Promotionsthemen an den Museen

Die Promotionsthemen sind selbstgewählte Themen, die sich aus den Beständen eines der Museen erarbeiten lassen oder von den Museen vorgeschlagene Themen.

 

Buddenbrookhaus

Öffentlichkeit einer Schriftstellerfamilie: Inszenierung und Repräsentanz der Familie Mann

Das mediale, populärkulturelle und wissenschaftliche Interesse an der Familie Mann scheint auch heute noch ungebrochen: Fernsehfilme, Briefeditionen, zahlreiche Ausstellungen und Zeitungsartikel belegen, wie nachhaltig die Familie das Bild der „amazing family“ (Harold Nicolson 1939), der politisch aktiven Intellektuellenfamilie, in der Öffentlichkeit etablieren konnte.

Im Rahmen des Dissertationsprojekts wird untersucht, wie diese Etablierung vollzogen wurde. Dafür werden die Repräsentationsstrategien und Inszenierungspraktiken der Familie Mann analysiert. Die (Selbst-)Präsentationen der einzelnen Familienmitglieder in Form von autobiografischen oder egodokumentarischen Texten werden einerseits medienübergreifend in ihrer öffentlichen Wirkung, andererseits aus der internen Korrespondenz heraus erschlossen. Ziel ist es, die Konstellationen der familiären Öffentlichkeitsarbeit unter Berücksichtigung ihrer publizistischen, politischen und privaten Vernetzungen darzustellen. Dabei interessieren nicht nur die Strategien der Ruhmesbildung und -verwaltung, sondern auch die Rollen der einzelnen Mitglieder im Familiengefüge. Damit verbunden ist die Frage nach der Ermächtigung, sich als Teil der Familie zu präsentieren – und über sie zu erzählen.

Doktorandin: Ira Klinkenbusch im Buddenbrookhaus Heinrich und Thomas Mann Zentrum, Lübeck 

 

Deichtorhallen

Die Sammlung Falckenberg – Spiegel oder Gegenpol eines Paradigmenwechsels musealer Praxis von 1980 bis 2011

Die Sammlung Falckenberg nimmt in den drei Jahrzehnten deutscher Kunst- und Museumsgeschichte von 1980 bis 2011 eine Schlüsselposition ein. In ihr überschneiden sich Fragen nach der Bedeutung, Wirkmacht und dem Umgang mit zeitgenössischer Kunst im Kontext einer zukunftsorientierten Sammlungspraxis. Die 1990er Jahre sind in der BRD von einer künstlerischen sowie theoretischen Auseinandersetzung um das Verhältnis von Kunst und Markt geprägt. Ab Mitte dieses Jahrzehnts formiert sich die Sammlung Falckenberg zu einem Zeitdokument, das verstärkt aktuelle Motive wie die Rolle der Massenmedien, das Zirkulieren der Werke als Ware, das Verhältnis von Körper und Identität sowie einer Umwertung von Geschichtsverständnis erkennen lässt. Zunächst als Privatsammlung geführt und ab 2011 als Dauerleihgabe in die öffentliche Institution der Deichtorhallen Hamburg integriert, steht die Sammlung Falckenberg symptomatisch inmitten einer Neuverhandlung um die Rolle und Ausrichtung von Kunstsammlungen in der Gesellschaft.

Die Dissertation verfolgt das Ziel, die Person Harald Falckenberg und seine spezifische Sammlungstätigkeit in die zeitgeschichtlichen Rahmenbedingungen Deutschlands einzuordnen und seine Rolle sowie seinen Beitrag als Kunstsammler, insbesondere in Hamburg ab 1995, zu untersuchen. Zudem werden anhand des Sammlungsansatzes und -charakters Axiome der deutschen Museumslandschaft und ihrer Formierung seit den 1980er Jahren problematisiert. Es wird untersucht, inwiefern die Sammlung Falckenberg Modellcharakter im Hinblick auf das Sammeln zeitgenössischer Kunst und einer plural-erzählbaren Kunstgeschichte einnimmt, sowie ihre Bedeutung für eine zukünftige museale Praxis.

Doktorandin: Stephanie Regenbrecht in den Deichtorhallen

 

Hamburger Kunsthalle

Ein Rundgang durch Hamburger Malerateliers. Künstlerische Produktion und ihre Rezeption in Hamburg um 1900

In der Tageszeitung „Hamburgischer Correspondent“ erscheint um 1904 eine Serie der Journalistin Frieda Radel mit dem Titel „Ein Rundgang durch Hamburger Malerateliers“. Darin besucht die Autorin hamburgische Malerinnen und Maler in ihren Werkstätten und berichtet sehr anschaulich über deren Arbeitsweise, Ausbildung und Werdegang. Sie schildert außerdem, in welchen Genres sie sich bewegen, in welchen Ausstellungen sie kürzlich zu sehen waren und welche Beziehungen und Künstlerfreundschaften sie pflegen. Nahezu alle besuchten Malerinnen und Maler standen in Beziehung zu Alfred Lichtwark, dem ersten Direktor der Hamburger Kunsthalle und ihre Werke befinden sich bis heute in der Sammlung. 

