Meldungen aus der Forschung

Künstlerische Forschung. Prof. Dr. Christoph Brunners DFG-Netzwerk „Anderes Wissen in künstlerischer Forschung und ästhetischer Theorie“

13.12.2017 Prof. Dr. Christoph Brunner ist seit 2016 Juniorprofessor für Kulturtheorie am Institut für Philosophie und Kunstwissenschaft. In seinem durch die DFG geförderten Forschungsnetzwerk untersucht er den Zusammenhang zwischen künstlerischer Forschung und ästhetischer Theorie.

Künstlerische Praktiken und wissenschaftliche Arbeit stehen sich keinesfalls als Gegensatz gegenüber, sondern verbinden sich in der künstlerischen Forschung. Christoph Brunner untersucht, welche Art des Denkens und kollektiven Prozesse dabei hervortreten und wie diese zu traditionellen ästhetischen Theorien stehen. „Künstler, Geistes- und Naturwissenschaftler sind sich sehr ähnlich. Sie setzten sich alle drei mit bestimmten Materien auseinander, bringen sie in Resonanz und schaffen auf ihre Art und Weise Neues“, erklärt er. 

Erkenntnis hinterfragen

In diesem Kontext liegt die Frage nach Erkenntnis nahe, die sich wissenschaftliche und künstlerische Praktiken aus unterschiedlichen Perspektiven in ihren Kontexten stellen. Ist das eine Art von Erkenntnis in zwei Bereichen oder sind es zwei verschiedene? Lassen sie sich vergleichen? Hiervon ausgehend prüft Brunner die Bedeutung des Begriffs Erkenntnis und untersucht, wo er passt und wo er zu kurz greift. „In künstlerischer Arbeit passiert etwas, was mit dem klassischen Erkenntnisbegriff nicht erfasst wird, worum sich das Netzwerk aber dreht: nämlich inwiefern dort auf der Empfindungs- und Erfahrungsebene, auf der sinnlichen Ebene, eine Form vom Erkenntnis generiert wird, die gar nicht mit klassischen begrifflichen Sinne als Erkenntnis gefasst werden muss?“, sagt Brunner und ergänzt: „Für mich ist eine grundlegende Frage: Hilft uns der Begriff der Erkenntnis noch? Oder geht es eigentlich um etwas anderes?“

Um diese gegenseitige Bedingtheit von Erkenntnis und Empfindung theoretisch zu fassen, greift er auf den niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza zurück. Dieser hat als erster eine klare Verbindung zwischen körperlichem Empfinden und Denken festgestellt. Damit stand er im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen René Descartes, der eine Trennung zwischen beidem behauptete, welche sich bis heute noch im Alltagsverständnis festgesetzt hat. Spinoza dagegen vermeidet es, das Denken in den Mittelpunkt des Menschen zu stellen und es von anderen Tätigkeiten abzugrenzen. Stattdessen argumentiert er auf der Ebene von Affekten. Auf dieser gibt es keinen hierarchischen Unterschied zwischen Denken und Empfinden. Daher ist Spinoza ein guter Referenzpunkt, wenn es um die Überschreitung von Grenzen, wie eben der zwischen Kunst und Wissenschaft, geht. Mit Spinoza stellt sich die Frage, ob diese Trennung, so wie wir sie kennen, eigentlich Sinn ergibt. So versteht sich auch der zweite Teil des Netzwerks: lässt sich mithilfe der künstlerischen Forschung die ästhetische Theorie selbst als etwas Künstlerisches begreifen?

„The Visitors“ von Ragnar Kjartansson

In seinen Arbeiten setzt sich Brunner mit verschiedenen künstlerischen Praktiken auseinander. Einen Text, den er zuletzt publiziert hat, ist „The Visitors“ des isländischen Performancekünstlers Ragnar Kjartansson. Die Arbeit ist eine auf neun Screens verteilte Performance mit acht Musiker_innen. Diese spielen in einem hip anmutenden Haus in Upstate New York Musik. Diese basiert auf einem Gedicht der Ex-Partnerin des Künstlers und läuft in einem Loop. Besucher_innen laufen durch die Ausstellung und treffen auf den Screens auf die durch Kopfhörer verbundenen Musiker_innen, die in unterschiedlichen Räumen des Hauses spielen. Die Arbeit endet mit den Musikern, die sich nacheinander alle auf der Veranda (einem der Screens) versammeln, um anschließend gemeinsam singend die Wiese zum Hudson River herunterzuwandern. 

