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Die Strategische Partnerschaft CREATES in Zeiten von Bologna und der Europäischen Universitäten

02.07.2019 Mit Teilnehmer*innen aus Paris, London, Maastricht, Pisa, Freiburg und New York fand Mitte Juni im Rahmen der Strategischen Partnerschaft CREATES an der Leuphana ein „Training Workshop" statt. Vergangene Woche wurde CREATES während der Feierlichkeiten zum 20. Jubiläum der Bologna-Erklärung unter großem Interesse in Bologna vorgestellt. Ende letzter Woche wiederum fand CREATES im für die Higher Education Community zentralen ZEIT CHANCEN Brief Erwähnung. Was steckt hinter dem Akronym? Welche Ansprüche stellt es für Universitäten in Europa, aber auch für die Leuphana? Volker Balli, der CREATES initiierte und koordiniert, erklärt das Programm.

Was macht ein Arzt? Er heilt. Was macht eine Ingenieurin? Sie findet Lösungen für Technikprobleme. Was macht eine Politologin? Sie analysiert politische Sachverhalte. Im postgradualen Leben wird die Fähigkeit, schnell in Examen auswendig gelerntes herunterzuschreiben oder sich langsam in Hausarbeit in „den Diskurs" und seine Fußnoten hinein zu vertiefen eher selten gebraucht (oder gar monetär belohnt). Es gibt zwar Aufgaben, die dem zumindest noch nahekommen, wie etwa Verwaltungs- oder Buchhaltungstätigkeiten. Diesen ist jedoch gemeinsam, dass sie sich als ein Set von Handlungsanweisungen darstellen (oder eben „algorithmisieren“) lassen – und somit die ersten sind, die im Zuge der Digitalisierung wegfallen. Was sind die Dinge, die man wirklich lernen muss? Wie sähe ein Studium aus, das tatsächlich auf die Herausforderungen – und damit sowohl die großen politischen als auch die des alltäglichen Lebens – der Gegenwart vorbereitet?

CREATES ist eine strategische Partnerschaft innerhalb des Förderprogramms „Erasmus+“ der Europäischen Union. Die Förderung erlaubt sechs europäischen Universitäten - neben der Leuphana sind dies das University College Freiburg, King’s College London, Sciences Po Paris, die Scuola Superiore Sant’Anna in Pisa sowie das University College Maastricht - über drei Jahre eng zusammen zu arbeiten. Die leitende Frage stammte aus der Praxis der Studium Individuale: wie gestaltet man eine Creative, Responsive, Engaged and Tailored Edcation with Students. Der Anspruch von CREATES ist, eine zukunftsweisende und -fähige Strategie für Studium und Lehre für die europäische Hochschullandschaft bereitzustellen und zu verbreiten. „CREATES möchte", so Balli, „Universitäten Mut machen, in ihrem Verständnis und ihrer Praxis universitären Lernens nicht im 20. oder sogar 19. Jahrhundert zu verweilen, sondern stringent und überzeugend auf die Verhältnisse und Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu antworten." Das geballte Renommé der Partnerinstitutionen und die auf best practices und neuste Forschung basierende Programmatik geben Grund zur Annahme, dass dieser Ruf nicht ungehört bleiben könnte.

Lernende im Zentrum

Die Ansprüche, die die Gegenwart machtvoll und unabdingbar an Absolvent*innen und damit an die Universität stellt, sind nun ganz andere als noch vor zwanzig Jahren. CREATES wirbt für eine Kehrtwendung von Studium und Lehre zu dieser komplexen Wirklichkeit. „Uns geht es um die Abkehr von der Vorstellung, dass es einen vorgegebenen Körper zu erlernenden Wissens gibt, gekoppelt an bestimmte Methoden, die sich Expert*innen angeeignet haben und die sie zusammen mit einem gewissen Habitus an Studierende weitergeben“, hält Balli fest. Ein zeitgemäßes Verständnis von Studium, wie es CREATES propagiert, stellt im Gegensatz hierzu die einzelnen Lernenden sowie die Herausforderungen, die die Welt stellt, und die für ein effektives und zugleich reflektiertes Wirken in der Welt notwendigen Fähigkeiten, ins Zentrum. CREATES geht somit von den Studierenden und deren Lernen und Erfahrungen aus und zielt darauf, dass ihr Studium von aktivem Lernen, von Engagement und von gemeinsamem Schaffen charakterisiert wird. Durch eine solche Lernpraxis werden Schlüsselkompetenzen und eine konstruktive Weltgewandtheit geschaffen – und selbstverständlich auch solide akademische Expertise. „Kurz", so Balli, „geht es CREATES um eine neue Fachlichkeit, die aus Schlüsselkompetenzen und der Erlangung individueller Expertise besteht, statt aus dem antiquierten Verständnis von Fachmenschentum der klassischen Moderne."

