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„Teach about US“ Schulprojekt bringt deutsche und US-amerikanische Schulen zusammen

11.02.2019 Das Forschungs- und Entwicklungsprojekt „Teach About US“ von Torben Schmidt, Professor für die Didaktik des Englischen, und Joannis Kaliampos, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institute of English Studies, vermittelt deutschen Schüler*innen in transatlantischen Online-Kooperationsprojekten die soziale, politische und kulturelle Vielfalt der USA.

Dies findet in zwei inhaltlichen Schwerpunkten statt: Im Bereich „Going Green – Education for Sustainability“ bearbeiten die Schüler*innen in transatlantischen Teams Aktionsforschungsprojekte zu Nachhaltigkeitsthemen wie Wasser, Mobilität und Mode oder werden in der Projektwoche „Power to the People“ in einem Simulationsprojekt zu Energieexpert*innen. Ein neues Teilmodul beschäftigt sich aus Anlass des 250. Geburtstags des Naturforschers Alexander von Humboldt mit seiner Amerikaexpedition und der Stellung, die er gegen Kolonialismus, Ausbeutung und Naturzerstörung bezog. Im zweiten Inhaltsschwerpunkt von „Teach about U.S.“ setzen sich die Schüler*innen mit den US-Wahlen auseinander und simulieren alle vier Jahre die U.S.-Präsidentschaftswahl. Insgesamt verzeichnen die Projekte bereits mehr als 7.000 Teilnehmer*innen und wurden mehrfach prämiert.

Woran denken wir, wenn wir „USA“ hören? Woran denken Schüler*innen? Das Projekt von Schmidt und Kaliampos deckt Stereotypen auf. „Am Ende haben die Schüler ein differenziertes und reflektiertes Verständnis von den Vereinigten Staaten“, sagt Schmidt, „und merken auf einmal: 'Moment mal, die Regierung Trump ist eine Sache, aber wir haben ja eine Partnerschule in Florida, die arbeiten daran die Schule plastikfrei zu bekommen.' Wir möchten, dass rüberkommt, dass in den USA, nachhaltig und politisch, sehr viel passiert: Auf der Ebene der Bürgermeister, auf der Ebene der Kommunen, auf vielen anderen.“ Das Projekt bringt deutsche Schülerinnen und Schüler mit ihren amerikanischen Peers zusammen. „Nur so findet wirklich Verständnis von Kultur statt. Wir möchten zu einer Auseinandersetzung einladen zu der Frage: Was kann ich bewegen als Schüler in meiner kleinen Welt und wie kann ich das vielleicht auch größer machen und wie kann ich mich weltweit vernetzen, um die Idee weiterzuspinnen?“

Kyoto glasses

Der Blick von außen, von US-Amerikaner*innen auf Deutschland, ist dabei ebenso erhellend. So berichten die beiden Wissenschaftler, dass ihnen gesagt wurde “Germans tend to look through their Kyoto glasses”. „Kyoto glasses deswegen“, kommentiert Kaliampos, „weil vielen in Erinnerung ist, dass die USA das Kyoto-Klimaprotokoll nicht ratifiziert haben. Dabei wird aber übersehen, dass beispielsweise die amerikanischen Bundesstaaten, die Städte und die Kommunen sehr viel größere Befugnisse und Freiheiten haben, nachhaltige Entwicklung voranzutreiben als das Kommunen in Deutschland jemals machen könnten. „Laboratories of Change“ – so bezeichnen Amerikaner die Bundesstaaten daher. Veränderung, so meinen Viele in den USA, kommt häufig nicht aus Washington, sondern wird aus den Regionen in die Hauptstadt getragen. Dazu müssen wir nicht nur auf Kalifornien, New York oder Oregon gucken, welches die Beispiele sind, die unseren Schüler*innen häufig zuerst einfallen. Windenergie, beispielsweise, boomt gerade dort am meisten, wo Trump 2016 die meisten Stimmen geholt hat. Republikaner und Unternehmer im mittleren Westen handeln hier nicht zwangsläufig aus klimapolitischen Überlegungen heraus, sondern weil es sich am Ende auch finanziell lohnt. Das ist etwas, das Schüler*innen bei uns zunächst verwirrt. Diese Irritation ist aber durchaus von uns beabsichtigt, sie verdeutlicht nämlich, dass gewohnte Deutungsmuster nicht weiterführen – und sie macht neugierig“, kommentiert Kaliampos.

