Lüneburger Leseliste

Eine an Schulen curricular vorgegebene Kanonorientierung, wie sie noch in den Bildungstraditionen bis in die 1960er-Jahre Gültigkeit hatte, besteht heute nur noch sehr eingeschränkt. Doch gerade weil es einen verbindlich festgelegten Literaturkanon an Schulen und Hochschulen nicht mehr gibt, ist es für Lehrer*innen des Literaturunterrichts im Fach Deutsch wichtig, die historischen und intertextuellen Dimensionen von Literatur im Laufe des Lehramtsstudiums selbstständig, d.h. in möglichst breiten, seminarunabhängigen Lektüren kennenzulernen. Die ‚Lüneburger Leseliste‘ möchte einen orientierenden Wegweiser hierfür anbieten.

Wer beginnt, sich intensiver mit Literatur zu beschäftigen, der/dem wird bald klar: Jeder Text trägt die Spuren anderer Texte. Oder, wie es die Literaturwissenschaftlerin Julia Kristeva formuliert hat: „[J]eder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes.“ Intertextuelle Beziehungen bestehen hierbei nicht nur zwischen Texten unterschiedlicher Zeiten und Epochen, sondern auch zwischen literarischen Texten unterschiedlicher Sprachräume. Die Texte des deutschsprachigen Kanons stehen insofern auch im Dialog mit den literarischen Kanones anderer Sprachen.

Ohne ein Bewusstsein der Geschichte dieser Bezugnahmen von Texten auf andere Texte können die Qualitäten eines einzelnen literarischen Werks oft kaum an Kontur gewinnen. Dies gilt umso mehr, wenn sich literarische Texte als bewusste Be- oder Umarbeitungen literarischer Stoffe erweisen oder historisch vorhandene Regeln und Schreibkonventionen verletzen. Wer die Texte des sich im 18. und 19. Jahrhundert formierenden deutschsprachigen literarischen Kanons nicht kennt, der/dem fehlen auch grundlegende Möglichkeiten zur Beurteilung ‚unkanonischer‘ oder kanonkritischer Werke der jüngeren Gegenwart.

Zugleich gilt: Zu allen Zeiten fungiert Literatur als Ort der Artikulation und Verhandlung zentraler Daseinsbezüge (Liebe, Tod, Gerechtigkeit u.v.a.). Doch nur ein Textkorpus, das sich als gelesen und allgemein bekannt voraussetzen lässt, wird in dieser Weise zum Gegenstand des Gesprächs und der Diskussion werden können. Ein kulturelles Gedächtnis, an das wir uns nicht mehr erinnern, ist keines mehr.

Berechtigten Anlass zur Kritik an normativen Kanonvorgaben gibt die Tatsache, dass aus den traditionellen, ‚westlich‘-europäischen Literaturkanones Frauen und Minderheiten als Autor*innen in vielen Teilbereichen weitgehend ausgeschlossen sind. Die dominante diskursive Ordnung, innerhalb derer die deutschsprachige Literatur seit der frühen Neuzeit entstanden und tradiert worden ist, kann jedoch, wie wir meinen, durch eine an literaturhistorischen Kriterien ausgerichtete Kanonauswahl weder rückgängig gemacht noch sollte sie durch einen gleichsam ‚verschönerten‘ Kanon verschleiert werden. Vor diesem Hintergrund stellt die vorgeschlagene, bewusst historisch formulierte Auswahl jedoch auch eine Grundlage dafür dar, die gesellschaftlichen Ein- und Ausschlussverfahren in Prozessen kultureller Traditionsbildung kritisch zu thematisieren.

Allen Studierenden des Faches Deutsch empfehlen wir die nachfolgend aufgelisteten, von uns für grundlegend erachteten Texte der neueren deutschen Literatur für das akademische Selbststudium. Die Jahreszahlen geben das Erscheinungsdatum eines Werks an. In Ausnahmefällen, so im Fall von postum publizierten Texten, sind zudem Entstehungsdaten, im Fall von Dramen auch die Daten der Uraufführung (UA) genannt. Um sich ein elementares literaturhistorisches Koordinatensystem anzueignen, sollten zukünftige Deutschlehrer*innen im Rahmen ihres Studiums eine Auswahl von mindestens 30 Texten intensiv gelesen haben. Darüber hinaus bietet sich die vertiefende Beschäftigung mit einem oder mehreren der genannten Texte im Rahmen einer Bachelor- oder Masterarbeit an.

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Thomas Gann für die Abteilung Literatur des IDD