Meldungen aus der Forschung

Motivation aus Liebe zur Sprache: Anne Barron untersucht wie Briten, Iren und Deutsche sich ausdrücken

01.10.2015 Prof. Dr. Anne Barron ist Professorin für Englische Sprachwissenschaft am Institute of English Studies an der Fakultät Bildung der Leuphana Universität Lüneburg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Lernersprachenpragmatik, im Zweitsprachenerwerb, in der interkulturellen Pragmatik, der Varietätenpragmatik, sowie in der interkulturellen Textlinguistik. Mit anderen Worten: Sie geht den kulturellen Konventionen unseres Sprachgebrauchs auf den Grund. Flexibilität bei der Vereinbarung ihrer Forschung und ihrer Familie ist ihr dabei sehr wichtig.

"SO EINE ARBEIT WIRD EIGENTLICH NIE FERTIG, MAN MUSS SIE FÜR FERTIG ERKLÄREN, WENN MAN NACH ZEIT UND UMSTÄNDEN DAS MÖGLICHE GETAN HAT." (Johann Wolfgang von Goethe)

Was war Ihre persönliche Motivation diesen Beruf zu wählen? Wie kam es zu der Professorinnen-Laufbahn?
Ich beziehe meine Motivation aus meiner Liebe zur Sprache und meinem Interesse daran, wie eng Sprache und Kultur miteinander verbunden sind. Es hat mich gereizt – und reizt mich noch heute – diesen Zusammenhängen weiter auf den Grund zu gehen. Der Berufsweg als Professorin bietet mir diese Möglichkeit und dafür bin ich dankbar.

Wo liegen Ihre Schwerpunkte in der Forschung bzw. im Transfer?
Ich untersuche unter anderem, wie sich der Gebrauch von Sprache in verschiedenen Kulturen oder bei verschiedenen Sprechergruppen unterscheidet: Wie direkt darf eine Bitte im irischen Englisch sein? Und wie ist es im Deutschen? Was antworten Iren, wenn man ihnen etwas anbietet? Wie fällt die Antwort auf dieselbe Frage in England aus; wie in Deutschland? Um den Sprachkonventionen verschiedener Kulturen auf den Grund zu gehen, untersuche ich eine Reihe von Textsorten – angefangen von Werbung im öffentlichen Bereich bis hin zu Alltagsgesprächen. Ferner interessiert mich der Sprachgebrauch von Fremdsprachlernenden, wie sie ihre muttersprachlichen Normen übertragen und welche Stadien sie bei ihrer Fremdsprachentwicklung durchlaufen.

Wenn Sie auf Ihren Werdegang zurückblicken: Gab es während Ihrer Laufbahnentwicklung zu irgendeinem Zeitpunkt kritische Phasen?
Der Weg zu einer Professur ist lang und steinig. Angesichts der unsicheren Stellensituation auf dieser Strecke konditionell durchzuhalten, ist nicht immer einfach. Ich hatte jedoch Hochschullehrer, die mich stets motiviert haben, diesen Weg zu gehen. Das hat mir sehr geholfen.

Welche Rolle spielt die Thematik der Vereinbarkeit von Beruf und Familie während Ihres Werdegangs?
Eine große. Ich habe zwei Kinder – unser Sohn ist in der zweiten Klasse, unsere Tochter ist im Kindergarten. Da ich einen Teil meiner Zeit in meinem Büro zu Hause arbeite, schaffen wir es häufig, gemeinsam zu Mittag zu essen. Nachmittags unterbreche ich oft meine Tätigkeit am Schreibtisch und kann mit den beiden etwas unternehmen. Dafür sitze ich dann zwar bis spät abends vor dem Rechner; diese Flexibilität ist mir aber ausgesprochen wichtig. Es gibt so viele wertvolle Momente, die ich nicht verpassen möchte. Die beiden sind nicht ewig jung!

Wie wichtig sind Netzwerke für Ihre berufliche Tätigkeit?
Wichtig. An der Universität Bonn gibt es ein Mentorinnen-Programm für junge Wissenschaftlerinnen, das diese Netzwerke stärken will – eine sinnvolle Sache, wie ich finde. Auch Tagungen und Konferenzen bieten viele Möglichkeiten, Kontakte aufzubauen. Für die berufliche Entwicklung ist eine gute Vernetzung essentiell.

Um Ihren Beruf „realistisch“ darzustellen, hätte ich gerne eine „kritische Würdigung“ von Ihnen. Wenn Sie also einen kritischen Blick auf Ihren Beruf werfen, was würden Sie dazu sagen?
Eine Professur ist heute zum guten Teil Management: Wie setze ich meine Ressourcen am besten ein? Welche Projekte kann ich durchführen; wem gebe ich welche Aufgaben? Im Vergleich zur Assistenzzeit ist die Lehrverpflichtung höher und die Gremienarbeit nimmt mehr Raum in Anspruch. Das macht auf der einen Seite Spaß, ist aber auch zeitraubend. Für meine Forschungstätigkeiten würde ich mir mehr Zeit wünschen.

Mehr Frauen in Professuren – ein bundes- und landesweites Ziel! Welche Maßnahmen sollten an Hochschulen Ihrer Meinung nach ergriffen werden?
Frauen sind häufig auch Mütter – oder wollen Mütter werden. Das sollten die Hochschulen nicht vergessen. Um die Attraktivität des Berufs zu steigern, gibt es einige Möglichkeiten: Eine gute Kinderbetreuung, z. B. Uni-eigene Kitas, mehr Tenure-Track-Stellen, um die Phase der Unsicherheit vor einer Festanstellung zu verkürzen, Hilfe bei der Stellensuche für den Partner – schließlich ist eine Professur für ihn oft mit einem Arbeitsplatzwechsel verbunden – sowie Teilzeitregelungen für Professor_innen, die nicht nur auf dem Papier bestehen.

Was würden Sie Frauen für den Beruf der Professorin bzw. für eine akademische Laufbahn mit auf den Weg geben?
Lernen Sie frühzeitig, Prioritäten bei Ihrer Arbeit zu setzen. Fokussieren Sie sich auf das, was wichtig ist: Ihre Promotion oder Habilitation, den Aufbau Ihres Netzwerks. Und vor allem: Lassen Sie sich nicht von dem harten und langen Weg abschrecken. Wenn Sie sich wirklich für Forschung und Lehre begeistern, ist es zu schaffen.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Einer reicht: Mehr Zeit!

 

Das Interview ist im Juni 2015 erschienen in der Broschüre "Professorinnen gestalten Wissenschaft, Hochschulkultur und Lebenszeit. "  Die Interviews führten Nele Bastian und Corinna Kröger, Frauen- und Gleichstellungsbüro der Leuphana Universität Lüneburg.


Prof. Dr. Anne Barron
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Fon +49.4131.677-1690
anne.barron@leuphana.de