Medien der Assistenz

Das Projekt untersucht die Geschichte und Gegenwart medientechnisch bedingter Barrieren innerhalb digitaler Kulturen und ihrer Überwindung durch Soft- und Hardwareassistenten. Allgemeine Assistenzsysteme (von einfachen Hilfsprogrammen bis zu komplexen Sprachassistenten wie Apples Siri) werden dabei ebenso in den Blick genommen wie spezielle Unterstützungstechnologien für Menschen mit sensorischer, kognitiver oder motorischer Einschränkung (von Bildschirmlupen und Screenreadern bis zu alternativen Interface-Technologien).

Die Ausgangsthese des Projektes lautet, dass die Geschichte solcher ›Medien der Assistenz‹ von einem nicht-anthropozentrischen Denkstil geprägt ist, der bis heute spezifische Formen digitaler ›Zugänglichkeit‹ hervorbringt. Entsprechend zielt die Fragestellung des Projektes nicht auf die Problematisierung der Teilhabe von Menschen mit und ohne ›Behinderung‹ an digitalen Umwelten, sondern auf die Geschichte und Epistemologie einer genau umgekehrten Denkfigur, die den Menschen als Umwelt der Maschine begreift.

Viele Ingenieur/innen, Programmierer/innen und Systemadministrator/innen konzeptualisieren ›User‹ als ›Nicht-Maschinen‹. So erscheint der Mensch – etwa in modernen Arbeitsumgebungen oder bei der Steuerung halbautonomer Fahrzeuge – auch als partiell inkompatibler Teil eines technisch determinierten Systems. Um diese ›Barrieren‹ einer primordialen ›Maschine-Mensch-Interaktion‹ zu überwinden, werden sekundäre Assistenzsysteme entwickelt, die den Maschinen bei der Kontaktierung ›humanoider Objekte‹ in ihrer Umwelt helfen sollen. Von der Untersuchung dieser ›Medien der Assistenz‹ verspricht sich das Projekt ein besseres Verständnis davon, wie Barrieren und Zugänge im Laufe der Geschichte digitaler Medien auf Seiten ihrer Entwickler/innen wahrgenommen und verhandelt wurden. Daran anschließend wird eine historisch informierte und kritische Perspektive auf gegenwärtige Formen der Digital Accessibility entwickelt.

In drei miteinander verzahnten Arbeitsbereichen wird erstmals eine umfassende Mediengeschichte digitaler Soft- und Hardwareassistenten für den ›normalen User‹ sowie für Menschen mit sensorischer, kognitiver oder motorischer Einschränkung erarbeitet. Einzelanalysen erfassen außerdem die Handlungspotenziale und -grenzen dieser ›Medien der Assistenz‹. Das Projekt zielt insgesamt auf die Beantwortung der Frage, inwiefern die Entwickler/innen und Ingenieur/innen von ›Medien der Assistenz‹ Menschen als Umwelt von Maschinen gedacht haben und inwiefern dieser historisch gewachsene Denkstil gegenwärtige Formen digitaler Zugänglichkeit prägt. Das Projekt antwortet damit auf ein medienwissenschaftliches Forschungsdesiderat, das die Antragsteller im Spannungsfeld von Kulturwissenschaften, Disability Studies, Medienwissenschaft, Computergeschichte und Informatik verorten und mit einem Methodenmix aus Medienarchäologie, Historischer Epistemologie sowie der Akteur-Netzwerk-Theorie bearbeiten wollen.

Das Forschungsprojekt „Medien der Assistenz“ wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und ist am Center for Digital Cultures der Leuphana Universität Lüneburg angesiedelt.

 

Handys ohne Hindernisse: Prof. Dr. Jan Müggenburg über Barrierefreiheit in der digitalen Welt (Gespräch)

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