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Lehrentwicklung: Universitäre Debattenkultur

03.06.2019 Was bedeuten Rhetorik, Argumentation und Debatte im Sinne einer Liberal Education? College-Leiterin Dr. Steffi Hobuß und die Soziologin Dr. Simone Jung entwickeln theoretische und praktische Konzepte.

„Eine Universität müsste also auch der Ort sein, an dem nichts außer Frage steht“, schrieb der französische Philosoph Jacques Derrida. Dennoch sind der Begriff und die Rolle der freien Rede an Universitäten nicht immer eindeutig. Die Debatte über die sogenannte Kopftuch-Konferenz an der Goethe-Universität Frankfurt ist nur ein Beispiel. Erst kürzlich hatten sich Aktivist*innen gegen die Veranstaltung mit dem Titel „Das islamische Kopftuch - Symbol der Würde oder der Unterdrückung?“ gestellt. Eine Diskussion dieser Art sei per se diskriminierend. Auch die Kontroverse um die Einladung von Marc Jongen und Thilo Sarrazin zu einem Seminar über Meinungsfreiheit an der Universität Siegen wirft die Frage auf: Was und wie darf, kann oder muss sogar an Universitäten diskutiert werden? Mit forschungsbasierter Lehrentwicklung nähern sich College-Leiterin Steffi Hobuß und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Simone Jung dem Thema „Rhetorik, Argumentation und Debattenkultur im Kontext von Liberal Education und Digitalisierung“. Das Projekt ist Teil der Offensive „Qualität plus – Programm für gute Lehre in Niedersachsen“. 

Verantwortungsfähigkeit der Studierenden

Mit diesem neuartigen Projekt soll die Debattenkultur früh in der universitären Ausbildung etabliert werden: „Liberal Education ist die Schnittstelle zwischen deutscher Bildungstradition und angelsächsischer Universitätskultur. Wenn Studierende über das universitäre Lernen und ihre Rolle in der Gesellschaft reflektieren, fängt Debatte bereits an“, erklärt Steffi Hobuß. Damit steht nicht nur das Einüben von Praktiken der Kritik und die eigene Darstellungskompetenz im Fokus, sondern auch die Reflektion darüber. „Die Durchdringung von Sprache als performativer Akt ist gerade im postfaktischen Zeitalter und der polarisierenden Rhetorik eines erstarkenden Rechtspopulismus von großer Relevanz“,  erläutert Simone Jung.

Deshalb möchten die beiden Wissenschaftlerinnen weitere Bausteine für Lehrveranstaltungen im Leuphana Semester und im Komplementärstudium entwickeln, mit deren Hilfe Kritik- und Verantwortungsfähigkeit der Studierenden auch im Sinne der Interdisziplinarität gestärkt werden. „Eine angehende Ingenieurin kann genauso vor ethischen Fragen stehen wie ein Kulturwissenschaftler“, sagt Steffi Hobuß. Basierend auf politischen Theorien und philosophischen Perspektiven werden digitale Formate generiert, die bereits während der Laufzeit in die Lehre einfließen und evaluiert werden. „Auf diese Weise kann Theorie und Praxis miteinander verwoben und gemeinsam mit den Studierenden kontinuierlich weiterentwickelt werden“, erklärt Simone Jung. Allerdings gehen die Wissenschaftlerinnen davon aus, dass nicht alle Ansätze zu digitalisieren sind: „Zur Rhetorik und Debatte gehört nicht nur die Rede und die Vernunft, sondern immer auch auch Gestik, Mimik, Haltung und Körper.“ 

Die forschungsbasierte Lehrentwicklung soll von Publikationen, Fachvorträgen und einer Tagung begleitet werden, um nicht zuletzt auch die Verbindung von Wissenschaft und Öffentlichkeit zu stärken. 

Das Projekt wird durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft mit 300 000 Euro gefördert. Die Laufzeit beträgt drei Jahre.

Weitere Informationen

- Leuphana College 

Kontakt

Dr. Steffi Hobuß
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Dr. Simone Jung
E-Mail


Autorin: Marietta Hülsmann