Meldungen aus der Forschung

Agrarpolitik: Landwirtschaft und biologische Vielfalt müssen keine Gegensätze sein

02.11.2016 Brüssel/Lüneburg. Wie kann man die europäische Landwirtschaftspolitik so gestalten, dass sowohl Landwirtschaft als auch die biologische Vielfalt davon profitieren? Zu dieser Frage organisierte das Verbundprojekt MULTAGRI, an dem die Leuphana beteiligt ist, einen Workshop, der jetzt in Brüssel im europäischen Büro der schwedischen Region Skåne stattfand. Die Veranstaltung brachte nicht nur Ökologen, Ökonomen und Governance-Experten der verschiedenen Teilprojekte von MULTAGRI sondern auch Vertreter aus Zivilgesellschaft sowie Entscheidungsträger aus Landwirtschafts- und Umweltschutzpolitik zusammen. Die Teilnehmer haben die bisherigen Ergebnisse des Projektes einem „Realitätscheck“ unterzogen und ihre Relevanz für Entscheidungsträger geprüft.

Die Ergebnispräsentationen zeigten, dass es bei der Festlegung von Maßnahmen für Schutz und Erhalt der biologischen Vielfalt in Agrarlandschaften auf die Landschaftsperspektive ankommt. Für die Entscheidung über Schutzmaßnahmen ist es wichtig, ganze, ökologisch relativ gleichartige Gebiete zu betrachten und sich nicht an ‚künstlichen’ Grenzen etwa von Bundesländern oder Landkreisen zu orientieren.

Je nach Problemlage kommen dabei unterschiedliche Entscheidungsebenen in den Blick. So muss etwa der Schutz von Wölfen oder anderen großen Säugetieren länderübergreifend betrachtet werden, weil sich diese Tiere über große Entfernungen bewegen. Bienen und andere Bestäuber haben demgegenüber einen wesentlich kleineren Bewegungsradius. Maßnahmen für deren Schutz betreffen nur Flächen mit einer Ausdehnung von wenigen Quadratkilometern.

Mit Blick auf Schutzmaßnahmen sprachen sich die Forscher für eine gemeinschaftliche Entscheidungsfindung aus. Weil ökologische Prozesse über die Grenzen einzelner landwirtschaftlicher Betriebe, Gemeinden, Landkreise etc. hinausgehen, müssen ganz unterschiedliche Akteure, allen voran Landwirte, in Entscheidungen darüber einbezogen werden, wie der Erhalt und die Verbesserung der biologischen Vielfalt erreicht werden können.

Große Zustimmung zu diesen Ansätzen gab es bei den Repräsentanten der Praxis. Sie sahen die Landschaftsperspektive im Biodiversitätsschutz als wichtiges Thema für politische Entscheidungsträger - auch wenn das wegen der höheren Komplexität mit großen Herausforderungen verbunden ist. Aus Sicht der Landwirtschaft sollten Maßnahmen möglichst einfach sein, um den damit verbundenen Verwaltungsaufwand gering zu halten. Dabei muss klar sein, welche Maßnahmen sich über größere Landstriche hinweg erstrecken und welche lokal, zum Schutz einzelner Arten oder Habitate, sinnvoll sind.

Wenn man die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU ökologisch umstrukturieren wolle, dann müsse dies auch explizit förderlich für die landwirtschaftliche Produktion sein, waren sich die Teilnehmer einig. Auch forderten sie, dass politische Entscheidungen zum Erhalt der biologischen Vielfalt stärker als bisher auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren sollten. Wie dies gelingen kann, diskutierten Wissenschaftler und Praxisvertreter zum Abschluss des Workshops.

Hintergrund:
Das Projekt MULTAGRI wird von der schwedischen Lunds Universitet koordiniert und von der Europäischen Union gefördert. Die Leuphana Universität Lüneburg ist Teil des Verbundes und beschäftigt sich mit dem Teilaspekt ‚Herausforderungen mit Blick auf Entscheidungsstrukturen’. Die Lüneburger Forschergruppe besteht aus den Professoren Jens Newig, Jörn Fischer und Julia Leventon sowie zwei weiteren Wissenschaftlerinnen. Der Workshop wurde vom MULTAGRI-Team der Leuphana Universität Lüneburg in Zusammenarbeit mit der Projektkoordination der Lunds Universitet organisiert. An der Realisierung waren außerdem das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) in Halle sowie die Kaleidos Fachhochschule in Zürich beteiligt.