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Kulturwissenschaften in Europa

15.04.2019 „Alles endete mit Prosecco und Trinksprüchen auf unsere Laurea und mit Freudelachen.“ Eleonora Parodi und Anastasia Paessler feiern ihren Double Degree in Genua.

Anastasia Paessler und Eleonora Parodi, Foto: Valerio Parodi

Anastasias ganze Familie und auch einige Freunde sind extra aus Deutschland angereist Eleonoras Familie ist ebenfalls bei dieser letzten Prüfung dabei. Im Anschluss an die Proklamation zur Dottoressa gibt es einen Aperitivo, den die beiden gemeinsam in einem kleinen Restaurant am Hafen veranstalten.

Seit zwei Jahren besteht im Masterstudienprogramm Kulturwissenschaften, der Studienpfad „Kultur, Sprache, Literatur“, den die Leuphana Universität Lüneburg gemeinsam mit der Università degli studi di Genova entwickelt hat. In diesem Frühjahr haben ersten Absolventinnen diesen zweifachen Abschluss erreicht. Inwiefern sich die Abschlussprüfung an der Università degli studi di Genova von der Verteidigung der Masterarbeit hier in Lüneburg unterscheidet, beschreibt Professore associato Prof. Dr. Joachim Gerdes so: Die Studierenden präsentieren und verteidigen ihre Abschlussarbeit (Tesi di Laurea) in einer recht aufwändigen Veranstaltung vor einer Kommission aus fünf bis zehn Dozentinnen und Dozenten in zwei Sprachen. Wenn die/der „Laurenda/-o“ es wünscht, findet die Abschlussprüfung vor Publikum statt, das aus Freundinnen, Freunden und Verwandten und weiteren Interessierten besteht. Anschließend werden die Kandidat*innen in einem feierlichen Akt von der/vom Kommissionspräsidenten/-in zur Dottoressa magistrale bzw. zum Dottore magistrale und gleichzeitig im Fall eines Doppelabschlusses zur Magistra Artium bzw. Magister Artium proklamiert.

In der Rückschau beurteilt Eleonora ihr Studienjahr im Ausland sehr positiv: „Meiner Meinung nach macht das Leben im Ausland die Studenten verantwortungs-bewusster, selbständiger und selbstbewusster. Ich habe mich mit einer anderen Kultur und mit anderen Traditionen beschäftigt. Dieser Kontakt meiner persönlichen Geschichte, meinem italienischen Hintergrund mit der internationalen und interkulturellen Atmosphäre, die man an der Leuphana erleben kann, hat mir erlaubt, nicht nur meine Kenntnisse der deutschen und der englischen Sprache zu verbessern, sondern auch aufgeschlossener zu sein. Auch der Lebensstil der deutschen und italienischen Studenten ist unterschiedlich zum Beispiel achte ich jetzt mehr auf die Umwelt und benutzte zum Beispiel keine Plastikflaschen mehr, nur noch Glasflaschen!"

Anastasia findet, dass sich am Ende der Aufwand den Master an zwei Universitäten zu studieren in jedem Fall lohnt. „Ich hatte ein sehr bereicherndes Jahr und habe eine ganz besondere Verbindung nach Genua. Ein bisschen ist es, als hätte ich dort mein zweites Zuhause.“ In Hamburg arbeitet sie bereits seit März in einer sehr angesehenen Kultureinrichtung. „Ich hatte das Glück, direkt in ein Volontariat im Bereich Media Relations in der Elbphilharmonie einzusteigen. Da vor allem die klassische Musik schon immer mein Steckenpferd war, freue ich mich riesig über diese Chance.“

Laurea in der Università degli Studi di Genova, Foto: Valerio Parodi

Wir fragten die Programmverantwortlichen in Lüneburg Prof. Dr. Roberto Nigro und in Genua Prof. Dr. Joachim Gerdes nach Hintergründen für die Entwicklung des Studienpfades Kultur, Sprache, Literatur.

Was hat Sie persönlich dazu bewogen, an der Entwicklung und Lehre in diesem neuen Studienpfad mitzuwirken?

