Promotionskolleg
Soziologie & Kulturorganisation

Im Promotionskolleg werden Dissertationsprojekte aus der Soziologie und den Kulturwissenschaften bearbeitet und betreut. Ihre Gemeinsamkeit ist die soziologische bzw. sozialwissenschaftliche Analyse einer Vielfalt von empirischen Kulturphänomenen und kulturtheoretischen Fragestellungen; diese Perspektive wird auch um inter- und transdisziplinäre Perspektiven erweitert.
Auf dieser Seite wird ein Überblick gegeben über die thematische, methodische und theoretische Vielfalt der von den Betreuerinnen und Betreuern sowie den Promovierenden bearbeiteten Forschungsfelder. Bei den im Folgenden genannten Feldern sind aus Gründen der Übersicht die jeweils federführenden Kolleginnen und Kollegen genannt, diese Zuordnungen sind aber nicht als exklusiv zu verstehen.
Das Kolleg veranstaltet in jedem Semester (in der Regel in der Woche nach Ende der Vorlesungszeit) ein Colloquium, bei dem laufende Arbeiten vorgestellt werden, Gäste sind herzlich willkommen. Für die Promovierenden gibt es darüber hinaus ein Angebot an weiteren Methoden- und zusätzlichen Veranstaltungen, die im Rahmen des Promotionsstudiums anerkannt werden.

Forschungsfelder

Kultursoziologie wird am Institut für Soziologie und Kulturorganisation (ISKO) als eine Theorie- und Forschungsperspektive der Soziologie verstanden, die ‚Kultur’ grundsätzlich  in die Analyse des Sozialen einbezieht. Die Beschäftigung mit Kultur im engeren Sinne bringt einerseits spezielle Soziologien hervor (z.B. Soziologie des Theaters, der Musik oder der Kunst), kultursoziologisches Denken und Forschen heißt aber auch, die soziale Welt aus einem bestimmten („kulturellen“) Blickwinkel zu betrachten. Hierin liegt das besondere Profil der Lüneburger Kultursoziologie. Sie geht davon aus, dass mit anderen geteilte „Bedeutungen“ ein konstitutiver Bestandteil der sozialen Welt sind. Aufgrund dieser Prämisse, nach der das Soziale immer auch Ergebnis kulturbedingter Wahrnehmung und Konstruktion ist, lässt sich Kultursoziologie auch als eine allgemeinsoziologische Perspektive begreifen. Der Arbeit aller Kolleginnen und Kollegen am ISKO ist gemein, diese Voraussetzung des analytischen Zugriffs auf die soziale Welt und dessen methodologische Konsequenzen zu berücksichtigen.

Familie, Paare, Liebe und Geschlechterverhältnisse (Prof. Dr. Burkart)

Familie und Liebe, Sexualität und Geschlecht gelten oft als Naturgegebenheiten. Demgegenüber untersucht die Soziologie die privaten Lebensverhältnisse und die Beziehungen zwischen den Geschlechtern als „soziale Konstruktionen“, als Ausprägungen kultureller Verhältnisse und als Konsequenz gesellschaftlicher Veränderungen. Diese Perspektive lässt sich sowohl im historischen als auch im interkulturellen Vergleich gut nachvollziehen, weil diese Vergleiche eine große kulturelle Variabilität scheinbar natürlicher Gegebenheiten zum Vorschein bringen.

Kommunikation und Public Relations im Kulturbetrieb (Prof. Dr. Bekmeier-Feuerhahn)

Das Team um Prof. Dr. Sigrid Bekmeier-Feuerhahn befasst sich mit allen Formen der Interaktion zwischen Kulturorganisationen und deren Umfeld. Ausgehend von einer Verwurzelung in der modernen Betriebswirtschaftslehre werden dazu interdisziplinär Theorien und Methoden aus den Kommunikationswissenschaften, den Sozial- und Kulturwissenschaften sowie der Psychologie herangezogen.