Die Artikel bieten eine sehr persönliche Einsicht in die spezifische Kunstlandschaft Hamburgs sowie in die Lebens- und Arbeitswelt von Künstlerinnen und Künstlern in Hamburg um 1900. Zudem zeigen sie exemplarisch die Arbeit einer der ersten weiblichen Journalistinnen und Kunstkritikerinnen und geben Einblick in das Schreiben über Kunst zu einer Zeit, als sich die Kunstkritik noch in ihren Anfängen befindet.

Das Forschungsprojekt untersucht erstmalig, inwieweit der Atelierbesuch als Methode der Kunstkritik theoretisch gefasst werden kann. Wie wird der Besuch in einer Werkstätte zur Methode des Schreibens über Kunst und welche sozialhistorischen Vorstellungen gehen damit einher? 

Die Grundlage hierfür bildet, ausgehend von genannter Quelle, das künstlerische Schaffen der Künstlerinnen und Künstler sowie die Beziehungsgeflechte und Netzwerke, in die sie eingebunden sind. Im Weiteren wie über sie und andere geschrieben wird. Der Fokus liegt hier auf populären Medien wie der Tagespresse und den in dieser Zeit weitverbreiteten Familienzeitschriften. Diese waren seit den 1870er-Jahren zentrale Meinungsbilder und Impulsgeber für die bürgerliche Wohnung. Sie lassen sich als Vermittler zwischen einer künstlerischen Praxis und fachlichem Wissen betrachten, aufbereitet zu Diensten eines breiteren Publikums.

Doktorandin: Elena Berroth in der Hamburger Kunsthalle

Kunst und Kanon. Geschichtserzählungen in Sammlungspräsentationen der Kunst des 19. Jahrhunderts. Die Hamburger Kunsthalle im Vergleich mit der Berliner Nationalgalerie

Seit über einem Jahrhundert bilden „Meisterwerke“ der Romantik, des Realismus, Naturalismus und Impressionismus die Anziehungspunkte internationaler Sammlungspräsentationen der Kunst des 19. Jahrhunderts. Während in Deutschland ein Kanon um nationale und französische Protagonisten generiert und zitiert wird, befinden sich unzeitgemäß oder „schwächer“ kategorisierte Werke im Depot, sind im Laufe der Jahre veräußert oder abgegeben worden. Die Präsentation einer linearen Entwicklungsgeschichte der „modernen Kunst“ negiert jegliche Heterogenität musealer Sammlungsbestände. Das Promotionsvorhaben geht der Genese dieser Kanonbildung nach und analysiert, welche spezifischen Erzählungen durch sie entworfen und verworfen werden.

Die Rekonstruktion ausgewählter Sammlungspräsentationen der Hamburger Kunsthalle – von Museumsgründung 1869 bis heute – und deren Vergleich mit der Alten Nationalgalerie in Berlin (1876) sowie gezielter Verweise auf die Neue Pinakothek in München (1853) und das Städel Museum in Frankfurt (1833) verdeutlicht die nationale Annäherung zu einem einheitlichen, vom Standort unabhängigen Narrativ. Während sich in Hamburg zunächst ein selbstbewusstes Bürgermuseum mit lokalem Fokus auf Genre-, Landschafts- und Porträtmalerei behauptet hatte, diente die Nationalgalerie als Medium nationaler Identitätsstiftung mit der Präsentation monumentaler Historiengemälde.

Das Dissertationsvorhaben stellt die Sammlungspräsentation als zentrales Instrument von Geschichtsschreibung heraus und untersucht sie auf historisch und kulturpolitisch geprägte Narrative. Basis der Auseinandersetzung bildet hierbei die erstmalige Erschließung ausgewählter Archivalien sowie die im Zuge der in der Hamburger Kunsthalle gezeigten Jubiläumsausstellung Beständig. Kontrovers. Neu. Blicke auf 150 Jahre erarbeiteten Zäsuren. Die im Ausstellungskapitel „Zeigen – nicht zeigen“ präsentierten Thesen sollen ferner vertieft, mit nationaler Ausstellungspraxis abgeglichen und auf allgemeine Tendenzen hin befragt werden.

