Behavior and Governance

In dem Profilthema „Behavior & Governance“ steht die Analyse des rationalen und irrationalen Verhaltens und Erlebens von Individuen, Gruppen und Organisationen aus der disziplinären und interdisziplinären Perspektive der in der Fakultät beheimateten Disziplinen Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre, Rechtswissenschaft sowie Wirtschaftspsychologie im Vordergrund.

Beispielsweise ist individuelles Verhalten von Konsumenten und Arbeitnehmern sowohl innerhalb von Organisationen als auch auf Märkten ein gesellschaftlich und unternehmerisch relevantes Thema. Nur durch eine konsequente Vernetzung der Wirtschaftstheorie mit Erkenntnissen der Verhaltenswissenschaft können Fehlentwicklungen im unternehmerischen und gesellschaftlichen Kontext besser identifiziert und analysiert werden.

Das Forschungsprofil "Behavior & Governance" wird durch folgende (nicht abschließende) Themenschwerpunkte konkretisiert:

Mithilfe dieser Kombination von verhaltensorientierten Ansätzen ("Behavior") und führungs- und überwachungsrelevanten Aspekten ("Governance") sollen im Sinne einer entscheidungsorientierten Wissenschaft aktuelle gesellschaftliche und politische Problemfelder diskutiert werden.

Vor dem Hintergrund der Herausforderungen durch dynamische Umweltbedingungen (z.B. demografischer Wandel, Industrie 4.0, Globalisierung, Nachhaltigkeit und Ethik, Wertewandel) soll untersucht werden, inwieweit diese Veränderungen zu Verhaltensänderungen führen oder mit bisherigem traditionellen Verhalten kollidieren. Neben konzeptionell-theoretischen Fragestellungen werden quantitative und qualitative sowie experimentelle und nicht-experimentelle Forschungsmethoden angewendet und entwickelt.

Eine nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft setzt voraus, dass die Marktwirtschaft in einen Ordnungsrahmen gebettet wird, der sowohl gesellschaftliche Steuerung der Ökonomie als auch Akzeptanz der marktwirtschaftlichen Ordnung ermöglicht ("Governance"). Nach den negativen Entwicklungen der Finanzkrise 2008/2009 wird die Aufrechterhaltung der neoklassischen Verhaltensannahmen von Individuen, Gruppen und Organisationen zunehmend kritisch hinterfragt und eine stärkere Integration von verhaltenswissenschaftlichen Erkenntnissen ("Behavior") gefordert. Die Weiterentwicklung der bestehenden Governance-Strukturen auf nationaler und transnationaler Ebene sowie die Analyse des Verhaltens von relevanten Stakeholder-Gruppen (z. B. Arbeitnehmer, Konsumenten, Managern) stellen insofern wichtige Ansatzpunkte für die Forschungsentwicklung an der Leuphana Universität Lüneburg dar.

Eine Besonderheit der Fakultät Wirtschaftswissenschaften der Leuphana Universität Lüneburg ist im Vergleich zu anderen Wirtschaftsfakultäten in Deutschland, dass viele unterschiedliche Disziplinen (z.B. Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftspsychologie, Rechtswissenschaften, Wirtschaftsinformatik, Wirtschaftsingenieurwesen) vertreten sind, die nicht nur disziplinäre Spitzenforschung betreiben, sondern auch interdisziplinär in Forschung, Lehre und Transfer zusammenarbeiten. Hieraus ergibt sich ein hohes Entwicklungspotenzial in mehreren inhaltlichen Themenschwerpunkten, die sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf unternehmerischer Ebene hohe Relevanz für die Zukunft haben. Beispielhaft sind folgende inhaltliche Themenschwerpunkte des Profilthemas "Behavior & Governance" zu nennen: "Zukunft der Arbeit (future of work)", "Zukunft des Konsumentenverhaltens (future of consumer behavior)", "Zukunft der sozialen Interaktion (future of social interaction)", "Zukunft des neoklassischen und verhaltenswissenschaftlichen Finanz- und Rechnungswesens sowie der Unternehmensführung (future of (behavioral) finance, accounting & corporate governance)" sowie "Zukunft der (De-)Regulierung von Märkten und Unternehmen (future of (de-)regulation of markets and firms)".

