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„Wieder Menschen!“ - Fulbright-Direktor Dr. Oliver Schmidt im Interview

16.04.2019 Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Graduate School nahm Dr. Oliver Schmidt an einem Galeriegespräch an der Leuphana teil. Oliver Schmidt ist Geschäftsführender Direktor der Deutsch-Amerikanischen Fulbright-Kommission in Berlin. Im Interview spricht er über Internationalisierung, Promotionen und transatlantische Herausforderungen. Das angesehene Fulbright-Programm ist ein internationales, von jeweils zwei Staaten gemeinsam getragenes Austauschprogramm.

Müssten deutsche Hochschulen internationaler sein?

Internationalität ist kein Selbstzweck. Sie ist weder gut noch schlecht. Es gibt triftige Gründe, ganz lokal zu forschen und die interessierten und interessantesten Köpfe aus der Region zusammen zu bringen. Es gibt auch Gründe, sich global die Besten und Begabtesten zusammenzusuchen. Ich glaube, die Suche nach der richtigen Mischung an Talenten und Wissenshungrigen ist nie abgeschlossen. In diesem Sinne können auch die deutschen Hochschulen wohl nie international genug sein und werden stets aufs Neue darum ringen, vor Ort verwurzelt zu bleiben.

Manchmal wird ja eine Regionalisierung deutscher Hochschulen beklagt.

Ich setze mich tagtäglich für Internationalität ein, doch das ist für mich nicht der alleinige Schlüssel zur strategischen Ausrichtung unserer Universitäten. Mindestens ebenso zentral ist für mich Diversität, also unser Vermögen, verschiedenste Perspektiven für die Bearbeitung wissenschaftlicher Fragestellungen heranzuziehen. Seien es verschiedene disziplinäre Blickwinkel, ethnische, kulturelle, soziokulturelle oder Gender-Perspektiven – unabhängig davon, ob dies explizit inter- oder transnational geschieht.

Doch zumindest in Hinblick auf Digitalisierung müssten deutsche Universitäten nachholen, nicht wahr?

Die Digitalisierung ist für uns alle zunächst einmal eine Riesenchance. Globalisierung ist ohne Digitalisierung nicht denkbar. Die Digitalisierung der Hochschule bis auf die Spitze zu treiben oder sie experimentell vorzudenken – da sind die Amerikaner*innen sicherlich innovations- und investitionsfreudiger: Einfach mal ausprobieren. Oder eben auch in den Sand setzen. Die derzeit wieder anschwellende Kritik an der Digitalisierung hat aber ebenfalls ihre Berechtigung. Unser Denken wird durch digitale Hilfsmittel nicht einfach besser. Digitalisierung löst per se keines der großen Probleme der Menschheit wie Klimaschutz, kulturelle Vielfalt, Überleben der Demokratie, die Fragen des Zusammenlebens. Was hält eine Gesellschaft von Individualist*innen zusammen? Das lässt sich nicht durch Digitalisierung lösen. Auch an diesen Problemen sollten die Universitäten vorrangig dran sein.

Was kann man von US-Graduate Schools lernen? Worauf können im Gegenzug deutsche Graduate Schools stolz sein?

Man kann nicht einzelne Teile eines Hochschulsystems nehmen und woanders einpflanzen, ohne die kulturelle Bedingtheit und den Kontext der Universitäten mit zu bedenken. Sie können nicht Harvard als Vorbild für Digitalisierung nehmen, wenn Sie nicht wissen, wie unglaublich reich diese Hochschule ist. Von den Top-20 Universitäten in den USA, die in Europa gerne als Vorbild genommen werden, kann man viel lernen. Aber sie sind auch so gut, weil sie so viel Geld haben wie hierzulande selbst die größte Exzellenzuniversität nicht. Umgekehrt ist es den deutschen Universitäten in erstaunlich kurzer Zeit gelungen, ihre Graduiertenausbildung erfolgreich zu erneuern und international wettbewerbsfähig aufzustellen. Die strukturierten und forschungsintensiven Programme wecken auch außerhalb Deutschlands viel Interesse und ziehen inzwischen viele ausländische Studierende an deutsche Hochschulen, die dort ihren Doktor machen.

