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Studierende im Porträt: Anne Diedrich und Julia Woronkow - Hilfe 4.0

10.08.2020 Die Masterkandidatinnen haben zusammen mit einem interdisziplinären Team einen Chatbot-Prototypen entwickelt, mit dem Kinder in Not schnell Unterstützung erhalten. Der Prototyp gewann beim Hackathon #wirfürschule. Der Wettbewerb steht unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Maja wird von ihrem Stiefvater missbraucht. Aber sie traut sich nicht, mit ihrer Mutter darüber zu reden. Maja ist sich nicht sicher: Vielleicht ist es auch normal, was ihr Stiefvater mit ihr tut. Wegen des Corona-Lockdowns kann sie auch in der Schule mit niemandem über ihre Sorgen reden. Maja ist verzweifelt. 

Mit dem digitalen Assistenten „Botty“ möchten die Masterstudierenden Anne Diedrich und Julia Woronkow gemeinsam mit ihrem Team Kindern wie Maja helfen. Das Mädchen ist ein fiktives Beispiel und ihr Leid ist nicht real. Maja ist Teil des Einführungsvideos zu „Botty“. Aber viele andere Kinder brauchen Hilfe. „Laut statistischem Bundesamt waren 2018 rund 50 000 Kinder durch Vernachlässigung und Gewalt in Gefahr“, erklären die beiden Studierenden des Masterprogramm „Management & Marketing“. Rund 200 Teams haben ihre Idee bei dem Hackathon #wirfürschule vom Verein „Digitale Bildung für alle“ eingereicht. 15 Ideen wurden ausgewählt. Die App „Botty“ ist ein Kurznachrichten-Programm. Allerdings sind viele Antworten bereits kindgerecht vorformuliert. Der Chatbot schlägt den Kindern beispielsweise verschiedene Emojis vor, mit denen sie ihre Gefühle ausdrücken können. „So müssen die Kinder nicht um Formulierungen ringen. Wir wollten ein möglichst niedrigschwelliges Angebot entwickeln“, sagt Anne Diedrich. Das Kind bleibt während des Chattens anonym. Am Ende des digitalen Austausches erhält das Kind eine Telefonnummer einer passenden Hilfsorganisation, welche es anrufen kann, wenn es möchte.

Ihr BWL-Studium schloss Anne Diedrich an der Fachhochschule Münster mit dem Bachelor ab: „Ich hatte schon vorher versucht, an die Leuphana zu kommen. Mit dem Master hat es endlich geklappt. Mich begeistert das inter- und transdisziplinäre Konzept der Uni.“ Im Komplementärstudium konnte sie beispielsweise Kurse zu Umweltgerechtigkeit und Gender Studies belegen. Neben sozialer und ökologischer Gerechtigkeit interessiert sich Anne Diedrich für Data Analytics und digitale Geschäftsmodelle. An der Leuphana engagiert sie sich in der studentischen Initiative „mosaique“, als bewirken-Mentorin und ist Teil des Geflüchteten-Buddy-Programms. 

Julia Woronkow hat ihren Bachelor bereits an der Leuphana absolviert und studierte Kulturwissenschaften mit den Schwerpunkten Kulturorganisation und -kommunikation sowie Kulturtheorie und -analyse mit dem Nebenfach Betriebswirtschaftslehre: „In der Zeit habe ich bereits Marketingkurse belegt und mich dann für das Masterprogramm „Management und Marketing“ beworben.“ Julia Woronkow hat sich wie ihre Kommilitonin auch wegen des Studienmodells für die Leuphana entschieden: „Durch die Offenheit konnte ich mein eigenes Profil bilden und mich weiterentwickeln.“ Dabei setze sie zur Mitte ihres Studium einen eigenen Schwerpunkt in der Mensch-Computer-Interaktion. Zu Beginn ihres Studiums hatte sie in Kulturwissenschaften auch Kunsttheorie-Seminare belegt. „Ich habe dann aber gemerkt, dass der Bereich Kulturorganisation mit seinen wirtschaftlichen Aspekten für mich spannender ist.“ 

Ihr künstlerisches Talent setzt Julia Woronkow nun für Botty ein. Die Zeichnungen im Einführungsvideo stammen überwiegend von ihr. Im nächsten Schritt möchten die Studentinnen gemeinsam mit ihrem Team Botty testen und weiterentwickeln. Kinder und Jugendlichen aus fünf Schulen sollen den Chatbot bewerten. Unterstützung erhalten sie unter anderem im Institut für Management und Organisation. Beide arbeiten dort als studentische Hilfskräfte bei dem Doktoranden Lennart Seitz und Professorin Dr. Sigrid Bekmeier-Feuerhahn im Projekt „Medibility“, in dem psychologische Konstrukte in der Chatbot-Interaktion erforscht werden. Zu diesem Thema schreiben sie auch ihre Masterarbeiten. Dort entstand auch ihre Idee Chatbots für sensible Themenfelder zu entwickeln. Als Gewinnerteam des Hackathons #wirfürschule bleibt das Botty-Team zudem Teil des Netzwerks, das während des Projekts aufgebaut wurde. Das Team, was sich durch den Hackathon gefunden hat, besteht beispielsweise aus Pädagog*innen, Psycholog*innen, Schüler*innen oder Computer-Spezialist*innen. Die Jury sah in Botty Potential, das Leben von Kindern und Jugendlichen zu verbessern - auch über die Coronakrise hinaus. „Unser Projekt wird nun im Rahmen des Solution Enabler Programms zusammen mit den Gewinnerprojekten des wirvsvirus-Hackathons der Bundesregierung gefördert“, sagen Anne Diedrich und Julia Woronkow. Nach ihrem Masterabschluss möchten die beiden im Dezember ein Sozialunternehmen gründen, welches Chatbots für verschiedene sensible Themen entwickelt und somit ihr Fachwissen auch in die Praxis übertragen.

Die Kurznachrichten-App "Botty" gewann den Hackathon #wirfürschule. ©Leuphana/Patrizia Jäger
Die Kurznachrichten-App "Botty" gewann den Hackathon #wirfürschule.