Stadt und Musik. Konferenz „Groove the City“

03.02.2020 Die Kon­fe­renz „Groo­ve the City“ (13. bis 15. Fe­bru­ar 2020) be­han­delt die Wech­sel­wir­kun­gen von Mu­sik und ur­ban spaces, ins­be­son­de­re in Be­zug dar­auf, wie Räume ge­schaf­fen und As­so­zia­tio­nen ge­weckt wer­den. Die Kon­fe­renz wird vom In­sti­tut für So­zio­lo­gie und Kul­tur­or­ga­ni­sa­ti­on aus­ge­rich­tet und von Prof. Vol­ker Kirch­berg, Hon.Prof. Alen­ka Bar­ber-Ker­so­van, Dr. Lisa Gaupp und Ro­bin Kuchar ge­lei­tet.

Auf­grund von HIV und der ste­tig ab­neh­men­den Zahl von See­leu­ten war das berüch­tig­te Rot­licht­vier­tel um die Ham­bur­ger Ree­per­bahn in den acht­zi­ger Jah­ren in der Kri­se. Vie­le Räume stan­den leer und wur­den von Mu­sik- und Kul­tur­schaf­fen­den güns­tig ge­mie­tet oder ein­fach be­setzt. Bald ent­stand in St. Pau­li eine al­ter­na­ti­ve Club- und Kon­zert­sze­ne um Acid Hou­se und die so­ge­nann­te „Ham­bur­ger Schu­le“ mit Bands wie Blum­feld, Die Ster­ne und To­co­tro­nic. Die al­ter­na­ti­ve Mu­sik­kul­tur pro­fi­tier­te in den späten acht­zi­ger und frühen neun­zi­ger Jah­ren von den nied­ri­gen Mie­ten und die (in der da­ma­li­gen Wahr­neh­mung vie­ler Ham­bur­ger*in­nen) so­zia­len Rand­la­ge St. Pau­lis. Das führte über die Jah­re nicht nur zu ei­ner At­trak­ti­vitäts­stei­ge­rung und ‚Cool­ness‘ des Stadt­teils, son­dern auch zu der zu­neh­men­den Ver­drängung der ursprüng­li­chen Be­woh­ner-  und Ak­teur*in­nen. Heu­te ist der Wan­del des ärm­li­chen Ha­fen­vier­tels in eine tou­ris­ti­sche Event- und Par­ty­mei­le voll­zo­gen. „Das Schaf­fen von lo­ka­ler Sze­ne, Un­der­ground Clubs und Bars“, erklärt Kuchar, „wird auf ver­schie­de­ne Wei­se ver­ein­nahmt – zur An­lo­ckung neu­er Be­woh­ner- und Tou­ris­ten*in­nen, als hip­pes Image, und führt letzt­lich auch zu ei­nem Wan­del des gan­zen Stadt­teils.“ Die Auf­wer­tung ma­che es ge­ra­de  für in­no­va­ti­ve und al­ter­na­ti­ve kul­tu­rel­le Ak­teur*in­nen schwie­ri­ger, zu ex­pe­ri­men­tie­ren und sich ohne per­ma­nen­ten Ver­wer­tungs­druck ent­wi­ckeln zu können.
Dies zeigt, dass Mu­sik und Stadt ein­an­der be­ein­flus­sen: Mu­sik kann Räume schaf­fen und Städte können Räume zu­wei­sen oder ent­zie­hen. Mu­sik ist hier­bei so stark, dass Stadt­na­men oft syn­onym für eine be­stimm­te Mu­sik­rich­tung und de­ren Ent­ste­hungs­ort wur­den (Se­at­tle Sound, Mer­sey Beat).

Die „Groo­ve the City“-Kon­fe­renz fin­det be­reits zum zwei­ten Mal statt. Während 2018 der Fo­kus auf Netz­wer­ken und Macht­struk­tu­ren lag, wer­den die­ses Jahr ver­schie­de­ne Ebe­nen des räum­li­chen Zu­sam­men­hangs von Mu­sik und Stadt un­ter­sucht. Die Pa­nels be­han­deln so­wohl flui­de For­men wie Straßen­mu­sik, So­und­scapes und As­so­zia­tio­nen als auch ‚hand­fes­te‘ Dis­kur­se um die Rol­le von Mu­sik in der Stadt­pla­nung und mu­sik­be­zo­ge­ne Ar­chi­tek­tur, wie etwa bei Opernhäusern. Hin­zu ge­sel­len sich ver­schie­de­ne Dis­kur­se um Mu­sik und ihre so­zia­len Funk­tio­nen im ur­ba­nen Raum.

Kuchar un­ter­streicht, dass die Fron­ten im Mu­sik-Stadt-Kom­plex kei­nes­wegs ein­deu­tig sind. Städte, die man häufig da­mit as­so­zi­iert, dass sie Straßen­mu­si­ker*innen ver­trei­ben oder Pro­beräume re­du­zie­ren, können gleich­zei­tig auch pro­gres­siv agie­ren. Nach­dem etwa der „Gol­den Pu­del-Club“ in Ham­burg Brand­stif­ter*in­nen zum Op­fer fiel, un­terstützte die Stadt den Wie­der­auf­bau mit meh­re­ren hun­dert­tau­send Euro. „Die Stadt hat den Club als ei­nen re­le­van­ten Kul­tur­raum an­er­kannt – ob die­se aber tatsächlich rein auf der kul­tu­rel­len Leis­tung ba­siert oder der Er­halt des Clubs an den lang­fris­ti­gen Image-Er­halt St. Pau­lis an­ge­legt ist, bleibt der­zeit noch of­fen“, sagt Kuchar.
Auch Opernhäuser sind nicht etwa die zu Stein ge­wor­de­nen Sym­bo­le der bürger­li­chen Kul­tur, für die sie manch­mal ge­hal­ten wer­den: Sie ha­ben heu­te viel­schich­ti­ge mu­si­ka­li­sche, so­zia­le und öko­no­mi­sche Funk­tio­nen – im wahr­nehm­ba­rem wie im sym­bo­li­schen Raum – mal mehr und mal we­ni­ger of­fen­sicht­lich.

Die Kon­fe­renz „Groo­ve the City“ (13. bis 15. Fe­bru­ar 2020) be­han­delt die Wech­sel­wir­kun­gen von Mu­sik und ur­ban spaces. ©Anna Stojan
Die Kon­fe­renz „Groo­ve the City“ (13. bis 15. Fe­bru­ar 2020) be­han­delt die Wech­sel­wir­kun­gen von Mu­sik und ur­ban spaces.