Gibt es trotzdem etwas, das Sie bei amerikanischen Graduate Schools besonders gut finden?

Natürlich. Da ist etwas in den amerikanischen Unis, das uns vielerorts noch immer etwas abgeht: nennen wir es ruhig eine gewisse Service-Erwartung. Die Uni bietet mehr als nur einen Abschluss und gute Professor*innen. Diese Zuwendung beginnt schon bei der Rekrutierung und hört mit dem Zeugnis wahrlich nicht auf—eine Haltung, die auf allen Ebenen, auch in der Verwaltung, vorherrscht. Das liegt oft am Geld, aber nicht nur. Es gibt in Deutschland viele Unis, die das ebenso halten, die Leuphana ja auch. Beeindruckt hat mich in meiner Zeit als Graduate auf dem US-amerikanischen Campus auch immer dieser imposante, geschlossene Campus, das ist in Deutschland immer noch die Ausnahme. Der Zusammenhalt zwischen Profs und den Studierenden ist oft ausgeprägter. Das Zusammenleben ist viel informeller. Man lebt, lacht, forscht, weint zusammen. Hier in Lüneburg hat man ja auch erfolgreich neue Räume geschaffen.

Einige Graduate Schools bieten neben Master- auch Promotionsprogramme an. Viele Promovierende sind kurz vor Ende ihrer Dissertation emotional belastet. Wie stehen Sie dazu?

Meine eigene Promotion gehört zu den besten – und den herausforderndsten – Erfahrungen meines bisherigen Werdegangs. Am besten daran war, permanent Neues kennenzulernen. Ich hatte ein Stipendium und wurde damit sozusagen dafür bezahlt, neugierig zu sein, zu suchen, wieder zu suchen und sich wirklich mal in einer Intensität mit Fragen auseinanderzusetzen, wie man das im Berufsalltag nur noch selten erleben wird. Insofern bin ich unendlich dankbar für die Zeit. Aber ich würde, auch aus eigener Erfahrung, sagen, Promotionszeiten sind auch sehr schwierige Jahre. Man ist sich seiner selbst noch nicht bewusst, man lernt sich kennen, bisweilen in Extremsituationen. Diese U-Kurve in der Studienerfahrung, also dass man erstmal hoch erfreut ist und dann runterbricht und sich fragt „Was mache ich da eigentlich?“, dieser Abgleich mit der Realität, der ist für die Erfahrung des Studiums wichtig und macht einen im Nachhinein stärker. Allerdings sollte er nicht krank machen oder in Sackgassen führen, aus denen man nicht rauskommt. Wichtig ist es, nicht so tun, als bestünde man nur aus einem Kopf und einem Geist.

Das Austausch-Programm von Fulbright Germany verbindet die USA und Deutschland. Aber die beiden Länder entwickeln sich gerade in entgegengesetzte Richtungen.

Was manche jetzt als extreme Unterschiede empfinden, sind bisweilen Unterschiede, die es schon immer gab. Um ein Beispiel zu nehmen: Der starke Sozialvertrag in vielen europäischen Ländern, den gab es bis auf die dreißiger Jahre und unmittelbar nach 1945 so nie in den USA. Dass es jetzt so scheint, als würde es auf die Spitze getrieben, dass jede*r wirklich nur das eigene Glück verfolgen und am Liebsten überhaupt keine Steuern mehr zahlen möchte, mag seit einiger Zeit ein populärer Ansatz sein. Aber auch in den USA ist klar, dass die Nation außerhalb ihrer Militärmaschine investieren muss, wenn sie nicht will, dass die Gesellschaft noch weiter auseinanderdriftet.

Ändert sich etwas an der Vorbildfunktion, die die USA haben?

