Projektübersicht

Grundlagenkonzept

Betrachtet man das Gesamtsystem der Tourismuswirtschaft, so wird evident, welche Hemmschwellen für mehr Nachhaltigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette überwunden werden müssen. Es ist dringend erforderlich, nachhaltigkeitsorientierte Innovationen und Transformationen zu strukturieren und anhand von Bewertungssystemen zu priorisieren und damit zu lenken.

Aktuell ist für 31% der Bevölkerung die ökologische Verträglichkeit von Urlaubsreisen wichtig, 38% möchten sozialverträglich verreisen. Etwas mehr als die Hälfte (55%) derjenigen, die gerne nachhaltig verreist wären, sehen in den zusätzlichen Kosten einen Hinderungsgrund. Fast genauso häufig (49%) wird angegeben, dass keine nachhaltigen Angebote gefunden wurden und die Reise nicht buchbar ist.

Das Grundlagenkonzept soll das grundsätzliche Defizit fehlender Kenngrößen beheben, diese sichtbar machen sowie Handlungsfelder zur effektiven Durchdringung von Nachhaltigkeitsprozessen in der Tourismuswirtschaft entwickeln. Hierbei spielen leitbildorientierte Systementwicklungen sowie Reboundeffekte eine besondere Rolle. Hierzu wurden von Fraunhofer UMSICHT erste excelbasierte Ressourcennutzungsmodelle entwickelt. Das Ressourcennutzungsmodell dient der Nachhaltigkeitsmessung eines Reisepakets. Zur Berücksichtigung von Kundenwünschen wurden individuelle Gewichtungen hinterlegt.

Einzelne Modelle wurden in Arbeitstreffen und in den Praxispartnerworkshops diskutiert. Hierbei zeigte sich, dass flexible Systemgrenzen stärker in Betracht gezogen werden sollten, um die praktische Anwendbarkeit der Modelle zu ermöglichen. Idealtypische Konzepte sollen daher mit unterschiedlichen Systemgrenzen aufgesetzt werden. Die Modelle können eine Vielzahl von Indikatoren berücksichtigen. Hierbei muss im Projektfortlauf eine adäquate Auswahl, auch im Hinblick auf die anderen Konzepte, erfolgen. Ein zentrales Hindernis ist die Verfügbarkeit von Daten. Dies wird in der weiteren Bearbeitung Beachtung finden.

Umsetzungskonzept

Zur Erarbeitung des Umsetzungskonzepts erfolgte zunächst eine Sichtung der Labels sowie deren Kriterien und Herausforderungen. Die unterschiedlichen Siegel decken eine Bandbreite von Kriterien ab. Es musste eine geeignete Bewertungsgrundlage aus den verfügbaren Daten für das Projekt erarbeitet werden. Hierbei wurden im Projekt mehrere Grundsätze erarbeitet. Zunächst muss das System hinter der Bewertung transparent und belastbar sein. Ferner muss die Auswahl der Siegel eindeutig und nachvollziehbar sein. Um eine praktische Anwendung und eine realistische Branchenlösung zu ermöglichen, müssen alle Daten verfügbar sein. Wichtig ist hierbei auch die Datenkonsistenz, die essentiell für die Buchungssysteme ist (e.g. klare Definitionen, keine Doppeleinträge). Innerhalb der Arbeitsgruppen und Workshops kristallisierten sich insbesondere die Kriterien und die Anerkennung des Global Sustainable Tourism Council (GSTC) als allgemein anerkannte Bewertungsgrundlage für eine Kennzeichnung heraus.

Während des Prozesses zeigten sich insbesondere zwei Aspekte als Diskussionspunkte, die innerhalb des Projektes weiter elaboriert und ausgetestet werden müssen:

Evaluation einer Gesamtreise: Reisepakete bestehen aus vielen Einzelfacetten. Es zeigt sich als schwierig, die Nachhaltigkeit einer Gesamtreise zu messen und darzustellen. Dies liegt sowohl an der Komplexität und Länge der Wertschöpfungsketten, an der Verfügbarkeit von Informationen sowie an der Gewichtung von Indikatoren. Beispielhaft kann hier die Rolle eines Flugs innerhalb eines Reisepakets aufgeführt werden. Die CO2-Emissionen eines Flugs würden Umweltmaßnahmen eines Hotels in der Bilanz zunichtemachen, obwohl eine Verbesserung aller Leistungsträger wünschenswert wäre. Zugleich ist es schwer, Bestrebungen in der sozialen Nachhaltigkeit messbar einzubringen und eine entsprechende Gewichtung vorzunehmen. Im Reisebüro werden im Verkaufsgespräch einzelne Reisekomponenten zusammen geschnürt. Hier könnte die Nachhaltigkeit einzelner Komponenten kommuniziert werden, um Einfluss auf die Konsumentscheidung des Reisenden zu nehmen. Entsprechend ist es das Ziel, Werte für die einzelnen Bestandteile der Reise auszuweisen.

Darstellung von Nachhaltigkeit: Hier steht zur Diskussion, ob nachhaltige Angebote nach einem „schwarz-weiß“-Prinzip oder in Stufen dargestellt werden sollen, d.h. ob jeweils lediglich angegeben wird, ob das Angebot nachhaltig ist oder nicht oder ob eine Abstufung erfolgt. Eine differenzierte Stufenangabe könnte z.B. für Leistungsanbieter Anreiz geben, weitere Maßnahmen zur Förderung der Nachhaltigkeit zu implementieren. Zugleich ist eine differenzierte Darstellung schwerer dem Kunden und Expedienten zu kommunizieren, da die Thematik bereits stark komplex ist. Somit bleibt es auch fraglich, ob ein Kunde eine Differenzierung wahrnimmt. Eine vereinfachte Darstellung fördert somit eventuell die Vermittlung am Counter. Nähere Untersuchungen auf Kundenebene sollen dies klären.

Generell reicht eine Einzelaussage über die Nachhaltigkeit einer Reise nicht aus. Hierbei gilt es weitere Informationen für den Expedienten bzw. Kunden bereitzustellen. Dies könnte in Form von Kern-/Marketingaussagen erfolgen. Um die Relevanz einzelner Kriterien für den Konsumenten und eine geeignete Kundensprache zu erreichen, wird eine Marktstudie vorbereitet, die in den nächsten Monaten erfolgt. Die Ergebnisse werden in einem Workshop im Herbst vorgestellt und weiterentwickelt.

Aufklärungskonzept

Die Herausforderung, die im Projekt aufgegriffen wird, kann als Transformation begriffen werden. Der Zentralbegriff, mit dem die Transformation bewirkt werden soll, ist in diesem Modul das Training. Damit soll ausgedrückt werden, dass die konkrete Transformation inklusive Sensibilisierung und langfristiger Verhaltensänderung auf zwei theoretischen Säulen beruht, dem kommunikativen Infragestellen alter Selbstverständlichkeiten und der Herausarbeitung verantwortlichen Handelns. Entsprechend werden Coachingprogramme entwickelt, die eine Transformation der Arbeits- und Beratungsroutinen in Reisebüros erwirken sollen.

Um dieses Ziel zu erreichen, werden verschiedene Formate in Zusammenarbeit mit der Praxis entwickelt (Nachhaltigkeits-Tourismus-Training – NTT).

  • NTT-Online: Einsatz von E-Learning-Programmen.
  • NTT- Quick Check: Halb- oder vierteltägige Kurzworkshops und –programme.
  • NTT- Life und Volunteering: Anhand von aktuellen Projekten wird Nachhaltigkeit erlebbar.
  • NTT- Intensiv: Längerfristiges Seminar, mit dessen Abschluss die Berechtigung erworben wird, einen speziellen Fachtitel zu führen.

Zunächst fand eine Sichtung und Bewertung bestehender Schulungskonzepte statt. Zudem wurde die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Reiseverband intensiviert, welcher mit dem Programm „Green Counter“ bereits ein E-Learning System zum Thema Nachhaltigkeit zur Verfügung stellt. Es wurden erste Sondierungsgespräche geführt, die eine Weiterarbeit der Online-Schulungsarbeit mit dem Green Counter Tool als Grundlage thematisierten.

Systemtransfer

Nachhaltige Leistungsanbieter, national wie international, stehen vor dem Problem eines effektiven Marktzugangs in der Touristik. Investitionen in Nachhaltigkeit sind in der Regel schwer vermittelbar und deren Inhalte sind der nachgelagerten Wertschöpfungskette in der Regel auch nur wenig bekannt. Gründe dafür liegen in der Komplexität der Thematik, sowie einer zunehmenden Verwässerung von Kernaussagen, die bei Konsumenten, wie Branchenteilnehmern zu fehlerhaften Vorstellungen führen.

Reiseveranstalter stehen ebenso wie der Reisevertrieb vor der Herausforderung nachhaltige Angebote zu klassifizieren oder zu kennzeichnen und damit nachhaltige von weniger nachhaltigen Angeboten zu unterscheiden sowie diese in ihre Unternehmenskommunikation und Informations- und Buchungssysteme so einzubinden, dass es für den Vertrieb und Endkunden hinreichend konkret und aussagekräftig ist.

Eine Harmonisierung und Definition eines Standards in Anlehnung an international vorhandene Lösungsansätze beispielsweise des GSTC erhöht dabei die Akzeptanz und zwangsläufig auch die Konsumbereitschaft.

Projektplan

Phasen des Projektes ©Leuphana Universität Lüneburg - IMO
Phasen des Projektes