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Wenn sinnvolle Arbeit süchtig macht. Steven A. Brieger zu CSR und Arbeitssucht

18.09.2019 Für seine mit „summa cum laude“ bewertete Dissertation wurde der Wirtschaftswissenschaftler Steven A. Brieger mit dem Leuphana Promotionspreis 2019 ausgezeichnet. In seiner neusten Forschungsarbeit zu unternehmerischer Verantwortung kam er zu einem überraschenden Ergebnis.

Corporate Social Responsibility (CSR) steht für die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen als Teil des nachhaltigen Wirtschaftens. Dabei integrieren Unternehmen soziale und ökologische Aspekte in ihre Entscheidungen und Ziele. Dies kann zum Beispiel bedeuten, dass ein Unternehmen Abfälle recycelt, Diversität und soziale Mobilität fördert, auf hohe Sozial- und Arbeitsstandards achtet oder regelmäßig an Stiftungen spendet. Das Konzept wurde erstmals in den fünfziger Jahren in den USA diskutiert. Der Club of Rome erwähnte es in seinem Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ von 1968, bevor es 2001 über das „Grünbuch Europäische Rahmenbedingungen für die soziale Verantwortung der Unternehmen“, herausgegeben vom Europäischen Parlament, in Europa ankam. Mittlerweile verfolgen zahlreiche Unternehmen CSR- Maßnahmen. So geben die 500 umsatzstärksten Unternehmen der Welt (Fortune Global 500) jährlich 15 Milliarden Dollar für CSR-Maßnahmen aus.
Diese riesige Summe scheint gerechtfertigt, da Unternehmen auf diese Weise häufig einen wichtigen Beitrag zum Gemeinwohl leisten. Zudem trägt CSR dazu bei, dass sich die Reputation von Unternehmen erhöht und deren Gewinn steigert. Letzteres kann unter anderem damit erklärt werden, dass CSR die Identifikation mit dem Unternehmen stärkt, wodurch Arbeitnehmer*innen tendenziell proaktiver, kreativer, engagierter und zufriedener arbeiten. Zahlreiche Forschungsprojekte haben gezeigt, dass diese positiven Effekte signifikant und andauernd sind.

Die positive Rolle von CSR wird auch von Steven A. Brieger (und seinen Koautoren) in der Studie „Too Much of a Good Thing? On the Relationship Between CSR and Employee Work Addiction“ hervorgehoben, die im Journal of Business Ethics publiziert wurde. Allerdings zeigen die Autoren auch eine mögliche Schattenseite von CSR auf: die der Arbeitssucht. Gestützt auf repräsentativen GemeinwohlAtlas-Daten aus der Schweiz zeigt das Autorenteam, dass CSR mit Arbeitssucht (Workaholism) einhergehen kann, wenn Arbeitnehmer*innen sich sehr stark mit ihrem sozialverantwortlichen Arbeitgeber identifizieren und ihre Arbeit als bedeutsam wahrnehmen. Die Verbundenheit zum Arbeitgeber sowie die Wahrnehmung, wertvolle Arbeit zu leisten, kann so dazu führen, dass Arbeitnehmer*innen mehr und mehr arbeiten und in der Folge weniger Zeit für Familie, Freunde, Hobbies oder Ehrenämter einplanen.

Im Unterschied zu Nikotin-Sucht oder Alkoholismus sieht man Workaholiker*innen ihre Sucht nicht an. Zudem ist sie sozial kaum stigmatisiert und in einem bestimmten Maße sogar erwünscht. Arbeitnehmer*innen, die viel arbeiten, sind für manches Unternehmen ein Segen, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt kann ein Zuviel an Arbeit allerdings auch eine Bürde sein.
Was also sollten Manager*innen tun, die das Gemeinwohl im Blick haben? Angesichts diverser gesellschaftlicher Herausforderungen wie die soziale Ungleichheit und den Klimawandel lautet die Antwort offensichtlich nicht, dass man auf CSR verzichten sollte. Steven A. Brieger zufolge sollten sich Manager*innen aber der möglichen unintendierten negativen Wirkungen von CSR bewusst sein und diese bei Management-Entscheidungen mit berücksichtigen. Daneben sei es wichtig, so Brieger, dass sich „keine Unternehmenskultur etabliert, in der Überstunden als normal angesehen werden und nur Workaholics besondere Wertschätzung erfahren. Gemeinschaftserlebnisse sollten nicht nur am Arbeitsplatz möglich sein.“


Steven A. Brieger schloss 2011 sein Bachelor-Studium (VWL) und 2014 sein Master-Studium (Management & Finance & Accounting) an der Leuphana Universität ab. Für seine im Mai 2018 absolvierte Promotion wurde er mit dem Leuphana Promotionspreis ausgezeichnet. Seit Februar 2018 ist Steven A. Brieger als Assistant Professor an der Business School der University of Sussex tätig. Parallel dazu ist er seit April 2014 Research Fellow am Center for Leadership and Values in Society der Universität St. Gallen sowie aktuell seit Mai 2019 Gastwissenschafter am ZDEMO der Leuphana Universität. Seine akademischen Leistungen wurden mit zahlreichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet und gefördert, zuletzt durch einen Research Grant der British Academy.


Autor: Martin Gierczak