CREATES geht davon aus, dass ein Studium nicht nur oder primär auf „die Wissenschaft", sondern gleichberechtigt auf drei Lebensbereiche vorbereitet: Den beruflichen-ökonomischen, den gesellschaftlichen-zivilen und dem persönlichen. Balli erklärt: „Im Beruflichen ist die Einarbeitung in neue Themenfelder zentral. Sehr wohl wird weiterhin Expertise gefragt, also Personen, die wissen, wovon sie sprechen. Aber auch eine solche Expertise muss sich ständig über das Leben ändert und weiterentwickeln. Deswegen ist die Fähigkeit, sich immer neu in Sachverhalte einzuarbeiten, sehr wichtig. Daneben ist die Fähigkeit zur Zusammenarbeit – statt dem Ideal des einsamen Gelehrt*innentums – eine entscheidende Schlüsselkompetenz. Das Lernziel mit Blick auf Gesellschaft und Politik ist, dass Studierende aktiv und reflektiert, am politischen Leben teilhaben: mit unterschiedlichen politischen Standpunkten in Kontakt treten können wie auch über Urteilskraft verfügen und wissen, wann Grenzen zu ziehen sind. „Schließlich wollen wir im persönlichen Bereich die Sorge um sich selbst ernst nehmen. Dies ist gerade in Zeiten, in denen ein hohes Eigenengagement gefordert und die Burnout-Gefahr hoch ist, essentiell.“ Lösungen aus dem 19. Jahrhundert - oft unter Verweis auf Humboldt - können dieser Gemengelage nicht Genüge tun, so die Annahme von CREATES.

Keine passiven Rezipienten

Wie aber sollen konkrete Praktiken an Universitäten im Geiste von CREATES aussehen? Genau hierzu arbeitet das mit vier aus Lehrenden der Partnerinstitutionen zusammengesetzte Entwicklungsteam. Von der Leuphana leisten hier Mitarbeiter*innen aus dem Studium Individuale als auch dem Lehrservice wichtige Arbeit. Sie erarbeiten mit den Kolleg*innen der anderen Partnerinstitutionen „Toolkits" zu innovativem Lernen und zu Advising. Auf der Ebene von Seminaren und Kursen zeigt sich dies etwa dadurch, dass Studierende selbst Forschungsprojekte durchführen: Von Anfang bis Ende Wissen generieren, eine Forschungsfrage wählen, passende Methoden auswählen, diese zusammenstellen und das Ergebnis präzise verschriftlichen. „Entscheidend an der Lehre in diesem Kontext ist, dass das Lernen ganz stark von eigenen Interessen und vom eigenen Engagement abhängt“, fasst Balli zusammen, „ein Beispiel in traditionelleren Seminaren wäre, dass die Studierenden ihren Lernprozess mit einem learning diary begleiten.“ Eine andere Form solchen aktiven Lernens, wie es z.B. an der Universität Maastricht durchgehend praktiziert wird, ist das problem-based learning im Unterschied etwa zu einem klassischen Hauptseminar zu Zeiten des Magisters. „Jede Lerneinheit beginnt mit einer konkreten Problemstellung. Die Studierenden gehen mit dieser Problemstellung nach Hause, recherchieren selbstständig und stellen am Beginn der kommenden Stunde Antworten zusammen. Die Studierenden sind hier nie nur passive Rezipienten, sondern immer aktive Co-Produzenten von Wissen: Forschende, Researcher im besten Sinne des Wortes.

Man sei sehr dankbar, so Volker Balli, mit CREATES auch für die Weiterentwicklung der Leuphana keinen geringen Beitrag zu leisten: Nicht nur konnten mit CREATES Verbindung zu einige herausragenden Universitäten in ganz Europa etabliert werden; genauso wichtig ist, zentrale Impulse für die Weiterentwicklung von Studium und Lehre für die Leuphana zugeben und ihr dabei zu helfen, als ein herausragendes Beispiel für Studium in Europa zu sein. Das Interesse von einigen Seiten, so besonders des Colleges, ist ein Zeichen, dass CREATES auf einen hausinternen Bedarf antwortet. Jede*r ist, so Balli, herzlich eingeladen, sich vertrauter zu machen und damit die Leuphana als Ort zukunftweisenden Studierens weiter zu stärken.



Autor: Martin Gierczak