Video: The Visitors (5:40 Min)

 

„Die Besucher“, sagt Brunner, „versammeln sich selbst in einer Art communitas vor dem letzten Screen. Aufgrund der ästhetischen Form, die diese Arbeit einnimmt, hat sie eine sehr starke affektive und soziale Wirkung. Natürlich in einem sehr kleinen Rahmen und eher exklusiv. Nichtsdestotrotz demonstriert die Arbeit für mich ein Erkunden dessen, was Forschung auf der Sinnesebene bedeutet und inwiefern diese Erfahrung eine aktivierende und politische Wirkung hat.“

Dabei ist die konstitutive Ebene von Erfahrung als Art der Forschung sehr relevant, denn es gibt kein Wissen, das sozusagen einfach so in der Welt vorhanden ist. Diese Einsicht ist dem Diskurs der künstlerischen Forschung zu verdanken, der einige epistemologische Fragen, zur Forschungslandschaft selbst, hervorgebracht hat: Was ist eigentlich Wissen? Welche verschiedenen Formen des Wissens gibt es und wie stehen die Formen des Wissens im Verhältnis zu Körperlichkeit, Wahrnehmung und dem Sinnlichen? Und auch ganz materielle Fragen, die aber zur Wissensproduktion wesentlich dazugehören: „Da ist die künstlerische Forschung zum einen ein Institutionalisierungsdiskurs, also ‚Wie erlangt man Forschungsgelder für Künstlerinnen und Künstler im Kontext universitärer Strukturen?‘. Daneben gibt es die künstlerische Praxis selbst, die sich in Recherche und Institutionskritik, in gewissen kollaborativen Kontexten auch außerkünstlerischen Zusammenhängen immer wieder mit Problemen des Empfindens, des Wahrnehmens, des Situierens auseinandersetzt“, führt Brunner aus. 

Arbeit mit Künstlern

„Ich arbeite sehr viel mit Künstler_innen, weil sie für mich die sehr viel härteren, existenzielleren Fragen stellen. Im Sinne von: Was heißt es, zusammenzukommen und zum Beispiel einen Text zu lesen?“, erzählt Brunner. In der Zusammenarbeit mit Kunstschaffenden werden die vielen unhinterfragten Gegebenheiten und Machtverhältnisse von Forschung und Wissenschaft deutlich. „Also, so dass es nicht nur darum geht, wie man den Inhalt eines Textes verhandelt, sondern: ‚Wie gehst Du damit um? Besorgen wir etwas zu Essen, wenn wir zusammenkommen? Wie viel Zeit nehmen wir uns? Treffen wir uns in einem Seminarraum oder in einer Galerie oder ganz woanders?‘ Dies, das Hereinnehmen weiterer Dimensionen von Existenz auf medialer und ästhetischer Ebene ist es, was die Zusammenarbeit u.a. mit Künstler_innen für mich so spannend macht. Ziel ist hier das Einbinden affektiver Dimensionen von Existenz, die immanent politisch sind.“

Das Netzwerk

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Netzwerk. „Das Interessante am Netzwerk war und ist für die DFG“, kommentiert Brunner, „dass wir eine Verbindung zwischen der ästhetischen Theorie und der Befragung von Kunstschaffenden vornehmen und damit andere Formen des Denkens durchspielen können.“ Das Projekt verläuft in einem klassischen Netzwerkformat mit sechs Treffen. Das erste hat an der UDK in Berlin bereits stattgefunden. Bei den nächsten Treffen sollen jeweils zwei Gäste aus dem Kunstfeld eingeladen werden. Diese werden nicht nur als Gesprächspartner_innen bereit stehen, sondern Experimente durchführen und Workshopsituationen herstellen. „Es geht nicht darum, sich nur im Diskursiven auszutauschen“, sagt Brunner. Gleiches gilt für die Publikationsformate, die aus dem Netzwerk heraus entstehen werden. Es wird höchstens einen klassischen Sammelband geben. Ansonsten soll in den Publikationsformen experimentiert werden, darunter mit Blogs und Wikis. Das Netzwerk wird schließlich mit einer Ausstellung im Kunstraum abgeschlossen, um zu ermöglichen, künstlerische Forschung im Ausstellungskontext sinnlich erfahrbar zu machen. Dies ist ihm wichtig: „Bloß nicht immer nur über die Dinge reden.“

Brunner arbeitet im ArchipelagoLab gerne mit Diagrammen. „Es ist wesentlich mehr für mich als eine Denkstütze oder eine Illustration. Es hat viel mehr mit dem zu tun, was ich auch philosophisch versuche: Relationen und Verhältnisse, die Dinge in ihrer Dynamik, zu sehen und darzustellen.“


Kontakt

Prof. Dr. Christoph Brunner
Universitätsallee 1, C5.405
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2340
christoph.brunner@leuphana.de


Martin Gierczak. Neuigkeiten aus der Universität können an news@leuphana.de geschickt werden.