Prof. Dr. Roberto Nigro: Der Deutsch-italienische Studienpfad „Kultur, Sprache, Literatur“ (KSL) ist ein kleiner Beitrag zu einer aktiven europäischen Bürgerschaft! Wir leben in einer Welt, die immer mehr „mondialisiert“ ist. Unsere gegenwärtige Globalisierung ist mit der Überwindung der nationalen Grenzen eng verbunden. Dieser Studienpfad erlaubt den Studierenden, sich mit unterschiedlichen Strukturen der Wissensvermittlung zu konfrontieren und unterschiedliche intellektuellen Stile zu erleben, die sich in allen Facetten akademischer Aktivität finden: die Art der Interaktion, die Erwartungen an die Lehre, die Formen akademischen Schreibens und der Argumentation, die Bewertungskriterien. Aufgrund meines Interesses für solche Aspekte, habe ich sofort dieses Programm unterstützt.

Prof. Dr. Joachim Gerdes: Aufgrund meiner langjährigen Zusammenarbeit mit der Leuphana Universität Lüneburg im Bereich der Erasmus+-Partnerschaft auf Bachelor- und Masterebene, erschien es mir interessant und erfolgversprechend, einen solchen Studienpfad ins Leben zu rufen. Ein reger Studentenaustausch zwischen dem Dipartimento di Lingue e Culture moderne und der Fakultät für Kulturwissenschaften besteht schon lange, sodass wir den Schritt zu einem Double Degree Master wagen konnten.

Welche Synergieeffekte machen Sie in Bezug auf den Studienpfad zwischen der Universität Genua und der Leuphana Universität Lüneburg aus?

Prof. Dr. Joachim Gerdes: Für die Studierenden ist der neue Studienpfad eine sehr attraktive Möglichkeit, über das übliche Erasmus-Semester hinaus einen längeren Studienaufenthalt im Ausland zu absolvieren, und dabei gleichzeitig einen zusätzlichen internationalen Studienabschluss zu erwerben. Dabei ergibt sich für die Studierenden aufgrund ihrer Teilnahme an einem regulären Studiengang der Partneruniversität der zusätzliche Mehrwert, dass sie das jeweils andere Studiensystem, Seminarformen, Arbeitsweisen, kulturelle Differenzen etc. eingehend kennen lernen können. Für die beteiligten Dozentinnen/Dozenten bietet die Zusammenarbeit erweiterte Möglichkeiten des wissenschaftlichen und didaktischen Austausches.

Welche Voraussetzungen sollten diejenigen, die sich für den Studienpfad „Kultur, Sprache, Literatur“ interessieren mitbringen, um ihn erfolgreich zu absolvieren?

Prof. Dr. Joachim Gerdes: Sehr gute Englisch sowie Deutsch- bzw. Italienischkenntnisse sind unabdingbar. Vorteilhaft ist sicher eine gewisse Offenheit gegenüber ungewohnten Lehr- und Lernmodalitäten. So ist z.B. der Genueser Lehrbetrieb stärker durch vorlesungsartige Veranstaltungen mit abschließenden Klausuren oder mündlichen Prüfungen gekennzeichnet, während an der Leuphana eher seminarartige Lehrformen mit intensiverer mündlicher Einbeziehung der Studierenden üblich sind und die Leistungskontrolle in Form von in Italien unüblichen Hausarbeiten erfolgt.

Prof. Dr. Roberto Nigro: Eine gewisse Offenheit gegenüber der unterschiedlichen Struktur und Organisation, welche die zwei Länder anbieten können, ist sicherlich von Vorteil. Das betrifft nicht nur die Struktur der Seminare, sondern insgesamt die Unterschiede in universitären Kontexten.

Im Fall der Studierenden, die nach Lüneburg kommen, sollten sie ein Interesse für die Kulturwissenschaften und Kulturtheorie mitbringen – eine Disziplin, die eher in deutscher Wissenschaftstradition steht.

Links:

Kultur, Sprache, Medien

Prof. Dr. Joachim Gerdes, Università Genua

Prof. Dr. Roberto Nigro

 

Autorin: Ina Robert