Akademische Bildung an der Graduate School

Interviews zum Bildungsverständnis

Im Gespräch mit

Anja Soltau, Leiterin der Graduate School

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Dr. Anja Soltau im Grespräch mit der Redaktion des Mäander Newsletter

Anja Soltau ist promovierte Anglistin, Romanistin und Wirtschaftswissenschaftlerin. Ihre Leidenschaft für die Vielfalt der Disziplinen und die Internationalisierung der Hochschulen setzt sie seit 2003 auch in ihren beruflichen Aktivitäten um, zunächst bei einem privaten Bildungsanbieter in Hamburg. 2008 führte sie ihr Weg zur Leuphana Graduate School, die sie mit aufgebaut hat und seitdem erfolgreich leitet. Eine ihrer tragenden Fragen ist die nach der optimalen Gestaltung der Graduate Education der Zukunft. Privat lässt Anja Soltau sich weiterhin gern von der Großstadt inspirieren; sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Worin sehen Sie den großen Unterschied zum Masterstudium an der Leuphana im Vergleich zum Angebot anderer Universitäten Deutschlands?

Die Masterstudienprogramme an unserer Graduate School lassen sich auf drei Adjektive herunterbrechen: interdisziplinär, international, innovativ. Ich selbst durfte noch im alten Magister-System studieren und habe neben den sicherlich vorhandenen Nachteilen vor allem die damaligen Vorteile intensiv genutzt; einer davon war die Möglichkeit – v.a. an großen Universitäten – sich sein Studium weitestgehend selbst zusammenzustellen. Ich habe drei vollkommen unterschiedliche Fächer studiert, weil es mich interessiert und gereizt hat – das mag nicht jedermanns Sache sein, aber mich hat es begeistert. Zwischendurch habe ich auch in Gebärdendolmetschen und Jura reingeschnuppert; auch das hätte ich laut Studienordnung problemlos mit meinem Hauptfach Romanistik kombinieren können.

Diese Flexibilität vermisse ich in der großen Mehrheit der Studienangebote in Deutschland nach der Bologna-Reform: Curricula sind ge-streamlined, Inhalte bis auf Wahlfächer innerhalb einer Disziplin vorgegeben. An der Leuphana Graduate School haben wir diverse Möglichkeiten gefunden, diese Starrheit aufzulösen und eröffnen an verschiedenen Stellen das Reinschnuppern in andere Fachkulturen und eine in Teilen individuelle Gestaltung des Curriculums. Dadurch, dass viele Programme von mehreren Fächern gemeinsam konzipiert wurden, machen wir außerdem die Faszination einer Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen erlebbar.

Internationalisierung hat neben dem Effekt der fremdsprachlichen Kompetenzen ein ganz ähnliches Ziel: Erweiterung des Horizonts – oft im wörtlichen Sinne – und die intensive Auseinandersetzung mit anderen Kulturen. Letzteres halte ich für unser zukünftiges gesellschaftliches Zusammenleben für immens wichtig. Hier hat die Graduate School den Anspruch, internationale Studienanteile auf maximal unkomplizierte Weise für alle daran interessierten Masterstudierenden zu ermöglichen. In vielen Programmen sind Aufenthalte an anderen Universitäten daher auch fester Bestandteil des Masterstudienprogramms.

Last but not least: Innovative Studienformate. Hier muss ich nicht mit Wehmut an meine Studienzeit zurückdenken, in der eher traditionelle Vorstellungen von Lehren und Lernen vorherrschten; da war viel Eigenmotivation gefragt. An der Leuphana verfolgen wir das Ziel, die Verantwortung für das Lernen immer mehr den Studierenden zu übergeben und sie durch spannende – und zwar sowohl inhaltlich als auch didaktisch – Seminare in analoger und digitaler Form bei ihrer Motivation und ihrem individuellen Lernstand abzuholen. Dabei hilft uns sicher die Tatsache, dass wir als mittelgroße Universität mit einem enorm guten Betreuungsverhältnis und kleinen Seminargruppen arbeiten können. Als Absolventin einer „Massen“-Universität für mich der reinste Luxus! Und das führt mich zu einem letzten Punkt, der hier in Lüneburg hervorsticht: Die Leuphana ist eine echte Campusuniversität, wo sich fast alle Lehrveranstaltungen und auch das übrige Universitätsleben auf dem Hauptcampus abspielen. Nichts ist länger als 5 Minuten zu Fuß entfernt, seien es Seminarräume, die Sportanlagen, die Mensa, die Bibliothek oder Arbeitsplätze für Gruppenarbeiten. So etwas kenne ich aus Hamburg überhaupt nicht; dort ist alles über ein Areal von 755 km2 verstreut, so dass ein „Studierenden-Spirit“ eigentlich nur bezogen auf einzelne Stadtteile stattfinden kann. Mich haben im Studium vor allem die Inhalte getragen, ansonsten war es eine eher eigenverantwortliche Zeit ohne über ein Semester hinausgehende Gruppenkontakte. Das beobachte ich auf dem Leuphana-Campus vollkommen anders – ich hoffe und glaube, die Studierenden genießen und wertschätzen es!

Was versprechen Sie sich von der interdisziplinären Ausrichtung der einzelnen Studienprogramme?