Doktorandin: Andrea Völker in der  Hamburger Kunsthalle

 

Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt (MARKK)

Kontinuität und Wandel der materiellen Kultur während des 17. bis 20. Jahrhunderts in der Provinz Dalarna in Schweden

Über 1000 Objekte „zum Leben“, so beschreibt das Sammlerehepaar Reinicke die Objekte, die dieses während seiner häufigen Aufenthalte in der Region Dalarna sammelte. Die Sammlung im Museum für Völkerkunde Hamburg wurde seit den 1980er Jahren durch jährliche Schenkungen der Sammler vergrößert. Es handelt sich um Alltagsgegenstände, etwa geflochtene Schuhe aus Birkenrinde oder Branntweinmaße aus Kupfer. Es sind Gegenstände, die für den Haushalt, für das Arbeitsleben oder für soziale Beziehungen hergestellt, gebraucht und später auch getauscht wurden.

Das Dissertationsprojekt untersucht, wie die Menschen ihre materielle Kultur unter naturräumlichen Bedingungen und der gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Entwicklung der Region während der letzten vierhundert Jahre durch Herstellung und Nutzung von Artefakten gestalteten. An zentraler Stelle steht die Frage, welche Wechselbeziehungen zwischen materieller und immaterieller Kultur, Ideen, Imagination, Kreativität und Wissen für das Leben dabei entstanden. Ausgewählte Objekte der Dalarna-Sammlung werden auf empirische und induktive Herangehensweise als Quelle des materialisierten Alltagslebens analysiert.

Doktorandin: Fumi Takayanagi im Museum für Völkerkunde Hamburg

 

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Reproduktionsfotografie - Das Medium der Fotografie als visueller Zugang zu archivischen Ordnungen und ihre erweiterte Funktion als Einstieg in Digitale Sammlungen

Der Museumsmitarbeiter des MKG, Wilhelm Weimar, begann als einer der Ersten das Medium der Fotografie für die Inventarisierung musealer Objekte zu nutzen. Diese Reproduktionsfotografien waren im 20. Jahrhundert für die interne Archivierung bestimmt, heute werden sie jedoch auch sichtbar für ein großes Publikum in Digitalen Sammlungen der Museen. Durch die Digitalisierung und Veröffentlichung musealer Objekte im Web verschiebt sich die Grenze zwischen Archiv (Verborgenem) und Ausstellung (Sichtbarem). Die digitalisierten Fotografien gehören damit verschiedenen Regimen der Sichtbarkeit an: Sie werden zu essentiellen Bestandteilen der grafischen Benutzeroberflächen und sind wie Ausstellungen öffentlich zugänglich, trotzdem beruhen sie auf archivischen Ordnungen. Nachdem die Möglichkeit bereits gegeben ist, eine Vielzahl von Menschen an einer Digitalen Sammlung teilhaben zu lassen, kann nun der Fokus auf die Vermittlung und die Entwicklung explorativer Ansätze gelegt werden.

Die Dissertation widmet sich der Ästhetik, Entwicklung und Bedeutung der Reproduktionsfotografie innerhalb des Archivs und der Digitalen Sammlung, der Verschiebung musealer Grenzen von Sichtbarem und Verborgenem sowie der Frage einer digitalen Vermittlung. Das Ausstellungskonzept verbindet die Räume des Archivs,  der Ausstellung sowie der Digitalen Sammlung. Ordnungsweisen des Museums werden sichtbar und selbst gestaltbar, vor Ort sowie digital.

Doktorandin: Sarah Kreiseler im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

 

Ostpreußisches Landesmuseum Lüneburg

Deutschbaltische Kulturgeschichte als Kulturbrücke. Der Nachlass „von Nolcken/von Münnich“

Über Jahrhunderte agierten deutschbaltische Adelsfamilien an den Schnittstellen zwischen zaristischer Verwaltung, europäischer Adelskultur und baltischer Bevölkerung. Selbst- und Fremdwahrnehmung entwickelten sich dabei häufig entlang kultureller Zuschreibungen, standen mitunter im Konflikt zueinander, wurden verinnerlicht, hinterfragt und umstrukturiert.

Das Dissertationsprojekt untersucht den Nachlass um die deutschbaltische Adelsfamilie von Nolcken und Burkhard Christoph von Münnich aus dem Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg. Ziel ist es, den Nachlass kulturgeschichtlich zu erforschen, Kontakten und Prozessen, Identitäts- und Alteritätsvorstellungen, Konstruktionen und Dekonstruktionen nachzugehen. Er beinhaltet umfangreiches Schrift- und Bildmaterial sowie eine vielfältige Sachkultur aus über 300 Jahren deutschbaltischer Familiengeschichte, darunter Gemälde, Mobiliar, Porzellan und Besteck. Die Arbeit möchte dazu beitragen, die Rolle von Identitätsvorstellungen für Gesellschaften und Kulturdiskurse historisch näher zu bestimmen.

Doktorand: Julian Windmöller im Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg