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Forschung zu Bürgerenergie-Gesellschaften: Wenn der Nachbar zum Stromversorger wird

04.12.2018 Beim EU-geförderten Verbundprojekt PROSEU forschen Wissenschaftler*innen aus sieben Ländern inter- und transdisziplinär. Sie wollen vorhandene Initiativen und Gründungen unterstützen.

Atomkraftwerke werden abgeschaltet, der Kohleabbau endet: „Die Energie- und Wärmeversorgung verändert sich, es braucht neue Konzepte“, sagt Lars Holstenkamp. Der wissenschaftliche Mitarbeiter forscht im Rahmen von PROSEU zu Finanzierungs- und Geschäftsmodellen von Verbrauchern selbst produzierter und vertriebener erneuerbarer Energie. Bei diesen so genannten Prosumer-Modellen kann es sich beispielsweise um Strom aus Bürgerwindparks handeln: Menschen tun sich zusammen, bauen Windräder, verwenden die produzierte Energie zuhause und verkaufen, was übrigbleibt. Was sich in einem Satz zusammenfassen lässt, ist in der Praxis komplexer.

Das dreijährige Verbundprojekt vereint Partner aus sieben Ländern: Portugal, Spanien, Kroatien, den Niederlanden, Belgien, Großbritannien und Deutschland. Die Forschenden sehen sich Prosumer-Initiativen an. Wie werden sie durch Energierecht, Finanzmarktrecht oder Planungsrecht beeinflusst? Bis heute ist Energierecht überwiegend nationale Angelegenheit – nicht ohne Grund: „Energieversorgung ist zentral für das Funktionieren eines Staats. Ohne sie versinkt ein Land schnell im Chaos“, erklärt Holstenkamp. Eine dezentrale Versorgung kann ein Versorgungssystem aber sichern: „Scheitert ein zentraler Versorger, ist der Schaden viel größer als bei vielen kleinen, miteinander verbundenen Netzen“.

Gemeinsam mit der Universität Leeds betrachten die Forschenden an der Leuphana Treiber und Hemmnisse von Finanzierungs- und Geschäftsmodellen in den verschiedenen Ländern der EU. Was in Lüneburg funktioniert, scheitert möglicherweise in London: „In Deutschland gibt es viele kleine Banken, die Bürgergenossenschaften unterstützen. Großbritannien hat fast nur große Geldhäuser. Für diese sind solche Investitionen uninteressant“, erklärt Holstenkamp. Dort entstehen deshalb oft Crowdfunding-Modelle.

Neben einer Bestandsaufnahme möchten die Forscher*innen in so genannten Living Labs die Gründungen aktiv begleiten. „Wenn wir Probleme identifiziert haben, können wir den Initiativen gezielt helfen, sich professioneller aufzustellen“, sagt Holstenkamp. Nicht immer ist es fehlender Wille, der Bürgerenergiegesellschaften verhindert. Bei Nahwärme seien beispielsweise 60 bis 100 Haushalte nötig, um eine Genossenschaft zu gründen und wirtschaftlich zu betreiben, erklärt Holstenkamp. Aber auch rechtlich brauchen die Gründungen Unterstützung: „Als Bürgergesellschaft, die Strom vertreibt, wird man zu einem Energieversorger und unterliegt den gleichen Bedingungen wie ein großes Unternehmen“. Oft seien Bürgerenergiegesellschaften nicht profitgetrieben. Nachhaltigkeit stehe im Vordergrund: „Erneuerbare Energien sind aber nicht immer gewollt von staatlicher Seite“, berichtet Holstenkamp. Dementsprechend ist der europaweite Vergleich für die Wissenschaftler*innen besonders interessant. Knapp 2000 Bürgerenergiegesellschaften gibt es etwa in Deutschland. Für Holstenkamp gute Nachrichten: „Wir sind auf diesem Gebiet relativ weit“.

PROSEU wird im Rahmen des Programms Horizon 2020 von der Europäischen Union (EU) gefördert. Die Leuphana erhält 280.000 Euro.


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Lars Holstenkamp
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Autorin: Marietta Hülsmann