Kultur in städtischen Umwelten (Prof. Dr. Kirchberg)

Im Zentrum dieses Forschungsfeldes steht die Frage nach der Bedeutung von Kunst und Kultur für die Stadtentwicklung und – vice versa – die Wirkung der Stadtentwicklung für die Kultur der Stadt. Interdisziplinär kombiniert dieses Forschungsfeld theoretische Überlegungen der Stadtsoziologie, der Stadtgeographie, der Stadthistorie, der Stadtpolitikforschung und der Stadtplanung mit kultur- und kunstsoziologischen Theorien, z.B. zur Kulturorganisation als offenes System und als (Elite-) Netzwerk. Herangezogen werden dafür unter anderem Theorien und Hypothesen zum polit-ökonomischen Stadtwachstum, zur Kreativität in der Stadt, zur Gouvernementalität und zur Governance. Weitere kulturwissenschaftliche Auseinandersetzungen und Theorien zu Raum und Stadt ergänzen dieses Spektrum (z.B. mit der aktuellen Fortführung der Raumkonstruktionstheorie Lefebvres, den Globalisierungsthesen zur Urbanisierung angesichts heutiger und zukünftiger Megalopolen und der zunehmenden Segregation städtischer Gebiete angesichts sozialer Ungleichheit).

Kultur und Technik (Prof. Dr. Burkart)

Im Alltagsdenken herrscht die Auffassung vor, dass sich „Technik“ gemäß einer eigenen Rationalität linear weiter entwickelt („technischer Fortschritt“) und mit jeder dieser Entwicklungsschritte das Leben der Menschen in geradezu deterministischer Weise verändert. In dieser Perspektive ist bspw. die Uhr eine technische Errungenschaft des Menschen, „der schon immer wissen wollte, wie spät es ist“. Demgegenüber untersuchen wir in der kultursoziologischen Perspektive auf Technik auch die Gegenrichtung: wie die Kultur die technische Entwicklung beeinflusst und wie sich technische Innovationen oft erst dann durchsetzen, wenn sie in der Kultur auf Resonanz stoßen. So lässt sich die Bedeutung der Uhr und der Zeitmessung erst mit der Disziplin im Kloster, mit der Durchsetzung des modernen Betriebskapitalismus („Stechuhr“) und mit der Notwendigkeit der Koordination komplexer Abläufe in sozialen Institutionen verstehen.

Kulturorganisation (Prof. Dr. Kirchberg)

Die Organisation der Kultur kann in die Felder der Kulturproduktion, Kulturdistribution und Kulturrezeption bzw. -konsumtion unterschieden werden. Die Soziologie der Künste und Kultur in Lüneburg beschreibt und analysiert die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen diesen drei Feldern und die Einflüsse der sozialen, politischen und ökonomischen Umwelten, auch in interkulturellen Kontexten, auf Kulturinhalte und -formen. Theoretische Grundlagen der Analyse sind insbesondere anglo-amerikanische Theorien der Art Worlds, des Neo-Institutionalismus und des Production-of-Culture-Ansatzes sowie Anlehnungen und Fortentwicklungen der Feldtheorie Bourdieus und poststrukturalistische Konzepte der Gestaltung, Kontrolle und Wirksamkeit institutioneller Strukturen. Die empirische Analyse der Kulturorganisation bezieht sich hierbei vor allem, aber nicht ausschließlich, auf Ausstellungen und Museen verschiedener Typen (von der Kunst bis zur Naturkunde), auf Musikgenres zwischen Hoch- und Populärkultur und auf Einrichtungen der Darstellenden Künste, sowie Cross-Culture Genres.

Kultur, Künste und Nachhaltigkeit (Prof. Dr. Kirchberg)

Im Schwerpunkt dieser Kulturorganisationsforschung wird die Bedeutung von Kunst und Kultur für die nachhaltige Entwicklung auf vielen Ebenen untersucht. Anlass ist die bisherige Kurzsichtigkeit, Künste nur als Medium im ökologischen Diskurs zu betrachten oder das Studium der kulturellen Nachhaltigkeit in das Refugium einiger weniger Kultursektoren zu verstecken. In einem kulturtheoretischen Sinne wird hier der Sachverhalt der ‚kulturellen Nachhaltigkeit‘ als notwendiges Wertekonzept gegen nichtnachhaltige Entwicklungen in der Gesellschaft betont sowie dieser Konflikt analysiert. Hier werden Alternativen skizziert und der Einsatz der Künste entsprechend gedeutet und bewertet.