  • Zukunft der Arbeit (future of work)
  • Zukunft des Konsumentenverhaltens (future of consumer behavior)
  • Zukunft der sozialen Interaktion (future of social interaction)
  • Zukunft des (verhaltenswissenschaftlichen) Finanz- und Rechnungswesen sowie der Unternehmensführung (future of (behavioral) finance, accounting & corporate governance)
  • Zukunft der (De-)Regulierung von Märkten und Unternehmen (future of (de-)regulation of markets and firms)

Zukunft der Arbeit (future of work)

Der Themenschwerpunkt "Zukunft der Arbeit (future of work)" befasst sich vor allem mit den Herausforderungen einer sich ändernden Arbeitswelt und sich ändernden Rahmenbedingungen. Hier sind beispielhaft der technologische Fortschritt (z.B. Industrie 4.0, Digitalisierung, Big Data), die Globalisierung (z.B. Potenziale durch Internationalisierung, erhöhter Wettbewerbsdruck, Migration) und der in der Gesellschaft festzustellende Wertewandel (z.B. neues Wertebewusstsein, Individualisierung, materielle Bedürfnisbefriedigung, Freizeitwunsch, Betreuung von Angehörigen, CSR und Partizipation duerch Arbeitnehmer) zu nennen.

Der Megatrend "demografischer Wandel" stellt aufgrund der sinkenden Zahl an Erwerbspersonen und des steigenden Anteils von Rentnern ebenfalls eine große Herausforderung für die Gesellschaft und die Unternehmen dar. Mögliche Strategien, um dem entgegenzuwirken, beinhalten die Verlängerung der Lebensarbeitszeit, Silver Worker, Erhöhung der Erwerbsquote von Frauen und die Integration von Migranten, woraus sich auch Herausforderungen für das Human resource Management ergeben (z.B. flexiblere Arbeitszeiten und -organisation, Life-Long-Learning, Gesundheit am Arbeitsplatz, Arbeitsplatzgestaltung, Anreiz- und Vergütungssysteme, Leadership).

Ansprechpartner für den Themenschwerpunkt "Zukunft der Arbeit (future of work)" sind in erster Linie Jürgen Deller (Institut für Strategisches Personalmanagement) und Christian Pfeifer (Insitut für Volkswirtschaftslehre).

Zukunft des Konsumentenverhaltens (future of consumer behavior)

Der dramatische Wandel in Gesellschaft und Wirtschaft führt zu veränderten Marktrealitäten und zu neuen Konsum- und Nutzungsgewohnheiten von Konsumenten. Die Entwicklung der Nachhaltigkeit, der Trend zu Sharing-Gemeinschaften sowie die mit der Digitalisierung einhergehenden veränderten Geschäfts- und Kommunikationspotenziale sind nur einige Beispiele für die Veränderungen von Lebenswelten der Konsumenten, welche neue Anforderungen an Handel und Industrie stellen. Insbesondere unter Einbeziehung psychologischer und sozialwissenschaftlicher Erklärungsansätze sollen die im Konsumentenverhalten stattfindenden Veränderungsprozesse analysiert werden, um auf deren Grundlage Konzepte für die Gestaltung von Marketing- und Veränderungsprozessen zu entwickeln. Vor dem Hintergrund, dass wirtschaftliches Verhalten immer stärker als eine Form des kommunikativen Handelns zu betrachten ist, konzentriert sich die Forschung insbesondere auf die strategische Kommunikation mit Konsumenten sowie relevanten Anspruchsgruppen in der Gesellschaft. Ebenso wird die Anforderung der Hersteller und des Handels, sich kundenorientiert aufzustellen, bestärkt dadurch, dass eine Differenzierung über die Produktqualität in Zeiten sich angleichender Produktionsstandards in den vielen Branchen schwerer wird.

Wollen sich Unternehmen in der heutigen Zeit im Wettbewerb differenzieren, so kann dies in vielen Fällen nur noch über ein exzellentes Kundenmanagement gelingen, welches es vermag, Kundenbedürfnisse aufzuspüren, zu befriedigen und eine emotionale Bindung zwischen dem Unternehmen und dem Kunden entstehen zu lassen. Dabei stehen die Preisgestaltungstheorien im Fokus.

