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Nichts an der Wand. Digitalisierungsexperte Jürgen Handke im Interview

14.10.2019 Der Overhead-Projektor wird nach dem Seminar an das Museum zurückgegeben. „Kennt sich jemand mit dem Beamer aus?“ Ausgedruckte Handouts, darauf aber lange Linklisten. Andererseits aber immer auch ehrgeizige Lehrende, motivierte Studierende und innovative Methoden. Die Lehre an deutschen Hochschulen ist im Prozess der Digitalisierung. Der re­nom­mier­te Hoch­schuld­i­dak­ti­ker Jürgen Hand­ke wird beim „Tag der Leh­re“ am 6. No­vem­ber 2019 die Keyno­te hal­ten. Im Interview gibt er einen Einblick.

Die Digitalisierung der Lehre, auch in dem Sinne, dass alles etwas besser, moderner, einfacher läuft, kommt nicht so richtig in die Gänge.

Das liegt, auch, an der bräsigen Bewahrungskultur in Deutschland. Das trifft auf die Digitalisierung der Lehre ebenso zu wie auf die Infrastruktur oder die Automobilindustrie. So sind wir Deutschen. Das finden wir in vielen anderen Ländern so nicht. Dieses „bloß nichts ändern, geht doch“ – das  hat uns ins Hintertreffen gebracht.

Warum ist das so?

Ein Grund ist das Mindset der deutschen Akademiker*innen bezüglich der Digitalisierung. Es liegt nicht daran, dass die Leute an deutschen Universitäten das nicht können, sondern daran, dass sie es, aus zum Teil kulturellen Gründen, nicht wollen. Wir haben in Deutschland keine Scheitern-Kultur. Es gibt nicht die Möglichkeit scheitern zu dürfen und jede*r, die oder der digitale Lehre macht und sie einrichtet, der wird zunächst einmal scheitern.

Aber Emails und Webseiten werden ja schon genutzt …

Genau. Das ist das Problem. Wir befinden uns immer noch in den neunziger Jahren, also als wir anfingen, Emails zu benutzen und die Browsertechnologie. Dabei ist es dann irgendwie geblieben. Vielleicht noch PowerPoint, aber dann hört es schon auf. Das reicht einfach nicht für die Digitalisierung der Lehre, das sind unzureichende Tools. Man müsste sich eher mit Fragen beschäftigen wie: „Wie erzeugt man ein Lehrvideo? Wie bindet man ein gelungenes Lehrvideo in die Lehre mit ein?“ Das weiß kaum jemand. Der zweite Punkt ist: Wir wollen in Deutschland schlicht nicht kollaborieren und teilen. Es gibt in der Physik den Kurs „Mechanik I“, den habe ich mir mal angeschaut. Da macht ein Lehrender ein tolles Video z.B. über Gravitation. Die anderen 360 anderen Physiker*innen, die gleichzeitig in ihrem Kurs dieses Thema behandeln, ignorieren das Video, stellen sich lieber vor den Kurs und erzählen frontal was Gravitation ist.

Was sollte man tun?

Eine schwierige Frage. Ich trage das Problem regelmäßig vor, auch bei Runden mit Minister*innen und Rektor*innen. Alle pflichten mir bei, dass es ein Problem ist, aber niemand weiß, wie man es lösen könnte. Es ist, glaube ich, nur durch Anreizsysteme von den Hochschulleitungen zu lösen. Bleiben wir zum Beispiel bei dem Kurs „Mechanik I“. Jetzt könnte man sagen, dass ein Fachbereich Physik diesen Kurs gemeinsam digitalisiert, jede*r Professor*in einen anderen Teilbereich. Jeder hat einen kleinen Anteil daran und jeder kriegt einen kleinen Anreiz von seiner Hochschulleitung, zum Beispiel eine studentische Hilfskraft für eine gewisse Zeit oder eine Reduktion des Lehrdeputats. Parallel könnte man mit einer anderen Hochschule eine Kooperation schließen, auf dass die Mechanik II digitalisieren. Und dann tauscht man das aus. Das wäre ein Vorgehen. Dazu braucht man noch nicht einmal eine Digitalisierungsstrategie der Universität, dafür braucht man einfach grünes Licht der Präsidien.

Andererseits hat Präsenzlehre ja 200 Jahre funktioniert.