Mediensoziologie (Dr. Yvonne Niekrenz)

Technische Medien übernehmen nicht erst seit dem Aufkommen des Internet, „interaktiver“ Formate und der Digitalisierung wichtige gesellschaftliche Funktionen und prägen den Alltag in der modernen Gesellschaft. Schon Buchdruck, Kupferstich, Fotografie, Tageszeitung, Film, Radio und Fernsehen brachten Weisen der Kommunikation und Wahrnehmung hervor, die nicht an die Anwesenheit von Personen gebunden sind und deshalb die Herausbildung komplexerer Formen der Vergesellschaftung ermöglichen. Wir interessieren uns vor allem für die Wechselbezüge zwischen (technologischen) Medieninnovationen und ihrer (gesellschaftlichen) Aneignung sowie für ihre die Kultur der Moderne prägenden Effekte, und zwar vom Beginn der Moderne bis in die Gegenwart. Ein besonderer Akzent liegt dabei auf der vergleichenden Analyse von Leitmedien-Umbrüchen und dem darin zutage tretenden Spannungsverhältnis zwischen kritischen und funktionalen Medientheorien.

Rezeptions- und Publikumsforschung (Prof. Dr. Kirchberg)

Dieses Forschungsfeld umfasst empirische Rezeptions- und Publikumsforschung insbesondere in Museen, aber auch sozialwissenschaftlich komplexe Studien zu repräsentativen Bevölkerungserhebungen des Kulturkonsums, auch im Vergleich mit dem Ausland, und die Wirkung der Kulturrezeption auf die Produktion in den Darstellenden Künsten. Beispiele für diese Analysen sind empirische Studien zur Bewertung und -kritik von Ausstellungen, zu den Rezeptionsweisen von Museumsbesuchern und zur Bedeutung kultureller Diversität in Festivals der Darstellenden Künste.

Soziologie von Feldern kultureller Produktion (Prof. Dr. Wuggenig)

Im Vordergrund stehen die kulturelle Praxis bzw. Produktion in Feldern wie Kunst, Literatur, Theater, Musik, oder Wissenschaft. Dies umfasst nicht nur die soziale Organisation und institutionelle Fundierung der Produktion, ihren sozialen Gebrauch bzw. Konsum und ihre Distribution, sondern auch die Dynamik der Transformation solcher Felder (z.B. Globalisierung, Ökonomisierung). Angesichts der synthetischen Ausrichtung des Zugangs eröffnet sich für die Forschung ein breites Spektrum an Möglichkeiten: In theoretischer Hinsicht sind objektivistische Analysen gleichermaßen möglich wie subjektivistische bzw. konstruktivistische, in methodologischer Forschungsarbeiten im Rahmen des quantitativen Paradigmas (z.B. survey, Inhaltsanalyse etc.) ebenso wie solche im Rahmen des ethnographischen bzw. qualitativen Paradigmas (z.B. Interview, Beobachtung, Diskursanalyse etc.).

Soziologische Dimensionen der Kulturvermittlung (Prof. Dr. Kirchberg)

Kulturvermittlung wird in diesem Forschungsfeld soziologisch als Institutionalisierung der Kulturdistribution verstanden. Die zwischen Kulturproduktion und -konsum vermittelnden Distributionssphäre beruht auf drei konkurrierenden oder koexistierenden Umwelten: Erstens Kulturmärkten (Markt), zweitens staatlichen Unterstützungssystemen (Staat) und drittens Organisationen aus dem Non-Profit-Bereich (Gemeinnützigkeit). Jede dieser Umwelten hat eigene zu analysierende Gestaltungsmotive, Ziele, politische Instrumentalisierungen und spezifische Eigenwerte der kulturellen Produktion. Die gesellschaftlichen Funktionen kulturvermittelnder Institutionen stehen dabei im Mittelpunkt dieser soziologischen Analyse.

Doktorgrad

Im Rahmen dieses Promotionskollegs verleiht die Fakultät Kulturwissenschaften den Doktorgrad Doktorin oder Doktor der Philosophie (Dr. phil.).

Mitglieder des Promotionskollegs