Insbesondere die sich verändernde Zahlungsbereitschaft von Kunden sowie das Aufkommen von partizipativen Preisfindungsmechanismen und die sich verändernden Produzenten- und Konsumentenrenten stellen einen wesentlichen Forschungsstrang dar. Hier kommen ganzheitliche Konzepte zum Einsatz, die die neuen technologischen Möglichkeiten mit den organisatorischen Gegebenheiten und den Anforderungen der Kunden verbinden. Des weiteren werden die Auswirkungen auf Kundenloyalität und wahrgenommene Fairness im Zeitverlauf thematisiert.

Ansprechpartner für den Themenschwerpunkt "Zukunft des Konsumentenverhaltens (future oif consumer behavior)" sind in erster Linie Sigrid Bekmeier-Feuerhahn (Institut für Unternehmensentwicklung), Kerstin Brockelmann (Institut für Marketing) und Augustin Süßmair (Insitut für Experimentelle Wirtschaftspsychologie).

Zukunft der sozialen Interaktion (future of social interaction)

Das individuelle soziale Umfeld beeinflusst menschliches Verhalten in vielen Situationen - und durch ihr Verhalten beeinflussen Menschen wiederum ihr soziales Umfeld. Der Themschwerpunkt "Zukunft der sozialen Interaktion (future of social interaction)" untersucht diese menschlichen Interaktionen eingebettet in das soziale Umfeld in diversen Kontexten, beispielsweise in Bezug auf Verhandlungssituationen, wirtschaftliche Entscheidungen, soziale Identitäten, Statusüberlegungen, Gruppenkonflikte, Drittparteieninterventionen sowie das Verhalten am Arbeitsplatz. Der Themenschwerpunkt "Zukunft der sozialen Interaktion (future of social interaction)" wird insbesondere aus der Perspektive des gesellschaftlichen Wandels betrachtet. So ergeben sich beispielsweise aus der zunehmenden Digitalisierung eine Reihe von neuen Herausforderungen für das Individuum: Etwa werden Verhandlungen immer häufiger über digitale Kanäle geführt, globale Konflikte überschreiten nationale Grenzen und technologische Neuerungen unterstützen das Individuum bei wirtschaftlichen Entscheidungen. Die Forschung im Themenschwerpunkt beschäftigt sich neben den Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels auch mit dessen Determinanten, beispielsweise in Bezug auf Gruppenbildungsprozesse. Das Ziel dieses Themenschwerpunkts ist es einerseits, das theoretische Verständnis menschlichen Verhaltens im sozialen Umfeld zu verfeinern sowie andererseits praktische, anwendbare Handlungsempfehlungen zu entwickeln.

Ansprechpartner für den Themenschwerpunkt "Zukunft der sozialen Interaktion (future of social interaction)" sind in erster Linie David Loschelder (Institut für Strategisches Personalmanagement) und Mario Mechtel (Institut für Volkswirtschaftslehre).

Zukunft des (verhaltenswissenschaftlichen) Finanz- und Rechnungswesen sowie der Unternehmensführung (future of (behavioral) finance, accounting & corporate governance)

Der Themenschwerpunkt "Zukunft des (verhaltenswissenschaftlichen) Finanz- und Rechnungswesens sowie der Unternehmensführung (future of (behavioral) finance, accounting & corporate governance)" untersucht die Zwecke, Aufgaben und Instrumente des Finanz- und Rechnungswesens sowie der Unternehmensführung aus einer entscheidungsorientierten Perspektive. Neben den neoklassischen Agency-Modellen werden in diesem Themenschwerpunkt die Annahmen über menschliches Verhalten, die unbeschränkte Rationalität und der strenge Eigennutz aufgebrochen.