Jede Masterstudierende und jeder Masterstudent wird früher oder später in das Berufsleben eintreten, selbst wenn sich an das Masterstudium noch eine Promotion anschließt. Wir würden unsere  Absolvent*innen schlecht auf das Berufsleben vorbereiten, wenn wir sie nur in ihrer Fachdisziplin zu Expert*innen machen würden. Sicherlich hat ein Masterstudium auch die Aufgabe, eine fachliche Tiefenbohrung vorzunehmen, erste konkrete Forschungserfahrungen zu ermöglichen und in einer Masterarbeit auch einmal die Liebe für das Detail zu fördern. Daneben muss aber gewährleistet sein, dass Graduates in der Lage sind, in fachlich gemischten Projektgruppen zu arbeiten und sich dafür in die Denk- und Arbeitsweise anderer Disziplinen reinversetzen zu können. Fachwissen ist wichtig, veraltet aber heutzutage zunehmend schnell. Das heißt, ich brauche übergreifende Kompetenzen, die mir helfen, in ganz unterschiedlichen Settings zurecht zu kommen, ich muss offen zu sein für Life Long Learning, dafür wiederum benötige ich gute Lernstrategien, die mich auch noch mit Mitte 50 motivieren, neue Dinge zu lernen und mein Portfolio zu verändern. Man darf nicht vergessen, dass wir alle bis mindestens Ende 60 arbeiten werden – das sind nach Ende des Masterstudiums geschätzte 40 Jahre. Es ist logisch, dass ich mit einem reinen Fachwissen, das ich mit Mitte 20 erworben habe, langfristig nicht weit komme. Ich selbst merke das in meinem Beruf täglich, und zwar nicht nur auf den Führungspositionen, sondern auf allen Ebenen – Personen mit Projektverantwortung sind in ihren überfachlichen Kompetenzen aber natürlich besonders gefragt und gefordert.

Unsere interdisziplinären Studienelemente helfen den Studierenden, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen und sich ein Portfolio an Fähigkeiten anzueignen, das universell und über einen langen Zeitraum einsetzbar sein wird. Wir haben außerdem den Anspruch, unsere Masterstudierenden an relevante gesellschaftliche und ethische Fragen heranzuführen und sie somit als die Gruppe der am besten ausgebildetsten Menschen mit einer gewissen Verantwortung auszustatten; Verantwortung für das künftige Zusammenleben, sei es demographisch, bildungsbezogen, interkulturell, sozial oder nachhaltig.

In welchen Lehrformaten macht sich die Interdisziplinarität der Master fest?

Da möchte ich das Master-Komplementärstudium und den Doctoral Track nennen. Fangen wir mit dem Komplementärstudium an: Dort ermöglichen wir genau das, was ich eingangs an der Post-Bologna-Zeit bemängelt habe: In insgesamt drei Modulen, die sich über die ersten drei Mastersemester erstrecken, bieten wir ein buntes Portfolio von insgesamt 45 Seminaren an, die interdisziplinär konzipiert und darauf ausgerichtet sind, Studierende verschiedener Programme zusammen zu bringen. Auch thematisch sind hier Angebote „out of the box“ zu finden, die neugierig machen und zum Reflektieren, Nachdenken, Recherchieren und Weiterdenken anregen sollen. Da kann es gut sein, dass Studierende der Kulturwissenschaften mit Nachhaltigkeitsstudierenden in einem Seminar sitzen und über ethische Fragen der Unternehmensführung diskutieren. Man sieht: Es geht nicht nur um die inhaltliche Horizonterweiterung, sondern auch um den Erwerb von Fähigkeiten in puncto Teamarbeit, Agieren in gemischten Projektgruppen und nicht zu vergessen auch um einen „Graduate Spirit“, also ein Gefühl von Gemeinschaft über das eigene Studienprogramm hinaus. Das haben Sie sonst an keiner Universität in Deutschland. Um noch einmal meine eigenen Studienerfahrungen zu bemühen: Ein derartiges Angebot hätte ich als regelrechtes Paradies empfunden, weil ich damals bei all meinen Bemühungen um ein Reinschnuppern in andere Fächer oft insofern gebremst wurde, als dass jedes Fach autonom funktionierte und zeitliche Überschneidungen es einem oft unmöglich machten, Seminare wahrzunehmen. Zudem nahm selbstredend niemand Rücksicht auf meinen abweichenden fachlichen Hintergrund. Diese Probleme treten im Komplementärstudium nicht auf, weil die Veranstaltungen alle curricular verankert und so konzipiert sind, dass umfangreiches Vorwissen nicht benötigt wird.

Ähnlich einzigartig ist unser Doctoral Track. Hier geht es um ein freiwilliges Angebot für besonders forschungsaffine Masterstudierende, die sich schon zu Beginn ihres Studiums für die Möglichkeit einer Promotion interessieren. Diesen Studierenden geben wir eine Eintrittskarte in die Welt der Promotion: Auf Grundlage eines Exposés und mit der Unterstützung einer Betreuungsperson können sie an den Seminaren des Promotionsstudiums teilnehmen und erhalten vorzeitig den Status einer*s Promovierenden. Dies hat den unschätzbaren Vorteil, dass man nicht erst am Ende des Masterstudiums vor der großen Frage steht, ob eine Promotion Sinn macht, wo die Vor- und Nachteile liegen, wie diese Welt der Promovierenden eigentlich aussieht und was dort die gängigen Anforderungen sind. „Ist das etwas für mich?“ „Worauf lasse ich mich da ein?“ – das alles sind hinsichtlich einer 3-5jährigen Lebensphase, die sich im Wesentlichen einer Forschungsfrage widmet, legitime und sehr wichtige Fragen. Ich kann alle forschungsbegeisterten Masterstudierenden nur dazu motivieren, den Doctoral Track ins Auge zu fassen – auch wenn es hinterher in eine andere Richtung geht, hilft es mit Sicherheit für die Fokussierung und Qualität der Masterarbeit sowie für das Thema „Netzwerke aufbauen“.