Dazu haben die Wissenschaftler letztes Jahr eine ergänzende Projektwoche zur Energiewende – „Power to the People“ – in Zusammenarbeit mit Prof. Simone Abels und Sybille Hüfner vom Institut für Nachhaltige Chemie und Umweltchemie konzipiert. Das aktuellste Teilprojekt befasst sich mit dem Reiseforscher Alexander von Humboldt. „Er war der erste Ausländer, dem erlaubt wurde, eine solch weitreichende Forschungsreise in die damaligen südamerikanischen Kolonien Spaniens zu machen, um dort die Pflanzen- und Tierwelt, sowie geologische und klimatische Bedingungen zu dokumentieren“, erklärt Kaliampos, „anschließend ist er im angelsächsischen Bereich jedoch in Vergessenheit geraten. Viele Amerikaner*innen wissen heute nicht viel mit der historischen Figur Humboldts anzufangen, obwohl Orte wie der Humboldt River, die Humboldt Bay oder zahlreiche Countys und Städte in den USA nach ihm benannt sind. Wir beobachten das aus einer kulturdidaktischen Sicht: Er war ein Global Citizen, ein Weltbürger, der im Grunde idealtypisch die verschiedenen Kompetenzen mitbringt, die wir auch in den Schulen fördern wollen: Offenheit, Neugier, wissenschaftliches Arbeiten, Internationalität, Demokratiebewusstsein.“

Das Vorgehen

Auf der operativen Ebene entwickeln die beiden Fremdsprachendidaktiker das inhaltliche Konzept, Aufgaben und Materialien für verschiedene Blended Learning-Kurse, die das Lernen auf der Plattform Moodle mit dem Arbeiten im Klassenzimmer verbinden. „Dabei geht es uns darum, dass die Schüler*innen merken: Es geht hier nicht nur um den Unterricht, sondern ich kann mit den behandelten Inhalten und erworbenen Fähigkeiten etwas gesellschaftlich bewirken und an authentischen Diskursen auf Englisch partizipieren“, merkt Kaliampos an. Schmidt kommentiert: „Jahrelang wurde in der Fremdsprachendidaktik verstärkt die Kompetenzorientierung in den Fokus gerückt, also das Erreichen von Niveaustufen für die sprachlichen Fertigkeitsbereiche. Bei dieser Kompetenzorientierung, die zweifelsfrei sehr wichtig und hilfreich ist, ist die Inhaltsorientierung ein wenig auf der Strecke geblieben. Wir wollen in dem Projekt Kompetenzorientierung mit der Arbeit an gesellschaftlich sehr relevanten Inhalten verknüpfen und Schüler*innen befähigen, sich an internationalen und medialen Interaktionsräumen zu beteiligen.“ Neben der Fähigkeit, sich auf Englisch auszudrücken sowie der Vermittlung von relevanten Inhalten aus den Bereichen Politik und Nachhaltigkeit, beforschen Schmidt und Kaliampos in dem Projekt auch Medieneinsatz und -nutzung sowie die Rahmenbedingungen des Englischunterrichts. Schmidt ergänzt: „Es gibt mittlerweile seit ca. 45 Jahren Forschung zu computergestütztem Fremdsprachenlernen. Der Transfer dieser Forschung in die Schulen steckt noch in den Kinderschuhen und scheitert häufig an den technischen Rahmenbedingungen der Schulen, inadäquaten Lernmaterialien und Aufgaben und an der gezielten Weiterqualifikation von Lehrkräften. Genau bei diesen beiden letztgenannten Punkt setzen unsere Projekte an.“


Das Projekt wird durch das U.S. Department of State (Federal Assistant Award) über die U.S. Botschaft in Berlin gefördert. Am 20. Februar 2019 findet eine Lehrerfortbildung zu „Teach about US“ statt. Mehr Infos finden Sie hier sowie in der Forschungsdatenbank.

Prof. Dr. Torben Schmidts Forschung wurde mehrfach ausgezeichnet. Sein Schulbuch „Notting Hill Gate“ ist mittlerweile Standard an vielen Schulen in Niedersachsen. Zuletzt erschien von ihm „Teacher Learning and Technology-Enhanced Teacher Education“.

Vor seinem Wechsel an die Leuphana unterrichtete Joannis Kaliampos als Lehrer an einer hessischen Gesamtschule sowie als Lektor für Deutsch an der University of Arkansas. In seiner Promotionsforschung setzt er sich mit der Aufgabenbearbeitung in fremdsprachlichen Blended Learning-Kontexten auseinander.


Autor: Martin Gierczak