Die Zielsetzung besteht darin, die Auswirkungen von menschlichem Verhalten zu erklären, vorherzusagen und darauf aufbauend Gestaltungsempfehlungen für Entscheidungsträger und künftige regulatorische Maßnahmen im Finanz- und Rechnungswesen sowie in der Corporate Governance abzugeben. Dazu gehören sowohl interne Strukturmaßnahmen - z.B. Gender Diversity im Aufsichtsrat, Kontrollfunktion von Betriebs- und Aufsichtsräten, Einbindung der Mitarbeiter in Managemententscheidungen, Gestaltung der Anreiz- und Vergütungsstrukturen - wie auch externe Mechanismen, z.B. CSR- und Integrated Reporting. Konkrete Forschungsprojekte bestehen etwa zur ökonomischen Wirkung der Board-Zusammensetzung, zu gesellschaftsrechtlichen Fragen der Corporate Governance, zu realen Wirkungen von Corporate Governance-Systemen auf Unternehmen und Finanzintermediäre (Banken, Venture Capital-Gesellschaften, insider- versus outsider-dominierte Corporate Governance-Systemen und die Rolle von Banken im Gestaltungsprozess sowie die Finanzierung von KMUs, insbesondere die Verfügbarkeit von Venture Capital. Beispiele auf der Ebene der Verhaltensorientierung sind Entscheidungsheuristiken und Verzerrungen von Entscheidungsträgern (bspw. von Mitgliedern der Unternehmensführung), die Darstellung von Entscheidungsproblemen, die Einteilung von finanziellen Transaktionen in mentale Konten (mental accounting), die Vornahme eines ergebnismindernden Rechnungslegungsverhaltens bei einem Management-Wechsel (Big Bath Accounting) und soziale Interaktionen zwischen Akteuren und Entscheidungsträgern (bspw. zwischen beteiligten Mitgliedern von Vorstand und Aufsichtsrat im Sinne personeller Verflechtungen oder aber von Kapitalmarktinvestoren).

Ansprechpartner für den Themenschwerpunkt "Zukunft des (verhaltenswissenschaftlichen) Finanz- und Rechnungswesens sowie der Unternehmensführung (future of behavioral finance, accounting & governance)" sind in erster Linie Matthias Pelster, Andrea Schertler und Patrick Velte (Institute of Finance & Accounting) sowie Alexander Schall (Law School).

Zukunft der (De-)Regulierung von Märkten und Unternehmen (future of (de-)regulation of markets and firms)

Die Aufgabe der angemessenen Regulierung der Ökonomie hat durch die Globalisierung der ökonomischen Beziehungen eine neue Qualität bekommen, da der Nationalstaat als gewohnter Regulierungsrahmen an Bedeutung verliert. Daher beschäftigen sich zahlreiche Forschungsprojekte mit der Entwicklung von transnationalen Governance-Strukturen, und zwar in den Formen des Völker- und Europarechts, aber auch in den Formen des Privatrechts, das heute ebenfalls als Regulierungsinstrument begriffen wird. Vor dem Hintergrund der ordnenden Funktion des Privatrechts ist außerdem eine ökonomische Betrachtung gesetzlicher Regelungen ("ökonomische Analyse des Rechts") unabdingbar. Besondere Bedeutung erlangt die Frage ökonomischer Effizienz in den wettbewerbsrelevanten Bereichen der Rechtsordnung. Dies begründet einen Fokus der rechtsökonomischen Analyse auf die Bereiche des Lauterkeitsrechts sowie des Rechts des geistigen Eigentums (Patente, Urheberrechte, Marken und sonstige Sonderrechte). Die interdisziplinäre Verknüpfung von "Recht" und "Ökonomie" entspricht heute dem methodischen Standard der internationalen Rechtswissenschaft. Eine umfassende Betrachtung der bestehenden Regelungssysteme im nationalen, europäischen und internationalen Recht liegt zudem auf der Schnittstelle mehrerer Forschungsschwerpunkte innerhalb der Fakultät. Aktuelle Projekte beschäftigen sich z.B. mit der effizienten Gestaltung des Vertragsrechts, mit der Regulierung unternehmerischen Verhaltens durch Instrumente des kollektiven Rechtsschutzes sowie mit der rechtsökonomischen Analyse vergleichender Werbung und weiterreichender Theorien des Lauterkeits- und Markenschutzes.

Ansprechpartner für den Themenschwerpunkt "Zukunft der (De-)Regulierung von Märkten und Unternehmen" sind in erster Linie Tim Dornis, Axel Halfmeier, Alexander Schall und Jörg Terhechte (Law School), Matthias Pelster, Andrea Schertler und Patrick Velte (Institute of Finance & Accounting) und Thomas Wein (Institut für Volkswirtschaftslehre).

Koordination und Kontakt

  • Prof. Dr. Christian Pfeifer
  • Prof. Dr. Patrick Velte