Sowohl was das Wirtschaftsmodell als auch was die sozialen Zusammenhänge angeht, ist spätestens seit der Präsidentschaft Ronald Reagans zwischen Deutschland und den USA wenn nicht ein Entfremdungs-, so zumindest ein Distanzierungsprozess zu beobachten. Wir bewundern an den USA auch weiterhin Dinge wie die „Can do!“-Mentalität, das Silicon Valley, die Internationalität, das ungeheure Innovationspotential der traditionellen Einwanderergesellschaft. Aber dabei vergisst man, dass es „die USA“ in diesem Sinne nicht gibt; der Großteil der amerikanischen Hochschulen ist auf die reine Lehre oder die berufliche Ausbildung ausgerichtet. Nur ein Bruchteil ist – ähnlich der deutschen Universität – auf Forschung spezialisiert; diese Unis aber haben es in sich. Übersehen wird auch, dass immer mehr Amerikaner*innen, die studieren wollen, überhaupt keine Chance haben, mit akademischer Forschung in Kontakt zu kommen, geschweige denn an einer der begehrten Ivy Leagues; dass zwischen den Küsten oft ganze Landstriche von den großen Informationsflüssen und Bildungseinrichtungen abgehängt bleiben. Insofern wundert mich nicht, dass viele Amerikaner*innen aufbegehrt haben, nur eben die Art und Weise, wie sie es getan haben, ist nicht unproblematisch. Im Bildungssektor etwa sehe ich nicht, wie der starke Fokus auf Privatisierung den Bildungsinteressen der breiten Bevölkerung zu gute kommt. Von den anderen Begleiterscheinungen wie der Debatte um Fake News und die Grundlagen wissenschaftlicher Erkenntnisse mal zu schweigen.

Was gilt es zu tun?

In Europa müssen wir uns zum einen mehr auf eigene Beine stellen und vom Militär bis zum Klimaschutz eigene Wege gehen. „Europa“ begann als Friedensprojekt: Die Europäer sollten deshalb diejenigen Kräfte unterstützen, die einen liberalen, demokratisch verfassten Rechtsstaat wach und vital halten. Tatsächlich ist die jetzige politische Großwetterlage ein Weckruf an uns alle. So sehr wir herausgefordert sind, so sehr müssen wir uns – jetzt erst recht – mit denjenigen zusammentun, die unsere Interessen und Werte teilen. Und auch wenn man geneigt ist, „Amerika“ als Monolithen zu betrachten, gibt es viele US-Amerikaner*innen in Politik und Zivilgesellschaft, die weiterhin an die gemeinsamen Grundlagen unserer Gesellschaften glauben, und das in allen politischen Lagern. Wissenschaft und Bildungssektor kommen bei diesem Dialog eine besondere Bedeutung zu.

Wie steht das Fulbright-Programm dazu?

Wir sind geprägt vom Gründergeist des US-Senators J. William Fulbright. Der Nationalismus hilft uns nicht weiter. Das wissen wir spätestens seit dem zweiten Weltkrieg, in dem die Mitmenschlichkeit den Ideologien geopfert wurde, und es bestätigt sich erneut in den kriegerischen Konflikten der Gegenwart. Wie kann man den Nationalismus überwinden? Damals wie heute: Indem man Menschen zusammenbringt. Das ist für das Fulbright-Programm zentral: Aus den Nationen wieder Menschen machen, aus den Krieger*innen wieder Bürger*innen. Das wird auch Einfluss auf Politik und Wissenschaft haben.

Vielen Dank!


Die Graduate School feiert ihr 10-jähriges Bestehen und blickt anlässlich des Jubiläums mit Stolz zurück - aber vor allem nach vorn. Ein Jahr lang steht The Future of Graduate Education im Mittelpunkt verschiedener Veranstaltungen. Dabei werden die Trends und Charakteristika, aber auch die Herausforderungen der nationalen und internationalen Graduiertenausbildung aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Expert*innen der nationalen und internationalen Hochschullandschaft werden diese Diskussionen mit ihren Beiträgen bereichern.

Die Deutsch-Amerikanische Fulbright-Kommission (Fulbright Germany) ermöglicht grenzübergreifende Völkerverständigung durch akademischen Austausch. Als einzige binationale Austauschorganisation in Deutschland mit USA-Fokus vergibt sie jährlich rund 700 Stipendien für Studien-, Forschungs-, Lehr- und Weiterbildungsaufenthalte in den USA und Deutschland und fördert den transatlantischen Dialog.


Das Interview führte Martin Gierczak.

(Hinweis: Die Schreibweise wurde vom Autor unter Berücksichtigung des Leitfadens zur gendersensiblen Sprache gewählt.)