Sprecherziehung

Die meisten Menschen wissen nicht, was sich hinter diesem Begriff verbirgt. Sprecherziehung, auch Sprechbildung oder Sprechtechnik genannt, ist ein Teilbereich der Rhetorik, Teil der Sprechwissenschaften und ein Hauptfach in der Schauspielausbildung. Es geht natürlich um gute Aussprache (Artikulation) - aber nicht um Schönsprecherei! Auch Körpersprache, Haltung, Atmung, Stimmbildung gehören zu dieser Ausbildung. Der Vortrag von Texten wird ebenso trainiert wie freie Vorträge. In der Schauspielausbildung studiert man dieses Fach allerdings über einen Zeitraum von mindestens drei Jahren, meist mehrere Stunden wöchentlich. Sprecherziehung für Lehramtstudierende beschäftigt sich entsprechend nur mit einem Teilbereich. Sie strebt eine „... situationsadäquate, für die Hörer angenehme und annehmbare Sprechweise an, die den verschiedenen pädagogischen Berufssituationen genügt.“ (Preu/Stötzer, „Sprecherziehung für Studenten pädagogischer Berufe“, 1977/86, Berlin, S.13)

Der Lehrberuf ist ein Sprechberuf, die Stimme und die Sprache sind das Handwerkszeug für den Berufsalltag. Über viele Stunden ist die Lehrerstimme im Einsatz, oftmals mit einem beträchtlichen Lärmpegel kämpfend. Unterrichten ist also eine stimmintensive Tätigkeit. Es gehört zum Schulalltag, viel zu sprechen und sich klar und deutlich mitteilen zu können. Dabei geht es darum, über Stimme und Sprache die Schüler zu erreichen, zu motivieren - selbst in großen Turnhallen. Über die eigene Stimme treten die Lehrkräfte in unmittelbaren Kontakt zu ihren Schülern. Denn das gesamte Auftreten wird entscheidend durch den Klang, die Melodie, die Lautstärke und die Lebendigkeit der Stimme mitgeprägt.

Nicht selten kommt es in der Praxis vor, dass die Stimme den Anforderungen des Berufs nicht ohne große Anstrengung gewachsen ist. Dann entwickelt die Stimme entweder einen schrillen Klang, oder es treten Halsbeschwerden auf und Heiserkeit entsteht. Es handelt sich dann um eine Über- bzw. Fehlbelastung der Stimme. Oft sind Lehrer durch jahrelangen Fehlgebrauch der Stimme auf dem Weg, eine funktionelle Stimmstörung (Dysphonie) zu entwickeln. Bei dauerhafter Überbeanspruchung besteht die Gefahr sekundär-organischer Veränderungen, wie zum Beispiel Stimmlippenknötchen. Ist es erst mal dazu gekommen, wird die Kommunikation im Schulalltag mühsam und oft qualvoll.

Sich mit der eigenen Stimme und Sprechweise auseinander zu setzen, ihre Funktionsweisen kennen zu lernen, eigene Angewohnheiten zu beobachten und die Fähigkeit zu üben, sich mühelos und natürlich mitzuteilen, wird im späteren Berufsalltag helfen, möglichen Überbelastungen entgegenzuwirken und im Unterricht lebendig und klar kommunizieren zu können.

Die Sprecherziehung bezieht auch Ergebnisse anderer Wissenschaftszweige mit ein, u.a. der Kommunikationswissenschaften. Denn nicht nur was wir sagen, sondern auch wie wir es tun, hat großen Einfluss auf die Zuhörer, besonders auf Kinder und Jugendliche. Deshalb ist es besonders für angehende LehrerInnen wichtig, sich mit diesem Themenkomplex auseinander zu setzen.
Eine gut funktionierende Kommunikation mit den SchülerInnen ist von elementarer Bedeutung für einen gut funktionierenden Unterricht. Die Arbeit mit der Stimme, der Sprache - auch der Körpersprache -, nachvollziehbares, gut verständliches, hörerorientiertes Sprechen gehören zu den Grundfertigkeiten des Berufs. In der ehemaligen DDR war dieses Fach deshalb Pflicht für alle Lehramtstudierenden mit dem Erfolg, dass stimmliche Probleme praktisch nicht vorhanden waren (Untersuchungen von Dr. Claudia Hammann, Universität Köln). Im Gegensatz dazu zeichnet sich in aktuellen Untersuchungen ab, dass ohne eine solche Ausbildung sowohl LehramtsanwärterInnen (Universität Leipzig, Dr. Sigrun Lemke), als auch ausübende LehrerInnen (Universität des Saarlands, Prof. Norbert Gutenberg) in hohem Ausmaß unter der Belastung leiden. Die Leuphana finanziert derzeit ein Pilotprojekt, in welchem die stimmliche Belastung bei LehrerInnen des Länderkonglomerats Nord überprüft wird.  

Es geht also in der Sprecherziehung für Lehramtstudierende darum, die Kommunikations- und Ausdrucksfähigkeit zu optimieren, nicht nur um selbst gesund zu bleiben, sondern um den kommunikativen Prozess mit den SchülerInnen bewusster gestalten zu können.