Es ist nicht so, dass keine Präsenzlehre mehr gemacht werden soll. Im Gegenteil: Die stärkste Komponente der digitalen Lehre ist die neue Präsenzlehre. Es wird nur eine Verlagerung durchgeführt. Die Inhalte und die Wissensvermittlung, die bisher vom Podium herab durch eine*n Gralshüter*in des Wissens vor einer sauber aufgereihten Menge von Studierenden erfolgt ist, die ist in dieser Form nicht mehr zeitgemäß. Die Wissensvermittlung kann sich heute der digitalen Elemente bedienen, die wir im Internet vorfinden. Wir müssen sie nur zusammenstellen und die Qualität sichern. Pro Minute wird 480 Stunden YouTube-Material hochgeladen. Da ist am Ende des Monats etwas für, zum Beispiel, das Fach Physik dabei.

Und die Präsenzphasen?

Die haben wir nach wie vor. Nur anstatt sich frontal vor ein Publikum hinzustellen und diese Inhalte zu vermitteln, übe ich in den Präsenzphasen mit meinen Studierenden. Anhand von Übungen und Aufgaben, die diese digitalen Inhalte nehmen und vertiefen. Das ist eine ganz andere Präsenzphase, viel individueller, intensiver, kollaborativer. Man muss aber von diesem Podium herabsteigen, von dieser frontalen Position als Lehrender, und muss ins Publikum hineingehen.

Aber manchmal müssen Studierende nun Mal Dinge stur auswendig lernen.

Ja, klar, aber Präsenzphasen sind heute das falsche Forum dafür. Die digitalen Elemente, die im Vorfeld zusammengestellt werden, die sind ja zur Wissensvermittlung da. Dieses Wissen wird in der Präsenzphase vertieft, es wird aber nicht mehr dort gelehrt. Wenn mich ein Student nach dem Newtonschen Gravitationsgesetz fragt, sage ich ihm: „Mach das, was Du immer tust – google es!“ Anschließend diskutieren wir das, was Du gefunden hast. Aber ich stelle mich nicht mehr hin und sage: „Hier ist das Newtonsche Gravitationsgesetz“. Und so benutze ich in meiner Lehre auch kein PowerPoint mehr.

Sie nehmen ein anderes Programm.

Nein, ich benutze gar keines – ich habe nichts zu präsentieren. Wir machen Übungen, diskutieren, wenden das Gelernte an. Aber es gibt nichts, das ich an die Wand werfen müsste.

Was wünschen sich Studierende?

Grundsätzlich sage ich ein bisschen provokativ: Studierende sind keine Treiber der Digitalisierung. Denen ist gleichgültig, ob man sich mit einem Overheadprojektor und einer Kreidetafel hinstellt oder ob man digitale Elemente im Vorfeld anbietet und es dann so macht, wie ich das beschrieben habe. Ihnen ist es viel wichtiger, welche Note sie bekommen, wie viel Aufwand sie damit haben und ob der Termin passt. Alles andere ist den Studierenden, ich sage das bewusst überspitzt, egal.

Was würden Sie tun, wenn Sie in Bezug auf die Lehre völlig freie Hand hätten?

Genau das, was ich heute tue. Alles ausprobieren, was irgendwie geht. Hinfallen, aufstehen, es weiter versuchen.

Vielen Dank für das Interview!


Prof. Dr. Jürgen Handke ist Professor für Anglistik an der Universität Marburg. Als einer der Ersten setzte er sich in Deutschland für E-Education und Digitalisierung der Lehre ein. Er betreibt mit dem „Virtual Linguistics Campus“ die weltweit größte Lernplattform für englische Sprachwissenschaft und ist Mitglied des Kernkompetenzteams des Hochschulforums Digitalisierung sowie der Strukturkommission für die Gründung der TU Nürnberg. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er unter anderem durch die Entwicklung und den Einsatz humanoider Roboter in der Lehre („H.E.A.R.T.“) bekannt.

Mit dem Tag der Lehre stellt die Leuphana einmal jährlich die gemeinsame Auseinandersetzung mit einem aktuellen Themenfeld des Lehrens und Lernens in den Mittelpunkt der Universitätsgemeinschaft. In diesem Jahr widmet sich der Tag der Lehre dem Thema der Digitalisierung in Studium und Lehre und greift damit ein ebenso hoch aktuelles wie kontrovers diskutiertes Thema auf. Der Tag der Lehre wird vom Lehrservice und dem Qualitätspakt-Lehre-Projekt „Leuphana … auf dem Weg!“ unter der Leitung von Dr. Julia Webersik organisiert.


Das Interview führte Martin Gierczak.