden.