Vorträge: Wissenschaft im (Kunst)Labor

Leuphana College Lectures 2013/2014

Die College Lectures präsentieren in diesem Semester wissenschaftliche Forschungsprojekte von Künstlerinnen und Künstlern. Sie beschäftigen sich mit Themen wie Bio-Diversität, interkultureller Kommunikation, Urheberrecht und emotionalen Maschinen. Die Vortragenden verfügen über ein ebenso detailliertes wie kritisches Verständnis von disziplinären, interdisziplinären und "undisziplinierten" Formen wissenschaftlichen Forschens. In ihrer künstlerischen Arbeit nutzen und formulieren sie Fragestellungen und Methoden, die zu alternativen Formen von Wissen, Erfahrung und Erkenntnis führen können. Ergänzt werden die Vorträge durch offene Workshops, die in Zusammenarbeit mit dem Methodenzentrum der Leuphana Universität entwickelt werden. Die Workshops bieten Raum zum Nachdenken über Fragen wie: Wofür nutzen wir Methoden? Was erbringen unterschiedliche Zugänge zum gleichen Thema? Und wann ist eine Methode überhaupt eine Methode? Die Workshops ermöglichen ein persönliches Zusammentreffen und Diskutieren mit den Künstler_innen und mit Wissenschaftler_innen der Leuphana.

Workshops und Vorträge 2014

Hannes Rickli, "Ästhetische Bedingungen umweltwissenschaftlicher Forschung", 28. November 2014

Hannes Rickli ist Künstler und Professor an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK. In seinen künstlerischen Forschungsprojekten untersucht er seit mehreren Jahren die materiellen und ästhetischen Bedingungen, unter denen in den Naturwissenschaften Wissen erzeugt wird. Ricklis Untersuchungen sind Laboratory Studies (Bruno Latour) mit künstlerischen Mitteln. Nicht die biologischen Forschungsergebnisse stehen im Fokus des künstlerischen Interesses, sondern die Praktiken, Apparate, Medien und Infrastrukturen, die zur Herstellung wissenschaftlicher Tatsachen im Feldversuch oder im Labor Verwendung finden. In der Veranstaltung stellte der Künstler seine eigene Arbeit der letzten Jahre vor und diskutierte mit Wissenschaftler_innen und Studierenden den Einfluss der Digitalisierung auf die Umweltwissenschaften. www.ifcar.ch

In Zusammenarbeit mit dem EU-Innovations-Inkubator KT Art and Civic Media und unterstützt durch Studienbeitragsmittel.

Olaf Nicolai, "Speculation about unidentifies objects", 17. November 2014

Olaf Nicolai ist ein Künstler, der mit seinen konzeptuell ausgerichteten Arbeiten eine Brücke zwischen künstlerischen und wissenschaftlichen Fragestellungen schafft. Im Rahmen des Werkstattgesprächs präsentierte er Arbeiten, die u.a. auf der documenta X (1997) und der Biennale von Venedig (2001, 2005, 2015) zu sehen waren, und stellte ein aktuelles Projekt zur Diskussion. Im Zentrum von Speculation About Two Unidentified Objects steht die Spekulation als Produktionsmethode – eine Spekulation über zwei Objekte, die wie zwei „unbekannte“ Objekte behandelt und erforscht werden. Das Projekt nutzt die Idee einer Archäologie nicht im Sinne der Re-Konstruktion, sondern der Konstruktion. Diese Umkehrung der Perspektive weist auch auf eine „Hermeneutik des Konjunktivs“, mit der die These, die materiellen Artefakte seien zentral für das Verständnis und die Entschlüsselung ihrer eigenen Funktion und Bedeutung, zur Disposition gestellt wird.

Das Werkstattgespräch wurde vom Leuphana Arts Program und dem Methodenzentrum der Leuphana in Zusammenarbeit mit dem KT Art and Civic Media des EU-Innovations-Inkubators veranstaltet.

Lara Almarcegui im Gespräch mit Henrik von Wehrden, "Spaces and resources", 3. November 2014

Während eines eintägigen Workshops und in einem anschließenden Werkstattgespräch diskutierten die LAP-Gastkünstlerin Lara Almarcegui und der Umweltwissenschaftler Henrik von Wehrden
ihre jeweilige Beschäftigung mit innerstädtischen Brachflächen und wie diese unterschiedlichen Zugänge sich gegenseitig ergänzen. Der Workshop dachten Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen und Wissenschaftler_innen der Leuphana über die zunehmende Verdichtung städtischer Gebiete und über Brach- und Freiflächen als Imaginations- und Spielräume urbaner Strukturen nach. Während Stadtplanung und -entwicklung meist funktionalen Vorgaben folgen, versucht die aktuelle umweltwissenschaftliche Forschung, Kompromisse zwischen unterschiedlichen Nutzungsszenarien abzuwägen und einer rein wirtschaftlichen Betrachtung dieser Orte entgegenzutreten. An diesem Punkt setzen zugleich viele zeitgenössische Kunstprojekte wie etwa die Interventionen Lara Almarceguis an, die unser herkömmliches Verständnis von Landnutzung um vielfältige Nuancen erweitern wollen. Sowohl Wissenschaftler_innen als auch Künstler_innen versuchen dabei, diesen Grundstücken, Flächen und Halden mit alternativen Bewertungssystemen zu begegnen und neue Nutzungsziele zu formulieren. Gemeinsam tragen sie zu einer ganzheitlicheren Betrachtung städtischer Landschaften bei. Im Rahmen des Workshops stellten Lara Almarcegui und Henrik von Wehrden eigene Projekte vor und erarbeiteten mit den Teilnehmer_innen eine umfangreiche Mind-Map zur Visualisierung und Strukturierung der verschiedenen individuellen und gruppenspezifischen Zugänge zu urbanen Flächen.

Das Werkstattgespräch wurde vom Leuphana Arts Program und dem Methodenzentrum der Leuphana in Zusammenarbeit mit dem KT Art and Civic Media des EU-Innovations-Inkubators veranstaltet.

Brandon Ballengée, "Praeter naturam: Beyond nature", 3. Juni 2014

Der Künstler und Biologe Brandon Ballengée realisiert transdisziplinäre Kunstprojekte, die er aus seinen ökologischen Feld- und Laborstudien entwickelt. Dabei beschäftigt er sich mit Amphibien, Vögeln, Fischen und Insektenarten, die er in ihren heutigen Lebensräumen antrifft. Er ist als Grenzgänger zwischen Kunst und Wissenschaft in beiden Bereichen beheimatet und regt als Umweltaktivist öffentliche Beteiligung durch partizipative Programme an, bei denen Bürger_innen in edukative Forschungsprojekte eingebunden werden. Seit 1996 befassen sich Ballengées künstlerisch-wissenschaftliche Aktivitäten mit dem Auftreten von Deformationen und dem Populationsrückgang bei Fröschen und anderen Amphibien. Seine Arbeiten werden sowohl im wissenschaftlichen Kontext publiziert und rezipiert, als auch international in Kunstinstitutionen ausgestellt. www.brandonballengee.com

In Zusammenarbeit mit dem EU Innovations-Inkubator KT Art and Civic Media, dem Centre for Digital Cultures und Cultura21.

Kelly Dobson, "The way things break", 15. Januar 2014

Die Forschungsprojekte von Kelly Dobson bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Technologie, Medizin und Kultur. Als Künstlerin und Ingenieurin entwickelt sie Therapie-Maschinen und tragbare Körperorgane, die eine neue Mensch-Maschine-Beziehung ermöglichen und die technischen Gegenstände des Alltags zu interaktiven und empathischen Wesen mit eigenem Charakter werden lassen. Im Mittelpunkt der Präsentation von Kelly Dobson stand die Feststellung, dass wir die Welt nicht nur über unseren biologischen Körper wahrnehmen, sondern vernetzt sind mit den sozialen und technischen Umgebungen, die wir selbst mit erschaffen. Die Künstlerin zeigt an verschiedenen Beispielen, wie diese Mischwesen aus künstlerischen und technischen Erfindungen bereits heute für Kommunikation, Interaktion und die Pflege von Menschen eingesetzt werden. Im anschließenden Workshop entwarf Dobson gemeinsam mit Studierenden neue Maschinen für die Lösung von alltäglichen und phantastischen Problemen.

Respondenten: Clemens Apprich, Oliver Lerone Schulz, Centre for Digital Cultures web.media.mit.edu/~monster/

Der Vortrag wurde im Rahmen der College Lectures: Wissenschaft im Kunstlabor in Kooperation mit dem Leuphana College veranstaltet.

Antony Hudek, "Artist Placement Group (APG): Context is half the work", 8. Januar 2014

Der britische Kunstwissenschaftler und Kurator Antony Hudek beleuchtete die Aktivitäten der 1966 gegründeten Artist Placement Group (APG), deren Grundgedanke es war, Kunst in Behörden, Industriebetrieben und an anderen gesellschaftlichen Orten zu etablieren. Die APG organisierte Residenzen, bei denen Künstler_innen in privaten und öffentlichen Unternehmen aktiv wurden. Wichtig war, dass die Künstler_innen sich als “undisziplinierte” Instanz mit bisher unbeachteten Aspekten des Unternehmens beschäftigten. Dabei entstanden Materialstudien, organisations-ethnographische Beobachtungen in Betrieben, Vorstudien für medizinische Therapiemethoden oder Nachbarschaftsprojekte in Arbeitersiedlungen. Als historisches Beispiel stellt die APG einen spannenden Bezugspunkt für die Frage nach den interdisziplinären Handlungsmöglichkeiten der Kunst in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dar.

Respondentin: Alexandra Waligorski, Leuphana Arts Program

Der Vortrag wurde im Rahmen der College Lectures: Wissenschaft im Kunstlabor in Kooperation mit dem Leuphana College veranstaltet.

Workshops und Vorträge 2013

Cornelia Sollfrank, "Copyright-Monster, politische Piraten und ratlose Genies. Warum Netzkultur und Kunst nicht zusammenpassen", 18. Dezember 2013

Seit Jahren sorgen das Urheberrecht und seine Reformierung für heftige Kontroversen. Im Zentrum der Argumente stehen dabei oft Künstler_innen, ihre Interessen und die grundlegende Frage nach dem heutigen Verhältnis von kreativem Schaffen und Urheberrecht. Anhand ihrer eigenen Praxis als Künstlerin und Forscherin diskutiert Cornelia Sollfrank herrschende Konzepte von Eigentum und Kreativität und fragt nach den sich verändernden Produktionsbedingungen von „geistigem Eigentum“, insbesondere in Zusammenhang mit digitalen und vernetzten Technologien. Seit Mitte der 1990er Jahre untersucht die Hackerin, Cyberfeministin und Net.art-Künstlerin Cornelia Sollfrank die weltweiten Kommunikationsnetzwerke. Sie experimentiert mit vielfältigen Formen der Autorschaft sowie mit künstlerischen Strategien der Aneignung und hinterfragt dabei den mythischen Status von Genialität und Originalität. Ihre kreative Praxis und theoretische Forschung zu Copyright und geistigem Eigentum ermöglichen ihr eine kritische Befragung aktueller juristischer und politischer Themen. Im anschließenden Workshop sprach Sollfrank mit den Studierenden über die Übertragbarkeit wissenschaftlicher und künstlerischer Forschungsmethoden. www.artwarez.org

Respondent: Thorsten Bothe, Leuphana College, Leuphana Universität 

Der Vortrag wurde im Rahmen der College Lectures: Wissenschaft im Kunstlabor in Kooperation mit dem Leuphana College veranstaltet.

Chihiro Minato, "Thinking (through) landscapes", 11. Dezember 2013

In seinem Forschungsprojekt Thinking Landscape beschäftigt sich der Künstler, Photo-Anthropologe und Professor an der Tama Art University in Tokio mit der veränderten Beziehung zwischen Mensch und Natur nach der Katastrophe von „3.11“, bei der sich am 11. März 2011 in der Region Fukushima mit Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe eine tiefgreifende und plötzliche Veränderung der dortigen Landschaft ereignete. Minato sprach in seinem Vortrag über den japanischen Begriff für Landschaft (fukei), der anders als das entsprechende europäische Konzept eine ganzheitlichere Auffassung beinhaltet, die neben dem Gelände und seiner teils kultivierten Form, neben der belebten und der unbelebten Natur, auch unsichtbare und animistische Kräfte umfasst. www.midoripress-aeon.net/column/20130702_thinking_landscapes.html

Respondentin: Ulli Vilsmaier, Methodenzentrum der Leuphana Universität

Der Vortrag wurde im Rahmen der College Lectures: Wissenschaft im Kunstlabor in Kooperation mit dem Leuphana College sowie mit dem Projekt „Im/measurability of Life and Art“ des Centre for Digital Cultures (Art and Civic Media, Miya Yoshida) und in Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Kunstverein veranstaltet.

Boran Burchhardt, "Wie nimmt man sich die Freiheit? Über den Rostocker Wettbewerb zur Gestaltung eines Gedenkortes für NSU Mordopfer Mehment Turgut", 20. November 2013

Der Künstler Boran Buchhardt diskutierte in seinem Vortrag ein aktuelles Beispiel dafür, wie Künstler_innen mit schwierigen Aufgaben umgehen: Zum zehnten Jahrestag der Ermordung von Mehmet Turgut, dem Opfer eines rechtsextremistischen Anschlags, wurde 2013 in Rostock ein Wettbewerb zur Gestaltung eines Gedenksteins ausgeschrieben. Zunächst scheint der Wettbewerb dem Entwurf alle Freiheit zu gewähren, dann jedoch wird eine ganze Reihe von formulierten oder impliziten Bedingungen bekannt. Denn ein Denkmal kann nicht nur ein Gedenkstein sein, sondern auch Stein des Anstoßes für komplizierte gesellschaftliche und politische Fragen nach den Rollen von Opfern und Tätern, der Verarbeitung von Trauer und nach dem Stellenwert von Erinnerung im öffentlichen Raum. Die daraus resultierenden Grenzen und Widersprüchlichkeiten nahm Burchhardt als Herausforderung, die gesellschaftlichen Bedingungen der Erinnerungskultur auf den Prüfstand zu stellen.

Respondentin: Regine Herbrik, Methodenzentrum der Leuphana Universität

Der Vortrag und der anschließende Workshop wurden im Rahmen der College Lectures: Wissenschaft im Kunstlabor in Kooperation mit dem Leuphana College veranstaltet.

Koen Vanmechelen, "Hybridity in art and science", 30. Oktober 2013

Der belgische Künstler Koen Vanmechelen beschäftigt sich in seinen Projekten vor allem mit biokultureller Diversität. In seiner intensiven Zusammenarbeit mit Naturwissenschaftler_innen verschiebt Vanmechelen die Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaften. Im Zentrum des langjährigen Cosmopolitan Chicken Project steht die Erschaffung einer neuen „multikulturellen“ Hühnerart, die durch gezielte Kreuzung entstehen soll und biologische, ökologische und ethische Fragestellungen miteinander verbindet. In der mobilen Open University of Diversity diskutiert Vanmechelen seine Forschungsprojekte mit internationalen Expert_innen verschiedener Disziplinen, so etwa 2008 beim World Economic Forum in Davos, dem Climate Change Congress 2009 in Kopenhagen, bei der EXPO 2010 in Shanghai, oder dem Creativity World Forum 2011 in Hasselt. www.koenvanmechelen.be

Der Vortrag und der anschließende Workshop wurden im Rahmen der College Lectures: Wissenschaft im Kunstlabor in Kooperation mit dem Leuphana College veranstaltet.

Timothy Druckrey, "Putting digital culture into perspective", 17. Oktober 2013

Der US-amerikanische Medien- und Kunstwissenschaftler Timothy Druckrey gehört seit drei Jahrzehnten zu den wichtigsten Kommentatoren der sich entwickelnden digitalen Kultur. Zusätzlich zu seinen zahlreichen Aufsätzen und Vorträgen hat er mehrere Ausstellungen kuratiert und für MIT Press Kataloge und andere Publikationen herausgegeben. Er leitet am Maryland Institute College of Art das Programm für „Photographic and Electronic Media“. In seinem Vortrag eröffnete Druckrey eine historische Perspektive auf die visuellen und kommunikativen Schnittstellen digitaler Medien und regte zu einer angeregten, kritischen Diskussion über die Frage der Innovation und des „Neuen“ in der digitalen Kultur an.

In Zusammenarbeit mit dem EU Innovations-Inkubator KT Art and Civic Media, und dem Centre for Digital Cultures der Leuphana Universität.

Jens Hauser, "Leuchtgehirne, Bakterienradios, Stadtreinigungs-Tauben und falsche DNA-Fährten: Science-facts in Kunst mit Biomedien", 16. Januar 2013

Der Medienwissenschaftler und Kurator Jens Hauser beschäftigt sich am Beispiel der Biomedialität mit Interaktionen zwischen Kunst und Technologie und einer genreübergreifenden, kontextuellen Ästhetik. Mit dem Aufstieg der Biologie zur Leitwissenschaft ist nicht nur eine Inflation biologischer Metaphern in den Kulturwissenschaften festzustellen. Biotechnologische Verfahren werden zunehmend auch zu Gestaltungsmitteln für Künstler_innen. Während die digitale Medienkunst „Lebendigkeit“ noch mit Computersimulationen „künstlichen Lebens“, algorithmischer Evolution per Software, virtuellen Ökosystemen und Robotik hervorrief, so ist der aktuelle Trend zur „Wetware“ als weiter reichendes Phänomen einer Re-Materialiserung zu verstehen. Im Workshop diskutierte Jens Hauser mit Studierenden die ethischen und epistemologischen Fragestellungen, die sich aus einer interdisziplinären „Lebenskunst, die Wissen schafft“, ergeben. Im Anschluß hielt Jens Hauser im Institutskolloquiums des ICAM (Institut für Kultur und Ästhetik digitaler Medien) einen Vortrag zum Thema Biomedialität und Medienkunst.

Der Workshop wurde vom Leuphana Arts Program und dem Leuphana College veranstaltet.


Die Leuphana College Lectures werden vom EU-Großprojekt Innovations-Inkubator gefördert. Die Reihe „Wissenschaft im (Kunst)Labor“ wird vom Leuphana Arts Program und dem Team Leuphana College zusammen mit dem Methodenzentrum der Leuphana Universität organisiert.